Stadionsprecher im AZ-Interview TSV 1860: Stefan Schneider - "Drama gehört eben zur DNA von uns Löwen"

"Wenn man den Giesinger Berg hochfährt und dann 'Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße' liest, weiß man: Ich bin dahoam", sagt Stefan Schneider, Kult-Stadionsprecher der Löwen. Foto: sampics/Augenklick

Der TSV 1860 kann im letzten Heimspiel der Saison gegen Fortuna Köln den Klassenerhalt klarmachen. Die AZ sprach mit Kult-Stadionsprecher Schneider über offene Rechnungen und Sechzger-Leid.

 

Stefan Schneider (55) ist seit 27 Jahren Stadionsprecher des TSV 1860 und absoluter Publikumsliebling. Im AZ-Interview spricht er unter anderem über seine tiefe Verbindung zu den Löwen, die Wichtigkeit der Fans und die Arbeit von Trainer Daniel Bierofka.

AZ: Herr Schneider, eine Frage an die Stimme der Löwen: Warum wird sich die Glücksgöttin Fortuna am Samstag beim Spiel im Grünwalder Stadion nicht auf die Seite der Kölner schlagen, sondern den Sechzgern die Glückshormone bescheren?
STEFAN SCHNEIDER: Ganz einfach, weil wir dran sind, weil wir noch eine Rechnung offen haben. Die Älteren unter uns werden sich erinnern, vor 27 Jahren in der Saison 1991/92 hat uns Fortuna Köln ja mal in die Bayernliga geschossen, jetzt ist es an der Zeit für späte Gerechtigkeit. Außerdem spricht alles für uns. Es gibt ja Rechenbeispiele, wie wir, selbst wenn wir nicht gewinnen, den Klassenerhalt schaffen. Aber ich sage es ganz deutlich: All das sollte man aus seinem Kopf verbannen und nur rausgehen und sich auf das konzentrieren, was wir können: gut Fußball spielen, gewinnen, die Saison zu einem guten Ende bringen. Wir haben jetzt ein Endspiel im Grünwalder Stadion, unserer Heimat, vor 15.000 Fans, die der großartigste zwölfte Mann sind, den man sich vorstellen kann. Wir hauen sie weg, Punkt, aus.

Stefan Schneider: "Solche Spiele gewinnt man nur gemeinsam"

Ganz ohne Drama geht es bei den Löwen aber nie ab, oder?
Das gehört wohl zu unserer DNA. Langweilig wird es bei uns nie. Es gibt wahrscheinlich keinen Löwen-Fan, der sich nicht an die eine oder andere Partie erinnern kann, wo es vor Dramatik nur so sprühte. Ob das die Relegationsspiele gegen Jahn Regensburg oder Holstein Kiel waren, ob es der verschossene Elfmeter von Francis Kioyo war, der letztlich den Abstieg besiegelt hat.

Sie haben mal gesagt: Andere gehen zur Domina, ich brauche das nicht, ich gehe zu 1860. Ganz ohne Leid geht es bei Sechzig wohl nicht.
Halleluja. Daran hat sich nie was geändert. Deswegen sind wir so echt und lebendig. Bei anderen Vereinen wird darüber diskutiert, ob man für den einen Spieler 60 Millionen ausgibt oder 80 für den anderen. Das ist den Leuten, die in der Kurve stehen und vielleicht 2.500 Euro brutto verdienen, nicht zu vermitteln. Dass der auf dem Platz in der Minute verdient, wofür er einen Monat arbeiten muss. Wir sind da bodenständig, authentisch. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Sie sprachen die Fans an, deren Unterstützung könnte den Unterschied machen.
Eines muss allen klar sein – und ich bin sicher, dass es jeder verinnerlicht hat: Solche Spiele gewinnt man nur gemeinsam. Die Mannschaft braucht die Fans. Jeder, der mal Sport betrieben hat, weiß, wie es in einem aussieht, wenn man fünf Spiele in Folge verloren hat, natürlich fängt man das Denken an, und das darf man in so einer Situation nicht. Aber die Fans werden sie nach vorne treiben. Ich bin mir sicher, dass sich jeder bewusst ist, dass es das letzte Heimspiel für lange Zeit ist. Jeder hat die Chance, seine Stimme über den Sommer auszukurieren. Wenn unsere Fans eines immer konnten, dann unsere Mannschaft nach vorne zu plärren. Ich halte mich aus vereinspolitischen Dingen raus, aber eines möchte ich dieses Mal sagen: Ich hoffe, dass dieser Samstag ein vollkommen unpolitischer wird, dass alle an einem Strang ziehen und nur die Liebe zu unseren Löwen uns verbindet. Auch wenn von den Fans ein paar Sachen gemacht wurden, die den Verein einiges Geld an Strafen gekostet haben: Wenn’s drauf ankommt, stehen alle zusammen.

Stefan Schneider: "Da wusste ich: Ich halte zu den Blauen"

Für einen wäre der Sieg wahrscheinlich besonders wichtig: Trainer Daniel Bierofka, der in der Saison eine Doppelbelastung hatte, da er ja auch den Trainerschein machen musste.
Keinem gönne ich es mehr, keiner hat es mehr verdient. In der schlimmsten Phase hat er seine Familie fast gar nicht gesehen. Er hat so viel für den Verein getan, wir haben ihm so viel zu verdanken. Keiner weiß, wo wir stehen würden, wenn er damals nicht sofort als Trainer eingesprungen wäre. In einer Zeit, in der die Gefahr bestand, dass es den Verein zerreißt, hat er als Löwen-Ikone alle geeint. Ein echter Löwe als Trainer, das Grünwalder als Heimat, das hat die Löwen zusammengebracht.

Wie wichtig sind solche Spieler wie "Mentalitätsmonster" Sascha Mölders?
Enorm! Er ist keiner, der sagt: Wir spielen auf Unentschieden. So tickt er nicht, der macht keinen Gefangenen und kennt nur eines: auf Sieg spielen. So müssen wir agieren. Ich bin mir sicher, dass es viele Stadien gibt, in denen die Spieler der Fortuna lieber antreten und um ihr Überleben spielen würden. Das Grünwalder ist auch für die gegnerischen Fans Kult und Pilgerstätte, wenn die Fanklubs in der Liga wohin fahren, dann nach München, ins Grünwalder. Ich für mich kann nur sagen: Wenn man den Giesinger Berg hochfährt und dann "Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße" liest, weiß man: Ich bin dahoam.

Das seit frühester Kindheit.
Stimmt. Mein Opa hat mich immer mitgenommen, ich stand im Block J. Bei den ersten beiden Spielen haben die Löwen verloren, ich war einmal bei Bayern, die haben gewonnen. Da wusste ich: Ich halte zu den Blauen, die brauchen meine Unterstützung. Dann habe ich der Oma gleich gesagt, sie soll mir so einen Schal stricken.

Lesen Sie hier: Löwen-Gegner Köln muss auf seinen Kapitän verzichten

 

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