Parteitag in Augsburg Einheizen à la SPD

Spitzenkandidat Christian Ude macht den Genossen Dampf – ganz nach dem Parteitagsmotto „Jetzt ist alles drin“. Die CSU hat endlich die Steilvorlagen geliefert

 

AUGSBURG Er hat endlich seine Rolle gefunden. Der Anständige gegen das Amigo-System! Christian Ude schaltet auf volle Attacke: „Moralische und strafrechtliche Verwahrlosung“ wirft er Horst Seehofer und seiner CSU vor, die hier in Bayern „regierungsamtlich betrieben“ worden sei. „Die Menschen haben es satt, sich für die bayerische Staatsregierung genieren zu müssen“, ruft er den rund 300 Delegierten zu. Zwei Tage hat es gedauert, bis seine Truppen auf dem Parteitag in Augsburg in Stimmung kommen. Jetzt jubeln sie begeistert, schwenken SPD-Fahnen, rufen „Ude, Ude, Ude!“ Das sind die Bilder, auf die er gewartet hat.

Kurz vor seiner Rede, als die Delegierten schon stundenlang über „Spiegelstriche“ in seinem Regierungsprogramm diskutieren, macht er sich vor dem Saal bei seiner Frau Edith Luft: „Das ist doch Wahnsinn. Die tun, als wenn sie 75 Prozent hätten.“ Dabei dümpelt die SPD bei 20 Prozent dahin. Ins „Gleichgewicht“ will er Bayern bringen. Jetzt, wo die CSU in der Beschäftigungsaffäre um die Landtagsabgeordneten aus der Balance geraten ist. „Jetzt ist alles drin“, prangt in grauen und roten Buchstaben über der Bühne der Kongresshalle.

Bei den Delegierten aber scheint das nur langsam anzukommen. In seiner Rede reibt Ude es ihnen zum Schluss richtig hin: „Die Sozialdemokratie macht es sich selber immer so schwer. Stellt die eigenen Befindlichkeiten zurück!“ Die Delegierten lachen. Sonntagmorgen hat Frank-Walter Steinmeier, der Oppositionsführer im Bundestag, die bayerischen Genossen schon zum Wahlkämpfen getrieben: „Die Aufholjagd kennt kein Tempolimit, deshalb lasst uns Gas geben.“

Die Losung ist klar: „Amigo-System“ und „schwarzer Filz“ lauten die Zauberworte. Wie ein Mantra trägt sie die SPD vor sich her, als wolle sie allein damit den schwarzen Geist aus dem weiß-blauen Bayern vertreiben.  „Was Bayern braucht, sind nicht Hände, die sich gegenseitig waschen, sondern Politiker, die sauberer Hände haben“, brüllt Steinmeier, um alle wachzurütteln. Wenn Vetternwirtschaft je eine eigene Bedeutung gehabt habe, dann hier in Bayern. „Das ist die Moral einer Partei, die auf den Hund gekommen ist. Die das Land als Beute betrachtet und an die Verwandten verteilt“, greift er Seehofer & Co. an.

"Seehofer ist kein Aufräumer, er ist Teil des Filzes"

Am Tag zuvor hatten die Genossen noch gebockt. Dabei zog die Parteispitze schon zum Auftakt am Samstag alle Register. „Saludos Amigos“, begrüßt SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen bei der Parteitags-Eröffnung „die Gäste aus der CSU“, die zur Feindbeobachtung gekommen sind. SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher breitet eine Amigo-Litanei aus der Amtszeit von Seehofer aus: „Der ist kein Aufräumer des CSU-Filzes, Seehofer ist Teil davon.“

Parteichef Florian Pronold sorgt sich: „Bayern hat es nicht verdient, von der CSU so in den Amigo-Schmutz gezogen zu werden.“ Er warnt aber auch: „Wir dürfen nicht darauf vertrauen, dass dieser Amigo-Filz zur Abwahl der CSU führt. Unser größter Gegner ist die Politikverdrossenheit.“ Immerhin haben sich zeitweise auch 21 SPD-Abgeordnete von 2000 bis 2008 in der Vetternwirtschaft des Landtags recht wohl gefühlt.

Während Ude nun endlich Morgenluft wittert, stockt der rote Aufbruch. Er spurtet hinauf auf die Bühne, drückt Pronold die Hand, klatscht. Pronold klatscht mit. Beide klatschen, um die rote Truppe da unten einzupeitschen, damit auch die ein bisserl enthusiastischer Beifall klatschen – um Siegesstimmung rüberzubringen in all die Kameras.

„Es gibt Schlachtenbummler und Wegbegleiter, die gerne zündeln“, warnt Ude seine Parteifreunde. Die aber wollen nicht hören und erteilen bei der Vorstandswahl Parteichef Pronold (80,6 Prozent ) und Generalsekretärin Kohnen (80,5 Prozent) ziemliche Dämpfer – mit einem schlechteren Ergebnis als vor zwei Jahren.

Draußen im Foyer haben die Naturfreunde für die SPD eine Kletterwand aufgebaut. Auf der geht’s am Seil senkrecht mit Hindernissen nach oben. Viel Andrang herrscht nicht. Julia Firmbach (26), Delegierte aus dem Landkreis Schweinfurt, hangelt sich hoch: „Es ist ein gutes Gefühl, ganz oben zu stehen“, triumphiert sie. Den meisten Delegierten aber scheint noch der Glaube an den Gipfelsturm zu fehlen.

 

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