Teil zwei der AZ-Serie Marcel Reif: "Van Gaal hat bei Bayern das Fundament gelegt"

Mit dem selbstherrlichen Louis van Gaal (M.), einst Ajax-Coach und Bayern-Trainer, verbindet Marcel Reif eine "Hass-Sympathie". Foto: dpa

Teil zwei der AZ-Serie: In seinem Buch "Auswärtsspiel" spricht Kommentatoren-Ikone Marcel Reif über besondere Städte, außergewöhnliche Menschen und einzigartige Begegnungen. Heute: Amsterdam.

 

Madrid oder Mailand – Hauptsache gut gegessen. Was auch für Paris, Liverpool, Amsterdam oder Istanbul gilt. Kommentator Marcel Reif kennt die Fußball-Metropolen, die Stadien und hat dort unzählige Spiele kommentiert. In seinem neuen Buch "Auswärtsspiel" (mit AZ-Reporter Patrick Strasser als Co-Autor) nimmt er die Leser mit auf die Reise an die magischen Orte sowie zu seinen Lieblingsplätzen, Restaurants oder Cafés.

Auszug dem Kapitel "Amsterdam":
Amsterdam ist für mich Ajax. Und Ajax ist für mich Cruyff. Johan Cruyff, mein Lieblingsspieler, mein Lieblingstrainer, mein Maß der Fußball-Dinge. Besser kann man nicht spielen, besser kann man nicht trainieren lassen. Mehr kann man aus einer Mannschaft nicht herausholen als der Holländer in den acht Jahren ab 1988 als Coach beim FC Barcelona.

Wenn wir früher beim ZDF mit unserer Redaktionsmannschaft gekickt haben, wollten mein Kumpel Michael Palme und ich unbedingt das Trikot mit der 10 haben, damit jedermann wusste, wer der Zampano ist. Der Erste, der in die Kabine kam, griff sich die "Spielmacher"-Nummer. Michael war ausschließlich aus diesem Grund des Öfteren vor mir da.

Also musste ich mir eine Alternative suchen und nahm die 14, weil es die Nummer von Cruyff war. Der Rest der Mannschaft war eigentlich von eins bis elf durchnummeriert. Ich fiel also aus der Reihe und war damit sehr glücklich.

Bei allem Respekt für Franz Beckenbauer, Pelé und Diego Maradona oder Lionel Messi und Cristiano Ronaldo – Cruyff war mein fußballerisches Vorbild. (…)

Eine Grachtenfahrt bei jedem Amsterdam-Besuch

Diese Grachten – so schön. Wer sich beim ersten Blick nicht verliebt in die malerischen Kanäle, ihre Brücken und die typischen Häuschen, muss blind sein. Jedes Mal, wenn ich in Amsterdam bin, mache ich eine Grachtenfahrt. Bei perfektem Wetter unschlagbar! Kopfhörer auf und sich, während man durch die Stadt geschippert wird, etwas erzählen lassen.

Wie eine Stadtrundfahrt in so einem Hop-on- und Hop-off-Bus, das mache ich auch gerne. Touristischer geht's nicht – aber zielführend. In diesen bunten Doppeldeckerbussen bekommst du einen Überblick, den du danach vertiefen kannst. Ich suche mir dann von oben gezielt die Stellen und Plätze aus, die ich mir später noch genauer anschauen möchte. Wenn ich vor Ort bin, suche ich spezielle Grachten auf, etwa die Keizersgracht oder die Herengracht und laufe bestimmte Gassenkombinationen ab. Damit hole ich mir mein Amsterdam-Gefühl wieder. (…)

"Hass"-Sympathie mit Louis van Gaal

Damit zu Louis van Gaal, zwei Mal für je zwei Jahre Nationaltrainer der Niederlande, in Deutschland bekannt durch seine knapp zwei Jahre beim FC Bayern ab 2009. Mit ihm verbindet mich eine "Hass"-Sympathie. Wenn wir uns trafen, auch ohne Kameras, zum Hintergrundgespräch am Spieltag eines Europapokalabends, lag stets eine merkwürdig aggressive, schwer erträgliche Spannung in der Luft.

Vom ersten Augenblick an ging es um Augenkontakt, jedes Mal dasselbe Psychospielchen um die Macht der Blicke. Van Gaal schaute mir wie durch ein Schlüsselloch direkt in die Augen, wollte testen, ob ich kneife, ob ich als Erster wegschaue. Zur Einschüchterung, nehme ich an. Ich habe mir das regelmäßig abgeholt bei unseren Treffen, doch im Grunde hätte ich es mir, einem etwa gleichaltrigen Mann gegenübersitzend, auch nicht gefallen lassen müssen.

Aus dem Nichts sagte er einmal laut und schroff: "Das Gespräch ist beendet, Sie können jetzt gehen. Fertig!" Mit einer wegwerfenden Geste. Dabei hatte ich lediglich eine Frage gestellt, die kaum Sprengstoff enthielt, ich glaube, es war: "Kann Ihre Mannschaft auch defensiv spielen?", oder so. Inhaltlich völlig harmlos, aber: falscher Hals. Als wollte ich ihm seine Trainerkompetenz absprechen.

Van Gaal: Der Entdecker von Thomas Müller

Dabei war das Gegenteil der Fall: Van Gaal, das war mir auch damals schon klar, hat große Verdienste um den FC Bayern. Er hat das Fundament gelegt für den heutigen Spielstil der Bayern, geprägt von Dominanz und Ballbesitz. Er hat Bastian Schweinsteiger, der halblinks an der Seitenlinie rumgeturnt ist, vom Flügel weggeholt und zum Sechser gemacht, hat Thomas Müller und Holger Badstuber entdeckt, auf sie gesetzt.

Markus Hörwick, über drei Jahrzehnte Pressesprecher und Mediendirektor des FC Bayern, also mit allen Wassern gewaschen, griff damals als Mediator ein und sagte beschwichtigend: "Aber nein, ist doch ein Missverständnis, war doch ganz anders gemeint." Ich hätte ganz ruhig erwidern sollen: "Herr van Gaal, Sie können das Ganze bitte sein lassen. Sie schüchtern mich nicht ein. Ich möchte heute Abend einfach ein Spiel kommentieren, mehr nicht – und würde gerne mit Ihnen darüber reden."

Mir ist aber der Kragen geplatzt. Die Diplomatie hatte Sendepause, ich musste mir mal Luft machen. "Meine Herren, es reicht. Ich stehe jetzt auf und gehe", brummte ich die beiden an. "Damit hat es sich dann. Diese Art des Umgangs muss ich mir nicht gefallen lassen, das ist absurd." Und um dem Ganzen noch Nachdruck zu verleihen, schob ich hinterher: "Wissen Sie was, Herr van Gaal: Sie brauchen mich nicht – und ganz ehrlich: Ich brauche Sie auch nicht. Wir werden beide weiterleben."

Damit war es raus – und gut. Ich blieb doch sitzen, er auch. Wir haben das Gespräch gesittet zu Ende geführt.


Buchinfo: "Auswärtsspiel" (erschienen am 18. Februar 2020 im Verlag Edition Michael Fischer GmbH, 272 Seiten, Hardcover, 18 Euro).

Lesen Sie hier den ersten Teil der AZ-Serie mit dem Kapitel "Mailand"

2 Kommentare