Politik Wikileaks machts publik: Die brisante US-Liste

Jetzt gibt es ihn schon als Andenken: Wikileaks-Grüner Julian Assange als Figur in einem Laden in Neapel – mit Barack Obama, Angela Merkel und Silvio Berlusconi. Foto: AP / AP

LONDON - Wikileaks liefert weiter spannendes Material: In einem Dokument stellen die Amerikaner dar, was sie für ihre nationale Sicherheit wichtig finden. Mit dabei: Firmen aus dem Freistaat.

 

Aus dem Loch von Wikileaks fließt weiter politisch hochexplosives Material: Am Montag sorgte eine Liste für Furore, auf der die Amerikaner weltweit Objekte zusammenstellten, die sie als wichtig für ihre nationale Sicherheit betrachten. Auf ihr finden sich auch deutsche Einrichtungen, darunter zwei bayerische.

Dass die fränkische Siemenszentrale in Erlangen dort aufscheinen würde, damit war noch zu rechnen. Die USA betrachten Siemens als „unersetzlich wichtigen Lieferanten bedeutender chemischer Substanzen“. Siemens taucht auch noch auf als wichtiger Lieferant von Elektrotransformatoren.

Weit weniger bekannt ist die zweite Firma im Freistaat auf der Liste: die TDW Gesellschaft für verteidigungstechnische Wirksysteme in Schrobenhausen. Sie liefere wichtige Bausteine für die sogenannten Patriot-Raketenabwehrsysteme, heißt es. In Schrobenhausen schien sich das Erscheinen auf der Liste gestern noch nicht herumgesprochen zu haben. Die Geschäftsführung war auf einer Betriebsversammlung und nicht zu sprechen.

Anderswo löste das Dokument dagegen Alarmstimmung aus. In England, wo die Times und die BBC die Datei aus dem 250000 Papiere umfassenden Dokumentenwust fischten, wurde sie als Liste potenzieller Terrorziele gesehen. In ihr finden sich nicht nur Firmen: Auch Pipelines, Datenkabel und andere Infrastruktur scheinen dort auf. Wie bedeutend die Liste für die USA (und ihre Gegner) wirklich ist, lässt sich allerdings nur schwer abschätzen. Zumindest ist sie relativ schlampig abgefasst. Aus Schrobenhausen wird darin „Schroebenhausen“, statt Gesellschaft ist von „Gasellschaft“ die Rede.

Der noch immer flüchtige Wikileaks-Gründer Julian Assange nimmt derweil das nächste Ziel ins Visier: Russland. „Wir werden bis Jahresende noch tausende Dokumente veröffentlichen, in denen es auch um die russische Regierung geht“, sagte er in einem russischen TV-Interview. Darin werde es auch um Verquickungen zwischen Wirtschaft und Politik gehen.

Auch die deutsche Innenpolitik kämpft weiter mit dem Wikileaks-Strudel: In der FDP ist immer noch unklar, ob sie ihren in die Wikiaffäre als Maulwurf verwickelten Berliner Ex-Bürochef Helmut Metzner entlässt. Er sei jetzt im Urlaub, sagte Generalsekretär Christian Lindner. Der Partei macht es offenbar auch nichts, wenn dieser möglichst lange dauert: „Wir wollen großzügig sein und nicht auf jeden einzelnen Tag schauen", sagte Lindner.

Auch SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier taucht nun bei Wikileaks auf: In einem Gespräch bei US-Botschafter Philip Murphy hat er sich laut „Spiegel“ vor einem Jahr offenbar richtig ausgeheult. Sein damaliger Wahlkampf gegen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) komme nicht in Fahrt. Er schaffe es nicht, sich von Merkel abzusetzen, klagte Steinmeier Murphy. Der notierte dann als Fazit in seiner Depesche nach Washington: „Steinmeier betonte seinen Frust“. mue

Deutschland aus Sicht der USA

Es ist eine etwas andere Deutschlandkarte, die sich die USA da zusammengestellt haben. Die Liste der für für die Amerikaner aus Gründen der nationalen Sicherheit bedeutenden deutschen Orte ist eine Mischung aus Vertrautem und völlig Unerwartetem. Im Mittelpunkt stehen mehr als ein Dutzend deutsche Unternehmen. Eine Auswahl:

Das BASF-Stammwerk in Ludwigshafen: wichtig als „weltgrößter zusammenhängender Chemie-Komplex“.

Siemens Erlangen: „Unersetzlich wichtiger Lieferant chemischer Substanzen“. Außerdem bedeutender Hersteller von Elektro-Transformatoren und weiterer wichtiger Technik.

TDW Gesellschaft für verteidigungstechnische Wirksysteme, Schrobenhausen: Bedeutende Rolle beim Bau der Patriot-Raketen.

Drägerwerk Lübeck: Wichtig wegen Gasmesstechnik.

Junghans Feinwerktechnik in Schramberg (Baden-Württemberg): „Entscheidend bei der Herstellung von Minenwerfern.

Chemische Fabrik Heyl: Erzeugung des Medikaments Radiogardase gegen atomare Verstrahlung.

Pharmazeutische Fabrik Hameln: Medikamente gegen Plutonium-Vergiftung.

Auf der Liste tauchen noch weitere Pharmazie-Unternehmen auf: Dessau, Biotest aus Dreieich, CSL Behring Gmbh aus Marburg und Novartis sowie Vetter Pharma aus Ravensburg. Ebenfalls auf der Liste Sanofi Aventis (Frankfurt).

Aber auch andere deutsche Objekte finden sich auf der Sicherheitsliste: Etwa das ostfriesische Norden und die Nordseeeinsel Sylt als Landepunkte für die transatlantischen Unterwasserkabel.

 

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