"Wir sind keine Nachtwächter" Schnell und knallhart: Die schwarzen Sheriffs in blau

Lange Jahre haben sie hier zum gewohnten Anblick gehört: Schwarze Sheriffs vor dem Chinesischen Turm in den 80er Jahren. Foto: Istvan Bajzat/AZ-Archiv

Schnell und knallhart: Diesen Ruf pflegten städtischen Schandis in den 70ern und 80ern. Bei den Münchnern waren sie stets umstritten.

 

München - KAD - Kommunaler Außendienst: 106 Mitarbeiter will die Stadt heuer einstellen, 92 von den neuen blauen Sheriffs sollen auf den Straßen im Einsatz sein. Vor allem im Alten Botanischen Garten, am Sendlinger Tor oder Stachus, wo die Polizei einen zum Teil deutlichen Anstieg der Kriminalität festgestellt hat, sollen sie bis 1.30 Uhr nachts patrouillieren und die Polizei entlasten.

Hilfs-Sheriffs gab es in München freilich schon früher - die waren allerdings privat und in Schwarz unterwegs. Auf ihren schwarzen Lederwesten leuchtete ein Silberstern, an der Hüfte baumelte ein Colt, sechsschüssig, Kaliber 39 Millimeter. Auch Langwaffen, Maschinenpistolen, Schlagstöcke, Handfesseln, schnelle schwarze Funkwagen und eine Anti-Abhöranlage gehörten zur Ausrüstung einer Münchner Privatarmee, die Mitte der 70er Jahre von der Stadt - München erlebte neue Formen der Kriminalist - als Hilfstruppe der Polizei angeworben wurde.

Vielen Bürgern, Politikern, Gewerkschaftern und auch Polizeioberen erschienen die "Schwarzen Sheriffs", wie sie bald genannt wurden, eher als ein Verunsicherungs- und potentielles Gefahreninstrument. Mehrjährige Erfahrungen in Amerika hatten den ehemaligen Judo-Meister Carl Wiedmeier zur Gründung seines "Zivilen Sicherheitsdienstes" (ZSD) angeregt. Die meist jüngeren Männer rekrutierte er aus seinen fünf "koreanischen Kampfsportschulen".

Sie vertrieben Penner, Hippies und Rocker

Er lehrte sie, den Colt in einer halben Sekunde zu ziehen und aus der Hüfte zu schießen. Er brachte ihnen auch noch ein paar rechtliche und psychologische Verhaltensregeln bei. Der Drill dauerte in seiner Pseudopolizeischule ganze zwei Jahre. Das Hauptquartier der Schutztruppe schlug Wiedmeier im Radstadion des Olympiaparks auf, deren Stärke wollte er nicht verraten.

Das hauptsächliche Jagdrevier der Männer im Wildwestlook war denn auch der olympische Quadratkilometer. In der unterirdischen Autozufahrt war die Kriminalität erblüht. "Unter unserer Bewachung sank sie fast auf Null", meldete Wiedmeier. Solcher Erfolg veranlasste auch den Münchner Verkehrsverbund, die schwarze Garde in den als unsicher empfundenen U-Bahnhöfen einzusetzen, wo sie seit Anfang 1975 sieben steckbrieflich Gesuchte und fünf Einbrecher aufspüren und der Polizei übergeben konnte.


Ein Schwarzer Sheriff vor der ZSD-Zentrale am Radstadion. Foto: imago

Unter dem Motto "Wir sind keine Nachtwächter" pflegten die Männer, an deren feschen Mützen eine Faust im Wappen blitzte, schnell und knallhart zuzupacken. Ein Mann, der seinen Hund im Olympiabau mitführte und nicht gleich parierte, kam mit einer Gehirnerschütterung davon. Penner, Hippies und Rocker, von der richtigen Polizei bisweilen toleriert, wurden von den Sheriffs handfest und ohne viel Federlesens aus dem Untergrund vertrieben. Die Colt-Träger übten zwar nicht gerade Polizeigewalt, aber doch Hausrecht aus.

Nach einem letzten Eklat kündigt die Stadt den Vertrag

Das stramme Auftreten bewog auch viele Privatleute und Firmen, die ZDS-Truppe für einen stattlichen Tarif zu "mieten". Es gäbe halt immer mehr Leute, die Angst hätten, begründete Wiedmeier. Sogar für eine Nervenklinik und als Werkschutz wurden die Schwarzen Sheriffs herangezogen.

Sie bewachten auch das Kernkraftwerk Ohu , wo sie im Dezember 1980 mit Gewehren, wie man sie in den USA zur Bekämpfung von Aufständen entwickelt hatte, wildwestartig herumballerten; einer der ihren wurde verletzt, ein Kühlturm durchlöchert.

Als im Rathaus immer mehr Unmut laut wurde gegen die "paramilitärische Schutztruppe" und sogar Erinnerungen an die späte Weimarer Zeit laut wurden, sprang der liberale Polizeipräsident Manfred Schreiber in die Bresche. Für ihn war der ZSD eine "legitime Firma", die in eine "Marktlücke" gestoßen sei. Natürlich dürfe aber der Staat das kontrollierte Machtmonopol nicht an private Träger geben.

SPD und FDP witterten "Fremdlegionen"

Nur, woher das legitime Personal nehmen? In München war seinerzeit ständiger Schutz für nicht weniger als 42 Einzelpersonen, 89 Personengruppen und 160 Objekte notwendig.

Nachdem Wiedmeier 1979 in Anzeigen neue Leute für eine "Observationsgruppe" suchte, wobei er auf "Tropentauglichkeit" Wert legte, witterten SPD und FDP eine staatlich geduldete "Fremdenlegion", vielleicht zum Schutz für die 3.000 deutschen Mitarbeiter eines im Iran entstehenden Kernkraftwerks. Und als zwei der Hilfs-Sheriffs zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurden, weil sie Obdachlose im Stachus-Untergeschoss misshandelt hatten, kündigte die Stadt im Januar 2005 den Vertrag.

Für Sicherheit und Ordnung musste fortan in München allein wieder die gute alte Polizei sorgen. Erst jetzt gibt's wieder Unterstützung - von der Stadt.

 

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