Sohn Walter will nicht zur Beerdigung Die Kohl-Familie: Drei Akte einer Tragödie

Ein großer Europäer geht, ein gigantischer Familienstreit bleibt. Das private Drama um Helmut Kohl ist ein Stück mit vielen Akten.

 

Deutschland nimmt Abschied von einem großen Deutschen. Fast zehn Stunden werden die Trauerfeiern für Helmut Kohl (1930-2017) am heutigen Samstag (1. Juli) andauern: Erst der Europäische Trauerakt im Straßburger EU-Parlament, dann wird der Sarg mit einem Hubschrauber der Bundespolizei nach Ludwigshafen geflogen, gegen 18 Uhr beginnt das Requiem im Dom zu Speyer.

Schließlich wird der Mitbegründer des geeinten Europas und Kanzler der deutschen Einheit in der Abenddämmerung auf dem Friedhof des Domkapitels von Speyer zu Grabe getragen. Damit findet auch der gescheiterte Vater Helmut Kohl seine letzte Ruhe. Sein Sohn Walter Kohl (53) hat angekündigt, er wolle nicht zur Beisetzung kommen. Ein (vorläufig?) letzter Protest in einem Familienzwist, der - bei allem Respekt für die Verdienste eines großen Politikers - Millionen von Deutschen besonders nahe geht.

Auf dem Rücken eines Toten

Das Magazin "Cicero" schreibt: "Der Streit der Familie Kohl gleicht einer modernen Tragödie. Walter Kohl, der Sohn, der nur seinen Vater wollte, gegen Maike Kohl-Richter, die neue Ehefrau, die sich stets als mehr begriff. Ihren Streit tragen sie auf dem Rücken des Toten aus."

Was diesen traurigen Konflikt letztendlich auslöste, kann nur vermutet werden: War es das Los einer Familie, die im Leben Helmut Kohls nie den Stellenwert seines politischen Schaffens hatte? War es der Selbstmord von Hannelore Kohl? Oder war es die zweite Ehe des Vaters, nach dessen Hochzeit mit Maike Richter das Zerwürfnis mit den Söhnen offiziell wurde?

Peter (51) und Walter Kohl wuchsen im elterlichen Bungalow in Oggersheim auf, das Verhältnis zu Hannelore Kohl war besonders eng, der Vater war meist nie da. Der frühere Kohl-Intimus und CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hat denn auch die erste Kohl-Ehe als "Fassade" bezeichnet.

So behütet ihr Umgang mit der Mutter auch gewesen sein mag, normal war das Leben der Kohl-Kinder nicht. Sie bekamen oft genug den gehässigen Ton einer linken Öffentlichkeit zu spüren, die sich nicht nur an Helmut Kohl austobte, sondern auch - in sippenhafter Manier - an seiner Familie. Laut der Zeitung "Die Welt" wurde Walter Kohl bereits "in der Schule von Lehrern und Mitschülern schikaniert. Mutter und Kinder wurden zu Hochzeiten der Nachrüstung von der Friedensbewegung tätlich angegriffen und gar mit dem Tode bedroht. Diese Illiberalität, diese 'apokalyptischen Angstwellen', die sich an seiner Familie abreagierten, hat er nicht vergessen."

Walter und Peter Kohl studierten nach dem Abitur an den besten Hochschulen der USA, Walter in Harvard, Peter am Massachusetts Institute of Technology. Dort kannte man sie kaum, dort lebten sie die einzige Anonymität ihres Lebens. Danach arbeiteten beide als Unternehmer, Walter zunächst in den USA als Investmentbanker, später in Deutschland, Peter in der Schweiz.

1. Akt: Selbstmord der Mutter

Zuhause hielt die Mutter die Familie zusammen. Nach ihrem Suizid brach dieser mühsam gekittete Verbund auseinander. Der Vater überbrachte die Todesnachricht nicht einmal selbst, sein Büro verständigte die Söhne vom Ableben der Mutter, vermutlich weil Kohl es nicht konnte. Später sagte sein jüngerer Sohn Peter: "Ich habe nie in meinem Leben erlebt, dass er handlungsunfähig war. Aber an diesem Tag war er vollkommen handlungsunfähig."

Der 52-Jährige glaubt noch heute, dass die damalige Parteispendenaffäre der CDU, in der sein Vater eine zentrale Rolle gespielt hat, nicht nur mit Schuld war am Tod der Mutter, sondern auch im Wesentlichen die Familie zerstört habe. Überdies schildert er ein Treffen mit einem renommierten Headhunter, der ihm gesagt habe: "Sie haben einen tollen Werdegang, normalerweise kein Problem, aber mit Ihrem Namen kann ich mich nicht belasten."

2. Akt: Die neue Frau

Vier Jahre nach Hannelores Tod ist Helmut Kohl wieder in einer festen Beziehung. Seine neue Lebensgefährtin ist die 34 Jahre jüngere Maike Richter. Die promovierte Beamtin war 1994 in die Wirtschaftsabteilung des Bundeskanzleramtes eingetreten und hatte dabei Kohl kennengelernt. Seit 2005 sind beide offiziell ein Paar.

Bei einem Auftritt in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz im Frühjahr 2013, in der sich Peter und Walter Kohl als "Fürsprecher" ihrer toten Mutter präsentieren (Walter: "Wenn man so will, ist das heute Abend eine Demonstration, ohne Fahnen, ohne Plakate, für Hannelore Kohl") deuten die Söhne an, dass ihr Vater bereits in den 90er-Jahren eine Liaison mit Maike Richter eingegangen sei. Walter Kohl erzählt, wie er von einem engen Vertrauten seines Vaters 2005 auf dessen 75. Geburtstag davon erfahren habe.

Es muss dem Altkanzler sehr missfallen haben, wie sich seine Söhne in der Öffentlichkeit mehr oder minder offensiv darstellen - eine innerfamiliäre Opposition, von der sich Helmut Kohl (und selbstredend seine neue Lebenspartnerin) wenn nicht ungerecht, so doch unangemessen und vor allem respektlos behandelt sehen.

Beide Söhne sagen, sie hätten sich zunächst über eine neue Frau an der Seite ihres Vaters gefreut, doch dann legt Walter Kohl nach: "Ich weiß nicht, ob das eine Beziehung im klassischen Sinne ist. Jedes Gespräch war auch eine Lobhudelei über meinen Vater", Richters Berliner Wohnung sei wie ein privates Museum, voller Bilder und Andenken an Helmut Kohl. Seinem Bruder Peter kam es vor, als laufe "eine Propagandasendung über meinen Vater ab".

Als Helmut Kohl und Maike Richter schließlich 2008 heiraten, sind weder Walter noch Peter geladen. Beide erhalten von dem Paar lediglich ein Telegramm: "Heidelberg 8. Mai. Wir haben geheiratet. Wir sind sehr glücklich. Maike Kohl-Richter und Helmut Kohl."

Flucht in die Öffentlichkeit

Während der Kanzler, der inzwischen nach einem schweren Treppensturz in seinem Haus pflegebedürftig ist, und seine zweite Frau beharrlich zu allen Familienhintergründen schweigen, wenden sich die Söhne an die Öffentlichkeit. Beide schreiben Bücher und thematisieren damit Familieninterna. Sie machen aus ihrer Abneigung gegenüber Maike Kohl-Richter keinen Hehl und werfen ihr vor, den Zugang zum Vater zu kontrollieren, ihn abzuschirmen von ihren Familien, ihren Frauen und Kindern, Kohls Enkelkindern.

Peter Kohl berichtet, wie er im Mai 2011 das letzte Mal seinen Vater besuchte. Ihm sei es gelungen, "mit einer alten Handynummer des Begleitkommandos die Polizeisperre" auszutricksen. "Meine Tochter war an diesem Tag auch mit dabei. So konnte sie ihren Opa zumindest noch einmal kurze Zeit sehen. Als er sie erblickte, leuchtete sein Gesicht auf, er freute sich über ihren Besuch, legte ihre Kinderhand in seine große alte Hand." Dann aber habe ihm Helmut bedeutet zu gehen: "Sonst gibt es wieder riesigen Ärger."

Und Walter Kohl sagte 2015 laut "Die Welt": "Vater hat sich von weiten Teilen seines alten Umfeldes verabschiedet, Freunde, Familie, langjährige Mitarbeiter, auch von den Enkeln. Es war wichtig für mich, damit meinen Frieden zu schließen, ich nenne das einseitige Versöhnung. Vielleicht ist es nicht das letzte Wort." Da sollte er seinen Vater besser kennen. Der habe ihm auf seine ausdrückliche Frage: "Willst du die Trennung?" unmissverständlich geantwortet: "Ja!"

Ist also Maike Kohl-Richter in diesem Drama der treibende Keil? In der Tat bricht Kohl in der Zeit nach der zweiten Heirat nicht nur mit seinen Söhnen und zahlreichen politischen Kampfgefährten. Sogar treue Mitarbeiter wie sein langjähriger Chauffeur Ecki Seeber, mehr Freund und Vertrauter als Fahrer, dürfen den Oggersheimer Bungalow nicht mehr betreten. Seeber muss seine Schlüssel abgeben, später darf er sich nicht mal vom toten Kohl verabschieden.

Bekannte beschreiben Maike Kohl-Richter als tough und blitzgescheit. Sie sei für Kohl nicht nur Helferin, sondern auch Lebenselixier gewesen. Die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner beschreibt Kohls zweite Frau als gastfreundlich und aufgeschlossen. Sie sei "vor allem sehr fürsorglich". Kohl-Richter selbst sagte in "Welt am Sonntag": "Ich bin geblieben, weil ich meinen Mann liebe." Und von ihrem Mann kursiert das Zitat: "Ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben."

3. Akt: Der öffentliche Sohn

Walter Kohl ist, wenn man so will, in dieser Familientragödie der aktivste Teil. Sein Bruder Peter lebt zurückgezogen in Zürich und äußert sich nicht zum Tod des Vaters. Er ist aus der Öffentlichkeit verschwunden. Von Walter Kohl hingegen gibt es die traurigen TV-Bilder, wie er mit seinem Kind vor dem väterlichen Haus mit dem toten Helmut Kohl steht - und nicht eingelassen wird. Dazu laufen die Kameras.

In einem Interview mit "Die Zeit" gibt Walter Kohl bekannt: "Ich werde an der privaten Beisetzung in Speyer nicht teilnehmen." Er könne es nicht gutheißen, dass sein Vater nicht im Familiengrab neben Hannelore Kohl beerdigt wird. Walter Kohl meint sogar, dass mit der Beisetzung in Speyer das politische Werk seines Vaters von Kohls erster Ehefrau getrennt werden soll: "Meine Mutter hat ihn über Jahrzehnte getragen. Er selbst hat immer betont, dass sein Lebenswerk ohne seine Frau Hannelore nicht möglich gewesen wäre. Deshalb finde ich es richtig, wenn er neben ihr seine letzte Ruhe findet." Selbst im Tod scheint die Unversöhnlichkeit im Hause Kohl unüberwindbar. Was mag dann noch an Erbauseinandersetzungen folgen? Es geht nicht nur um Geld, um das Oggersheimer Haus, sondern auch um den geistigen Nachlass des Verstorbenen.

Doch nicht nur die Rolle der vermeintlich so bösen Stiefmutter ist zwielichtig, auch der Sohn muss sich hinterfragen lassen. Laut "Cicero" scheint Walter Kohl "die schlechten Tugenden seines Vaters geerbt zu haben: nachtragend und rachsüchtig zu sein. Von den guten scheint er weniger mitbekommen zu haben". Er habe "aus der Abrechnung mit dem Vater ein Geschäft gemacht. Er nennt sich 'Begleiter und Coach' und bietet auf seiner Website an, anderen den Weg 'zum inneren Frieden und mehr Lebensfreude' zu zeigen. Sein Kalkül ist aufgegangen: Menschen zahlen Geld, um mit dem Sohn Kohls einen Blick durchs Schlüsselloch des Oggersheimer Bungalows zu werfen. Auch wenn es grotesk klingt: Kohl junior behauptet, er habe den Weg zur Versöhnung gefunden - zur Versöhnung mit sich selbst."

Überstarke Väter

Der Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924) schrieb in einem 100 Seiten langen (niemals abgeschickten) Brief an seinen übermächtigen Vater Hermann Kafka: "Mein Schreiben handelt von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte... Ich wäre glücklich gewesen, Dich als Freund, als Onkel, als Großvater, ja selbst als Schwiegervater zu haben. Nur eben als Vater warst Du zu stark für mich."

Gegen Ende des Briefs, der erst 1952 und somit 28 Jahre nach Franz Kafkas und 20 Jahre nach Hermann Kafkas Tod veröffentlicht wurde, äußerte der Autor die Hoffnung, dass sich beide - Vater und Sohn - durch das Schreiben "ein wenig beruhigen" würden und das Leben und Sterben leichter gemacht werden könnte. Diese elementare Hoffnung zwischen Vater und Sohn hat sich für die beiden Söhne Helmut Kohls nicht erfüllt. Und für ihn selbst wohl auch nicht.

 

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