Transfermarkt-Boss in der AZ Warum Havertz und Sané nicht günstiger für den FC Bayern werden

Stehen beim FC Bayern auf dem Wunschzettel: Leroy Sané und Kai Havertz Foto: imago images / Picture Point LE

Die Corona-Krise wird erhebliche Auswirkungen auf Ablösesummen und Gehälter im Profifußball haben – da ist sich Transfermarkt-Experte Seidel sicher. Topstars sind von dieser Entwicklung ausgenommen.

 

Matthias Seidel ist Geschäftsführer und Gründer von transfermarkt.de. Er legt mit seinem Team die Marktwerte der Fußballstars fest. Im AZ-Interview spricht er über die Konsequenzen der Corona-Krise auf den Transfermarkt.

AZ: Herr Seidel, das Coronavirus bringt das gesellschaftliche Leben in Deutschland zum Stillstand, auch der Profifußball ist davon natürlich betroffen. Können Sie schon absehen, wie sich die Krise auf Gehälter, Transfersummen und Marktwerte auswirken wird?
MATTHIAS SEIDEL: Ich teile die Meinung von einigen Beratern und anderen Experten, dass die Marktwerte insgesamt herunter gehen werden. Der Marktwert eines Spielers ist letztlich abhängig vom Markt. Und wenn in einer Phase wie jetzt viele Einnahmen nicht generiert werden können, wird die Geldmasse im Fußballgeschäft eben weniger. Das ist logisch. Eine große Frage stellt sich für mich dennoch.

Und zwar?
Ich bin mir nicht sicher, ob es vorerst wirklich keine Transfers mehr über 100 Millionen Euro geben wird, ob die Marktwerte bei den absoluten Topstars der Branche tatsächlich fallen werden.

FC Bayern: Hält das Festgeldkonto die Preise oben?

Was macht Sie da skeptisch?
Wir haben ja schon in der Vergangenheit gesehen, dass bei großen Transfers oft Mäzene im Hintergrund mitgeholfen haben, um Wechsel zu realisieren. Warum sollte sich das jetzt ändern? Oder wenn wir das Beispiel FC Bayern nehmen: Das berühmte Festgeldkonto ist durch die Krise ja nicht kleiner geworden. Das wissen andere Klubs. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob die Wunschspieler wie Leroy Sané und Kai Havertz nun wirklich günstiger zu bekommen sind für Bayern.

Wie muss man sich die Arbeit bei transfermarkt.de vorstellen, wenn der Spielbetrieb über Monate ausgesetzt wird? Sie passen ja regelmäßig die Marktwerte der Profis an.
Wir sind alle im Home-Office und verfolgen die Entwicklungen von zu Hause aus. Mal angenommen, es wird drei Monate nicht gespielt: Das heißt dann nicht, dass die Marktwerte der Spieler automatisch sofort nach unten gehen. Aber sollten Klubs finanziell in große Schwierigkeiten geraten, und danach sieht es ja aus, hat das Konsequenzen für den Kreislauf des Marktes. Diese betroffenen Klubs könnten dann in der nächsten Transferperiode nicht mehr groß in neue Spieler investieren, deshalb würde an anderer Stelle Geld fehlen. Die Krise wird den Fußball komplett verändern: Gehälter, Marktwerte, Ablösesummen. Vor allem Profiklubs im mittleren und unteren Bereich wird es treffen.

Corona-Krise: Ungewissheit erschwert Verhandlungen

Wird das Transfergeschäft in den kommenden Wochen und Monaten weitgehend zum Erliegen kommen aufgrund der großen Unsicherheit bei Spielern, Beratern und Klubs?
Es wird nicht ganz gestoppt werden, Gerüchte über Transfers gibt es aktuell ja noch. Sicher auch Verhandlungen. Aber die Vereine werden mit großer Vorsicht agieren, weil ja gar nicht klar ist, wann überhaupt wieder gespielt werden kann. Im Juni oder Juli? Vielleicht erst im Jahr 2021? Diese Ungewissheit erschwert Vertrags- und Transferverhandlungen. Ein Berater will beispielsweise sicherstellen, dass sein Klient das Gehalt bei einem neuen Klub schon im Sommer bekommt – und nicht erst im Januar.

Wer ist aktuell besonders gefordert, um diese Krise ohne gigantische Schäden für den Fußball zu überstehen?
Die Fifa hat so viele Rücklagen, dass ich sie in der Pflicht sehe, die Kontinentalverbände wie die Uefa zu unterstützen. Sonst wird es kaum gehen. Es ist die größte Krise, die es im Fußball je gab. Und leider wirken alle Verbände derzeit hilflos. Dass die Uefa die Kosten für die EM-Verschiebung von 2020 auf 2021 an die Nationalverbände weitergeben will, halte ich für schwierig. Gleiches gilt für den Plan der DFL, die Bundesliga-Saison mit Geisterspielen fortzusetzen. Das ist nicht der Sinn des Fußballs. Man macht das für die Fans. Ohne sie sollten keine Partien ausgetragen werden.

Lesen Sie auch: Wie und wo Ultras in der Corona-Krise anpacken

 

5 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading