Politik-Experte im AZ-Interview Innenminister Seehofer: Wie lange ist er noch zu halten?

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Noch-CSU-Chef Horst Seehofer haben ungezählte Konflikte hinter sich. Foto: dpa

Der Politik-Experte Stefan Wurster über Gründe, warum Seehofer früher oder später scheitern muss.

Berlin/München - Der 38-jährige Professor für Politologie Stefan Wurster forscht an der Hochschule für Politik (HfP) der TU München. Im AZ-Interview spricht er über Seehofer und wie dessen Rücktritt vom CSU-Vorsitz in Bayern aufgenommen wird.

AZ: Herr Professor Wurster, ist die Rücktritts-Ankündigung von Horst Seehofer als CSU-Chef eine Chance oder eine Gefahr für Kanzlerin Angela Merkel und die Große Koalition in Berlin?
STEFAN WURSTER: Es kann die Chance sein, dass sich der Konflikt, den es ja ganz offensichtlich gab zwischen Seehofer und Merkel, jetzt doch entschärft. Und dass es insgesamt zu einer Beruhigung der Lage führt. Es war auch für die SPD kaum mehr hinnehmbar. Denn den Schaden hatten ja nicht nur die Unionsparteien – die SPD wurde ja mindestens genauso in Mitleidenschaft gezogen durch die koalitionsinternen Konflikte.

Kann Seehofer einen geeigneten Nachfolger präsentieren?

Das Amt des Bundesinnenministers wolle er weiter behalten, teilte Seehofer am Montag mit. Wozu?
Es ist eine offene Frage, wie lange er sich in diesem übergroßen Ministerium noch halten wird. Denn das verlangt eigentlich auch eine entsprechende Hausmacht hinter sich, die er jetzt nicht mehr hat. Aber es stellt sich natürlich immer auch die Frage, ob man einen geeigneten Nachfolger präsentieren kann – und das scheint im Moment noch nicht ganz klar zu sein. Dazu kommt: Die CSU will vielleicht nicht noch mal einen Konflikt aufmachen, wenn man eh nicht sicher weiß, wie lang die Große Koalition noch hält. Das Problem ist nur: Es kommen jetzt natürlich schon Rücktrittsforderungen aus der SPD und der Opposition. Die Frage ist, wie stark dieser Konflikt jetzt weitergetrieben wird.

Als Nachfolger für den CSU-Vorsitz wird Markus Söder gehandelt. Wird Merkel mit ihm besser zurechtkommen?
Arg viel schlechter als in den letzten Monaten ist es ja kaum mehr möglich. Die Frage ist vor allem, ob Söder überhaupt bereit ist, sich jetzt so stark in die Bundespolitik einzumischen. Oder ob es letztlich nicht insgesamt darum geht, sich erst einmal in Bayern wieder zu stabilisieren. Insofern kann man davon ausgehen, dass es dann auf der Bundesebene zunächst gar keine so harten Konflikte gibt.

"Seehofer hat in enormem Maße polarisiert"

Wie wird Seehofers Rücktritt in Bayern aufgenommen?
Horst Seehofer hat schon in enormem Maße polarisiert und die CSU deshalb viele Wähler verloren. Insofern ist es der richtige Schritt, wenn er jetzt als Vorsitzender zurücktritt und damit bis zu einem gewissen Grad auch die Verantwortung für den Wahlausgang übernimmt.

War Seehofer – im Vergleich zu seinen Vorgängern – ein relevanter Parteichef für Bayern?
Es gab sicher relevantere Politiker, die auch länger im Amt waren oder eine Ära auch mehr geprägt haben, wie Franz Josef Strauß natürlich oder auch jemand wie Edmund Stoiber, der mit „Laptop und Lederhose“ auch noch mal ein ganz spezifisches Profil reingebracht hat. Aber man kann sicherlich sagen, dass nach dieser Chaos-Zeit nach Stoiber Seehofer derjenige war, der die CSU erstmals wieder stabilisiert und die Mehrheit der CSU zurückgewonnen hat. Was ihm aber nicht gelungen ist, war der Übergang, die Machtübergabe. Damit ist er ganz offensichtlich gescheitert.

 

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