Wiesn-Absage 2020 Schausteller-Sprecher: "Uns wird ein ganzes Jahr gestrichen"

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Schausteller-Sprecher Edmund Radlinger in seinem "Weißbiergarten" auf der Wiesn. Foto: imago

Viele Schausteller stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Hier erklärt Sprecher Edmund Radlinger, warum – und was er jetzt von der Politik erwartet.

 

München - Edmund Radlinger hat nicht nur Geldsorgen, Edmund Radlinger vermisst auch seine Kollegen. "Der Aufbau ist immer hektisch, aber dann sind wir wieder alle beisammen, deshalb ist's auch immer schön", sagt der Sprecher der Schausteller, "das sind soziale Bindungen, die verbinden viele von uns schon ein Leben lang".

Edmund Radlinger ist in dritter Generation Schausteller und betreibt den Weißbiergarten auf dem Oktoberfest und auch auf dem Frühlingsfest. Doch so eine Angst wie jetzt hatte er noch nie – das Oktoberfest 2020 fällt aus. "Durch diese Pandemie wird uns ein ganzes Jahr unseres Lebens gestrichen", sagt er. Null Einnahmen, viele Ausgaben und keine Hoffnung, dass heuer wenigstens ein bisserl Geld reinkommt.

Viele Schausteller stehen vor der Insolvenz

Der Weißbiergarten-Wirt spricht für etwa 300 Schaustellerfamilien und Marktkaufleute, von denen laut Radlinger etwa ein Drittel vor der Insolvenz steht. "Ich kann mit einem Kredit meine Schulden nicht abbezahlen", sagt Radlinger und: "Ich werde im nächsten Jahr sicher nicht das Doppelte verdienen." Er spricht aber auch für den "Rattenschwanz an Leuten", die an der Wiesn dranhängen.

Allein 45.000 Euro an Versicherungen zahlt Radlinger im Jahr – gegen eine Pandemie ist er nicht versichert. Jedes seiner 22 Fahrzeuge muss gewartet werden. Vom Staat hat Radlinger 9.000 Euro Soforthilfe erhalten. "Nun", sagt Radlinger. Dann ist's kurz still. "Sie können sich denken, wieviel mir das hilft."

Radlinger fordert eine Möglichkeit für Schausteller, einem Erwerb nachzugehen. "Das müsste dann auf öffentlichem Grund sein", etwa Buden und Fahrgeschäfte in Fußgängerzonen. "Wieso darf eine Veranstaltung wie die Auer Dult nicht abgehalten werden? Oder das Unterhachinger Bürgerfest? Da bin ich der Veranstalter, ich würde das auch ohne Bierzelte machen", sagt Radlinger.

Radlinger fordert finanziellen Schutzschirm

Und wenn die Schausteller keine Möglichkeit haben, Geld zu verdienen, dann müsse ein Schutzschirm her. "Geht doch bei Tui und Lufthansa auch und die geben Gutscheine an die Leute aus und haben nicht hundertprozentigen Verdienstausfall", ärgert sich Radlinger.

Ein Karussell oder Festzelt sei derzeit weltweit unverkäuflich. "Unsere Betriebe sind nichts wert, wenn sie nicht auf Volksfesten stehen." 2019 hatten wegen einer neuen Norm im europäischen Baurecht sechs Münchner Schaustellerfamilien in neue Attraktionen investiert. "Die alten Fahrgeschäfte waren alle noch sicher. Aber durch die neuen Richtlinien wurden Schausteller gezwungen, zu investieren", sagt Radlinger.

Er rechnet damit, dass sich Familienstrukturen verändern werden, weil sich die Jungen umorientieren müssen. Ausländische Mitarbeiter, die seit Jahren beschäftigt werden, müssen gekündigt werden, weil das Kurzarbeitsgeld zum Leben nicht reicht. Wenn es eine Wiesn 2021 gibt, werden viele bekannte Gesichter fehlen – glaubt Radlinger.

Deshalb müsse die Politik schnell und entschlossen handeln, um diesem traditionsreichen Gewerbe eine Zukunft aufzuzeigen. "Wir konnten bisher jede Herausforderung meistern, denken Sie an die Terrorgefahr. Jetzt vernichtet uns etwas, das wir nicht einmal sehen können."

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