Wiesnwirt im AZ-Interview Wiggerl Hagn: "Früher wurde viel mehr gerauft"

, aktualisiert am 26.09.2017 - 12:19 Uhr
Der 77-Jährige ist der dienstälteste Wiesnwirt. Foto: ho

Wiggerl Hagn über Wiesngäste, die ihr Hendl selbst mitbringen, und wildere Zeiten im Zelt.

 

München - Er ist einer der bekanntesten Münchner: Ludwig "Wiggerl" Hagn (77), der Parade-Wirt mit dem berühmten aufdrahten Bart. Das Oktoberfest kennt der Hirschau-Chef so gut wie kein Zweiter. Wir sprachen mit ihm im Wiesn-Büro seines Löwenbräuzelts.

AZ: Herr Hagn, Sie sind nicht der älteste, aber der dienstälteste Wiesn-Wirt.
WIGGERL HAGN: Genau so stimmt’s. Unter meinen Kollegen und Kolleginnen gibt es keinen, der länger auf der Wiesn ist. Oktoberfest-Premiere hatte ich 1956 als erst 17-Jähriger.

Wie kam es dazu?
Mein Vater war damals sehr krank und ist dann mit erst 48 Jahren verstorben. Ich war der einzige Sohn und wollte eh Wirt werden.

Was waren Ihre ersten Aufgaben auf der Wiesn?
Wie in unserem damaligen Wirtshaus, dem Rheinhof am Hauptbahnhof, hab ich fast überall mitgeholfen: Besteck geputzt, Bierzeichen gezählt oder in unserer Metzgerei mitgearbeitet. Damals war alles noch viel kleiner.

Sie meinen das damalige Zelt Ihrer Familie?
Ja, auch, doch die gesamte Wiesn ist mit der von heute nicht vergleichbar. Meine Eltern waren die Wirte des Schützenzelts, das in den ersten Jahren nur 800 Plätze hatte – und die waren nicht selten frei. An einem verregneten ersten Wiesn-Montag hatten wir mal 40 Gäste, 23 Bedienungen und 20 Musiker im Zelt. Früher war das Oktoberfest lang nicht so gefragt wie heute.

Reservierungen gab’s demnach überhaupt nicht.
Richtig. Jeder Besucher bekam einen Platz im Zelt seiner Wahl. Damals musste man um den Gast noch kämpfen. Die ersten Reservierungen füllten dann lediglich ein DIN-A-4-Blatt. Inzwischen sind die reservierbaren Plätze schon im Februar von den Stammgästen belegt.

Die Speisekarten der Wiesn-Zelte gleichen heute denen von Restaurants. Wie sah das damals aus?
Seinerzeit gab’s nur Wammerl mit Kraut, Regensburger und Weißwürscht. Hendl- und Schweinswürstl-Grill hatten wir noch nicht. So wurden die Würste in der Pfanne gebraten, die Hendl im Backrohr eines Kohleofens. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass einige Gäste, meistens Bauern aus der Umgebung, ihre Hendl sogar mitgebracht haben.

Roh?
Ja, roh und gerupft. Die Hendl wurden dann von uns gebraten, wofür damals 50 Pfennig kassiert wurden. Viele Gäste haben damals im Bierzelt auch gar nichts gegessen.

Dafür mehr getrunken?
Es gab weder Mineralwasser, noch eine Radlermaß, nur Bier, und davon wurde tatsächlich weitaus mehr getrunken als heute. Zwölf bis 16 Maß waren keine Seltenheit, dafür wurde aber auch viel mehr gerauft.

Die Krüge waren noch Keferloher aus Steingut, wie es sie jetzt wieder auf der Oidn Wiesn gibt?
Klar, und vor den Schänken standen damals noch sogenannte Brendn, große runde Holzwannen, die mit Wasser gefüllt waren. Da wurden die Krüge einfach durchgeschwenkt. Sowas wie eine Krugspülmaschine war ja noch Zukunftsmusik.

Wie haben sich die Zelte mit der Zeit verändert?
Inzwischen sind das mehr Prachtbauten als einfache Bierzelte, was sich auch in den Kosten niederschlägt. Unser erstes Zelt, das damalige Schützenzelt, kostete 1953 noch 11.300 Mark, alles inklusive. Unser heutiges Löwenbräuzelt kommt auf 2,4 Millionen Euro.

Statt 800 Plätzen hat es aber auch 5.900 im Zelt und 2.700 im Biergarten, was den Umsatz steigen lässt. Nicht umsonst wollen ja so viele Gastronomen ein Wiesn-Zelt. Wie sah das früher aus?
Da gab es auch Bewerbungen, doch weit weniger. Einige Kollegen hörten sogar auf und verließen die Wiesn wieder, weil dort einfach nicht so viel los war und sie weniger als gedacht verdient haben. Das klingt heute geradezu unglaublich. Früher war das Oktoberfest einfach lang nicht so gefragt wie heute.

AZ-Liveblog zur Wiesn: Heute wieder Familientag!

 

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