Satire-Aktion von Goldgrund Polt, Scholl, Sportfreunde: Promis besetzen Haus

Wohnraum muss nicht teuer sein“: Dieses Haus in der Pilotystraße hat die Gruppe „Goldgrund“ gekapert. Foto: Wackerbauer

Kabarettisten wie Gerhard Polt, Musiker wie die Sportfreunde Stiller und Aktivisten wie Mehmet Scholl entern ein städtisches Anwesen, in dem Wohnungen seit Jahren ungenutzt sind

München - Bei seinem Amts-Jubiläums im September hatte OB Christian Ude (SPD) noch Häme über seine Kritiker ausgeschüttet: Weil „die kritischen Köpfe und großen Geister in der Stadt“ es gewagt hatten, leerstehende städtische Wohnungen zu kritisieren.

Heute kann Ude das wieder tun, denn gestern schlugen sie tapfer wieder zu: Udes geliebte Künstler- und Kabarettisten-Szene von Gerhard Polt bis Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) hat ein seit fast zehn Jahre leerstehendes städtisches Haus in der Pilotystraße besetzt – vis-à-vis der Staatskanzlei.

Die Gruppe nannte den potenziellen Hausfriedensbruch vorsichtigerweise „Kunstaktion“. Die prominente Wohnwahnsinn-Guerilla um den rührigen Szene-Gastronomen Till Hofmann (Lach & Schieß, Lustspielhaus) nennt sich ironisch „Goldgrund“: In München leuchtet das Beton-Gold.

Das ehemals schöne Gründerzeithaus von 1885 mit seinem romantischen Garten in der Pilotystraße ist zur Bruchbude verkommen – wofür die Stadtverwaltung verantwortlich zeichnet. Wie es heißt, will die Stadt es abreißen. „Aber die Substanz ist gut“, sagt Goldgrund-Macher Hofmann. Eine Sanierung würde nach Berechnungen des Architekten Matthias Marschner 1,2 Millionen Euro kosten.

„Ich bin so wütend“, sagte Beatrix Zurek, SPD-Stadträtin und Vorsitzende des Mietervereins, als sie durch das Haus ging: „Ich bin nicht mehr bereit, dafür den Kopf hinzuhalten. Das hier ist unerhört, weil mit einfachen Mitteln etwas gemacht werden konnte.“ Aber das hat seit Jahrzehnten niemand mehr getan.

Nur eine ältere Mieterin lebt noch in dem Haus mit seinen acht Wohnungen, rund 850 Quadratmetern, den schönen Bogentüren und Kachelöfen. Die Frau ist dort aufgewachsen, ihr Mietvertrag ist von 1927, und sie lebt in dritter Generation dort. Der Mieterverein hat viele Briefe in ihrem Namen an die Stadt geschickt, was denn geplant sei. „Wir bekamen nie eine Antwort“, sagt die Anwältin Anja Franz.

Die Stadt hat das Haus nach Informationen von Till Hofmann vor dem Krieg geerbt. Es kam in den „Wohlfahrtsfond“ und später unter die Obhut des Kommunalreferats. Neuerdings ist die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewofag dafür zuständig.

Seit rund zehn Jahren wird das Haus von der Stadt quasi systematisch leer geräumt. Hofmann listet auf: Seit acht Jahren stehe der erste Stock leer, seit fünf Jahren der zweite Stock, seit sechs Jahren der dritte Stock und seit zwei Jahren der vierte Stock. Das Rückgebäude war an eine Künstlerin vermietet, die voriges Jahr herausgedrängt worden sei.

An der Goldgrund-Aktion konnte jeder teilnehmen, die Gruppe hatte dafür geworben. So kamen mehrere hundert Münchner zusammen. „Herr Ude hätte auch kommen können“, merkte Till Hofmann an. Angesichts der vielen Menschen, die das Haus plötzlich besetzten, alarmierten besorgte Nachbarn die Polizei. Nach einem Rundgang zogen die Gendarmen wieder ab.

Drinnen wurde es ein Fest mit feiner Besetzung: Kabarettisten wie Barwasser, Gerhard Polt, Jochen Busse, Willy Astor und Max Uthoff beteiligten sich an der Aktion ebenso wie die Sportfreunde Stiller oder Fußball-Star Mehmet Scholl. Es gab Getränke und Musik.

Im Hinterhof trainierten Boxer des TSV 1860: Denen droht der Rauswurf aus ihrer städtischen Halle in der Auenstraße. „Wir betreuen immerhin 200 Jugendliche“, sagte der Trainer.

Es wurde ein „Aktionsnachmittag mit Leidtragenden des Spekulationswahnsinns“, wie Goldgrund-Gräber Hofmann es nannte. Vor der Aktion präsentierte er auf einer Stadtrundfahrt die Leckerbissen aus Münchner-Filetgrundstücken: Eine beinah unerschwingliche Luxusadresse nach der anderen.

Erst im März hatte „Goldgrund“ das städtische Haus Müllerstraße 6 mit Beschlag belegt und eine Wohnung mit einfachen Mitteln wieder bewohnbar gemacht. Die Stadt hatte auch dieses Haus zuvor vergammeln lassen und wollte es abreißen.

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