TSV 1860 Sechzigs Kult-Fans in der Corona-Krise: Ein Trio auf Entzug

Zutritt verboten, heißt es am Löwengelände. Selbst für die, die immer dabei sind wie Roman Wöll, Fritz Fehling und Franz Hell. Foto: firo Sportphoto/AK

Sie gehören zu den Löwen wie das ständige Auf und Ab – die Allesfahrer Franz Hell, Roman Wöll und Fritz Fehling. Aber was machen Sechzigs Kult-Fans während der Corona-Krise? Die AZ hat nachgefragt.

 

München - Ihre ganz große Liebe sind die Löwen. Als kleiner Bub an Vaters Hand sahen sie Sechzig stark wie nie bei der einzigen Meisterschaft 1966. Sie dümpelten aber auch später dann nach Lizenzentzug 1982 zehn Jahre mit durch die Niederungen der Bayernliga. Sie betrauerten den Zweitliga-Abstieg 2016/2017, bejubelten die postwendende Rückkehr in den Profifußball. Aber so etwas wie jetzt während der Corona-Krise haben Franz Hell, Roman Wöll und Fritz Fehling noch nie erlebt. Das Trio ist auf Entzug!

Der Lebensmittelpunkt der drei weiß-blauen Allesfahrer ist seit jeher Sechzig. Aber aktuell haben ihre Löwen Sendepause. "Schön langsam kommen die Entzugserscheinungen", sagt Hell der AZ über die triste, fußballfreie Zeit: "So etwas habe ich noch nie miterlebt." Und das will was heißen.

Leidenschaftlicher Fan auf Löwen-Entzug

1963 war es, als der damals Zehnjährige, wie auch Wöll und Fehling, sein erstes Löwenspiel im Grünwalder Stadion sah. Als noch kein Mensch Infektionen wie Covid-19 kannte, wurde der heute 66-Jährige mit dem Löwen-Virus infiziert. Seitdem ist Sechzig für ihn wie eine Sucht.

Legendär das TV-Video, indem Hell erklärt, wie ihn seine Frau vor die Wahl zwischen ihr und 1860 stellte: Hell wählte – wie hätte es anders sein können – die Löwen. Nun wartet er vergeblich darauf, dass Sascha Mölders und Co. wieder loslegen. "Wenn man Sechzig seit Jahrzehnten hinterherfährt und dann plötzlich nicht mehr gespielt wird, geht einem das natürlich ab", gesteht er: "Die Löwen fehlen mir total!"

Schätze der Vergangenheit: Aktualisierung von Statistiken

Und jetzt? Beschäftigungstherapie. Ein Glück, dass Hell in den Schätzen der Vergangenheit kramen kann. Nun, wo die Gegenwart außer dem Hoffnungsschimmer der Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs nicht viel zu bieten hat, aktualisiert der Dauerlöwe seine Sechzger-Statistiken. "Ich habe alles festgehalten: Spiele, Ergebnisse, Torschützen und so weiter."

In moderneren Zeiten habe er damit begonnen, eine Excel-Datei anzulegen. Er erzählt: "Die habe ich aber seit 1996 nicht mehr weitergeführt. Jetzt hatte ich viel Zeit, um weiterzumachen – und bin schon bei den 2000er Jahren angekommen." Just am Höhepunkt der jüngeren Vereinsgeschichte, als das Trio am 9. August 2000 in Leeds ein 1:2 sah – und durch das 0:1 im Rückspiel die Gruppenphase der Champions League knapp verpasste.

Derzeit im Schrank: Wölls Glücks-Bademantel

"Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Man weiß überhaupt nicht, wann und wie es weitergehen soll. Im Mai? Oder Oktober?", klagt Wöll.

Der 65-Jährige ist den aktuellen Spielern genauso bekannt wie Hell und Fehling. Schließlich reist das Trio auch in die Winter- wie Sommertrainingslager mit. Früher pflegte Wöll, dort so manchen Neuzugang bei seiner Ankunft zu umarmen. Etwa Anthony Annan Anfang 2015 oder Levent Aycicek 2016 – die AZ war live dabei. "Das habe ich schnell wieder bleiben lassen. Hat schließlich kein Glück gebracht", sagt der abergläubische Wöll, der bei vergangenen Relegationsspielen auch gerne mal in seinem weiß-blauen Glücks-Bademantel erschien.

Derzeit hängt sein Talisman nur im Schrank. Wöll betrübt: "Wenn es ganz traurig wird, schaue ich die besonderen Highlights an: den Durchmarsch 1994. Oder den Aufstieg 1991, mit Karsten Wettberg. Ich habe 230 Videokassetten mit jeweils 240 Minuten." Ergibt 55.200 Minuten Löwen-Stoff, also gute 38 Tage.

Alte Konzert-Aufnahmen und 1860-Berichte für Fehling

Fehling (68), seit 1972 Dauerkarten-Inhaber, ist neben seiner Löwen-Liebe glühender Anhänger von Live-Konzerten. "Jetzt haben sie mir nicht nur die Spiele der Sechzger genommen", klagt der Mann, den die Löwen an seinem langen Bart und seinem Bundeswehr-Mantel kennen: "Ich wollte zur Spider Murphy Gang und den Isarridern. Alles abgesagt. Man kann ungefähr gar nix machen, nicht mal in den Biergarten gehen."

Daher muss auch er sich aktuell mit der Vergangenheit behelfen, mit 1860-Berichten und drei Live-Konzerten der Rolling Stones 2003 in München, die er besucht hatte. Dem Trio bleibt nichts als die Hoffnung, dass ihre Löwen bald wieder rocken – am besten, bevor Wöll seine Sammlung von vorne bis hinten durch hat.

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