"Völlig losgelöst" von Marcus H. Rosenmüller Starkbier-Anstich auf dem Nockherberg: Das Singspiel

Singspiel "Völlig losgelöst": Die Weltraumanzüge der Allreisenden schauen zwar eher aus wie Zirkus-Outfits, bewegen kann man sich darin offenbar aber gar nicht mal schlecht. Foto: dpa

Marcus H. Rosenmüller schickt seine Polit-Doubles in einem grandios durchtriebenen Singspiel ins All: Willkommen sind sie dort nicht, es geht einiges schief – und Seehofer k. o. Ein Happy End gibt’s dennoch.

 

München - Wahrscheinlich hätte jeder schon einmal gerne einen Politiker zum Mond geschossen. Marcus H. Rosenmüller hat es gestern tatsächlich getan. Beim traditionellen Starkbieranstich auf dem Nockherberg schickte er Seehofer & Co. in einem grandios durchtriebenen Singspiel ins All.

Die Story war dabei erkennbar von dem Kinohit „Interstellar“ inspiriert. Wie in dem Endzeitfilm so machte sich auch Rosenmüllers Polit-Crew auf die Suche nach einem neuen Heimatplaneten, einem Neubavarien. Auf ihrer Reise durch den Weltraum sind ihnen die außerirdischen Wesen jedoch alles andere als wohlgesonnen. Erst jagt sie ein grünes Öko-Alien davon, das erstaunliche Ähnlichkeiten mit Anton Hofreiter (Grüne) aufweist.

Später drohen den Asylsuchenden die „Panischen Ex-Erdbewohner gegen die Überplanetisierung des Alls“ – kurz: Pegüda – mit Vernichtung“.

Aber von vorne: Los geht alles mit einem dramatischen Weltraumrauschen, das wie in den Jahren zuvor wieder Rosenmüllers Spezl Gerd Baumann komponiert hat. In der Kommandozentrale des Raumschiffs macht sich die Kunde von einem drohenden Meteoriteneinschlag breit. Um die Menschheit zu retten, macht sich die Politiker-Mannschaft deshalb schleunigst auf zu einer Entdeckungstour ins All.

Die Welten, die sie auf ihrer Reise aufspüren, sind ihnen dabei wie gesagt nie sonderlich freundlich gesonnen. Erst das Hofreiter-Alien, das ihnen wegen der fehlenden grünen Plakette die Landung verwehrt, dann die ausländerfeindliche Pegüda.

Die Mission scheint schon fast gescheitert, doch zum Glück hat Markus Söder einen Plan – „einen Faltplan vom Universum“.

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Der dritte Planet schließlich macht einen hoffnungsfrohen Eindruck, sogar wie in Bayern sieht es dort aus. Seehofer will sich schon frohgemut niederlassen, denn „bloß weil das hier wie Bayern ausschaut, heißt das ja nicht, dass Ausländer nicht grundsätzlich willkommen sind“, konstatiert er. In dem Moment tauchen die schrillen Bewohner des Planeten auf. Einer davon trägt zum gestutzten Vollbart ein eng anliegendes Kleid: Conchita Wurst. So sieht also Neubavarien aus.

Die Ureinwohner der neuen Erdenheimat wollen gerade zum Kuchen einladen, da erwacht Seehofer aus seinem Traum. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte ihn bei der Raumschifftaufe k.o. geschlagen. „Scheiß’ drauf, wurscht, ozapft is“, hatte Reiter gerufen, nachdem er beim Anzapfen nicht nur das Fass erwischt hat, sondern bei jeden seiner vier Schläge auch den Dickschädel von Seehofer.

Nun erwacht der Ministerpräsident aus seinem Delirium.

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Wie sich dann herausstellt, war alles nur Einbildung. Geläutert durch seine Fremdheits-Erfahrungen im Weltraum ruft Seehofer ein weltoffenes Bayern aus. Kränze mit Blumen und volle Maßkrüge verspricht er allen, die die Not an Bayerns Pforten treibt. Mit diesem versöhnlichen Abschluss endet das Singspiel.

Neben der politischen Botschaft haben sich Regisseur Marcus H. Rosenmüller und sein Drehbuchautor Thomas Lienenlüke auch viel Mühe mit der Ausgestaltung der Charaktere gemacht.

Das Stück ist gespickt mit allerhand neckischer Details: Verkehrsminister Alexander Dobrindt, der Dampfplauderer, läuft in einer Szene mit einer Luftpumpe umher. Die bemühte, aber oft glücklose Ilse Aigner strampelt sich mehrfach auf einem Hometrainer ab. Und dem immer hungrigen Sigmar Gabriel knurrt einmal so stark der Magen, dass man glauben könnte, das Raumschiff nähere sich einem gefräßigen Schwarzen Loch.

Rosenmüller und Lienenlüke langen stets ordentlich hin, bleiben aber fast immer über der Gürtellinie.

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Nur einmal war das Raunen im Publikum groß, nämlich als Kanzlerin Angela Merkel eines Weltraummorgens mit einem Rasierapparat im Gesicht die Raumschiffbrücke betrat.

Eine gute Stunde dauerte das Singspiel, so lange wie noch nie. Dabei war kaum eine Minute vergeblich. Höchstens der Auftritt von Ursula von der Leyen geriet etwas zu langatmig – was jedoch keinesfalls an der Darstellung von Nockherberg-Neuling Nikola Norgauer lag. Ursula von der Leyen sei ohnehin eine Parodie ihrer selbst, befand Lienenlüke schon im Vorfeld des Singspiels. Vielleicht hat man deshalb mit zusätzlichen Attributen gespart.

Dem Gesamteindruck tat dies keinen Abbruch. Und ein bisschen leerer Raum – das muss im Weltall ja auch sein

 

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