Von der Standlfrau bis zum OB Münchner schreiben, wie’s weitergeht: Aufstehen und Mut fassen

Münchner sprechen Münchnern in der AZ Mut zu - die Beiträge von der Standlfrau bis hin zum Oberbürgermeister. Foto: dpa/AZ/ho

Auf drei Seiten schreiben Menschen aus unserer Stadt, wie sie nach einer Woche der Trauer wieder nach vorn blicken – und was ihnen dabei hilft.

 

München - Eine Woche nur. Aber was für eine. Der Amoklauf am OEZ hat tiefe Spuren hinterlassen in der Stadt. Schmerz, Leid, Angst. Danach der Rucksackbomber in Ansbach, Terror in der Türkei. Manche trauen sich kaum mehr, den Fernseher einzuschalten, weil doch bloß schlechte Nachrichten herauskommen. Auch wir bei der Abendzeitung haben keine Freude daran, bloß erschütternde Botschaften zu verbreiten.

Hier lassen wir Münchner schreiben, die in ihren eigenen Worten erklären, wie das Leben nun für sie weitergeht. Was ihnen Mut und Zuversicht verleiht. Und warum Angst nicht die Überhand gewinnen darf in einer Stadt, die wir ja für die schönste der Welt halten.

Vom Oberbürgermeister bis zur Standlfrau, vom Geistlichen bis zum Gastwirt – lesen Sie diese Beiträge auf den kommenden drei Seiten. Kluge An- und Einsichten, gute Ratschläge und viel Gefühl füreinander stehen in all den Zeilen und dazwischen auch. Sie sagen: Kopf hoch, München! Das Leben geht weiter. Aufstehen, Mut fassen.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Autoren für die Beiträge – und wünschen unseren Lesern viel Freude bei der Lektüre. Und einen schönen Sonntag!

OB Dieter Reiter: „Weitermachen – zusammen, nicht getrennt“

Vor einer Woche haben wir gerade versucht, das Unfassbare zu begreifen. Es war eine lange, eine schreckliche Nacht, und es folgten Tage der grausamen Gewissheit, dass so viele Menschen bei dieser Wahnsinnstat ihr Leben verloren haben. Deshalb haben wir alle städtischen Feste und Feiern in dieser Woche abgesagt.

Am Dienstag habe ich einige der Angehörigen getroffen und ihnen auch im persönlichen Gespräch meine tiefe Anteilnahme ausgedrückt. Und ich durfte erleben, wie unterschiedlich Menschen trauern. Die einen, die im engsten Kreis ihrer Familie bleiben, die anderen, die den Schmerz in einer großen Gemeinschaft besser ertragen.

Es lag mir am Herzen, bei den Beerdigungen dabei zu sein, die in München stattgefunden haben. Ein schwerer Gang, aber unendlich viel schwerer für die Eltern, Geschwister, alle Angehörigen und Freunde.

Meine Gedanken sind auch bei den Verletzten, und ich hoffe, sie alle erholen sich möglichst schnell und vollständig. Die psychische Aufarbeitung dieser so schrecklichen und menschenverachtenden Tat wird sehr lange Zeit brauchen, vielleicht ein ganzes Leben.

Sich gegenseitig Halt zu geben, füreinander da zu sein, das ist, was man in diesen Tagen tun kann. Auch die Kriseninterventionsteams, Lehrerinnen und Lehrer, die Mitschülerinnen und Mitschüler, Mitmenschen können Halt geben und über diese schwierige Zeit helfen.

Wo immer Hass aufkeimt, müssen wir den Zusammenhalt dagegensetzen, die Gemeinsamkeiten sehen, nicht das, was uns unterscheidet. Und so werden wir in unserer Stadtgesellschaft weitermachen: Zusammen, nicht getrennt, weltoffen, bunt und tolerant.

Das macht unsere Stadt, unser Lebensgefühl aus und daran wird niemand etwas ändern können.

Charlotte Knobloch: „Das Leben geht weiter – nicht der Tod“

Natürlich lassen auch mich die schrecklichen Geschehnisse, die Meldungen und Bilder nicht los. Ich bin sehr traurig über die vielen, vor allem jungen Opfer und entsetzt über den geballten Hass, die völlig enthemmte, gnadenlose Brutalität, die sich in der letzten Woche so fürchterlich entladen hat.

Da kann und darf man nicht nach ein paar Tagen wieder zur Tagesordnung übergehen. Trauer, Verstörung und Angst brauchen Zeit und Raum, auch Riten. Das gilt vor allem für die Hinterbliebenen, die vielen Verletzten und die, die alles miterleben mussten. Auch die Stadtgesellschaft muss innehalten – Nizza, München, Ansbach, Saint-Étienne du Rouvray wurden bis ins Mark erschüttert.

Deshalb ist es gut, dass es in München eine Woche der Trauer gibt. Aber: Das Leben geht weiter – nicht der Tod. Wir sollten rasch in unseren Alltag zurückfinden. Nicht um zu vergessen. Im Gegenteil: Um für die Trauernden stark zu sein und um unser Leben nach unserer Weise weiterzuleben – im Bewusstsein, wie kostbar es ist, und in der Entschlossenheit, dafür zu kämpfen.

Imam Benjamin Idriz: „Euer Hass kommt nicht aus unserer Religion!“

Als Muslim bin ich doppelt betroffen: die Mehrzahl der Opfer des Amoklaufs waren Muslime, und sind damit erneut – wie leider schon so oft in Deutschland – Opfer von Hass auf vermeintlich „Fremde“ geworden.

Wenn die Täter der Anschläge in Nizza, in Würzburg, in Ansbach sowie die Mörder des Priesters in Frankreich vorgeben und sich womöglich selbst einreden, Muslime zu sein, dann rufe ich ihnen, und denen, die mit ihnen sympathisieren, zu: Euer Hass kommt nicht aus unserer Religion! Eure Gewalt kommt nicht von unserem Propheten! Ihr habt nichts von der Barmherzigkeit Gottes verstanden und nichts von Seinem Koran. Wendet euch dem allbarmherzigen Allah zu, damit er euch auf seine Wege des Glaubens, der Vernunft und der Menschlichkeit zurückführt.

Anstatt Angst und Misstrauen zu schüren, müssen wir gemeinsam, Muslime wie Nicht-Muslime, mutig und entschlossen gegen Hass und Gewalt vorgehen. Wir dürfen uns nicht spalten lassen von Populisten und Politikerreden, sondern müssen gemeinsam an das friedliche Miteinander glauben und Tag für Tag dafür eintreten. Am 15. Juli haben Moscheen und unzählige Bürger ihre Häuser über Nacht für Menschen geöffnet. Dieser gemeinsame Geist der Mitmenschlichkeit soll Münchens Botschaft aus dieser schrecklichen Nacht sein.

Polizeipräsident Hubertus Andrä: „Erhöhte Aufmerksamkeit und noch höhere Präsenz“

Die schlechten Nachrichten der letzten Tage haben mich betroffen gemacht. Sie haben bei mir auch Erinnerungen an andere schwierige Einsätze, wie den Amoklauf in Bad Reichenhall, das Zugunglück in Kaprun oder der Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall hervorgerufen.

Natürlich waren und sind die Gedanken auch immer wieder bei den Familien, die den schrecklichen Schicksalsschlag zu verarbeiten haben.

Auch wenn wir für München derzeit keinerlei konkrete Hinweise für eine Gefährdungslage haben, sind meine Kolleginnen und Kollegen trotzdem mit erhöhter Aufmerksamkeit und mit noch höherer Präsenz in der Stadt unterwegs.

Wir leben in einer lebenswerten und liebenswerten Stadt. Wir als Ihre Münchner Polizei werden alles dafür tun, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Bei aller Tragik und aller Trauer dürfen wir aber auch die schönen Aspekte in unserem Leben nicht vergessen. Denn daraus können wir auch die Kraft und den Mut für die Zukunft schöpfen.

Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler: "Davonlaufen gilt nicht"

Bei uns zu Hause gab es einen eisernen Ehrenkodex beim Austragen von Konflikten: Davonlaufen gilt nicht! Die Frage „Wie sollen wir jetzt weiterleben?“ nach dem Amoklauf im OEZ und den vielen Terroranschlägen in der Welt lässt schnell an Weglaufen und Verstecken denken. Die Sicherheit ist weg, und es kann jeden von uns ganz unvermittelt treffen.

Diese Mörder haben keinen Respekt vor dem Leben, dem eigenen wie dem des anderen. Unser Leben aber will organisiert und gestaltet sein wie sonst auch. Es gibt keine Alternative dazu. Deshalb muss ich kein Held sein, um so zu leben. Ich darf den staatlichen und polizeilichen Organen vertrauen, obwohl ich weiß, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt.

Ganz wichtig für mich aber sind meine christliche Überzeugung und die Ermutigung aus meinem Glauben heraus. „Was kann mich scheiden von der Liebe Christi?“, fragt einmal der Apostel Paulus. Nichts, so seine Antwort. Keine Macht, keine Gewalt, kein Hass ist in der Lage, seine Liebe zum Leben und zum Nächsten zu zerstören. Gott ist ein Liebhaber des Lebens, ich darf sein Abbild sein. ,Gott ist groß’ zu rufen und dann Menschen in den Tod reißen, ist nur abartig, hat nichts mit einem ehrlichen Gottesbild und einem gesunden Glauben zu tun. Wie ein Apostel Paulus bin auch ich kein Held, aber ich weigere mich, mich vom Hass dieser Terroristen einschüchtern zu lassen! Natürlich werde ich Situationen eher meiden, wenn ich mir unsicher bin, aber ich werde immer gegen jede Form des Unrechts in unserer Gesellschaft aufstehen und mich wehren. Je gemeinschaftlicher wir das tun, umso erfolgreicher werden wir sein.

Davonlaufen gilt nicht!

 

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