Ozapft is - auch in der Ratsboxe Reiter und Schmid: Ein bisschen Wiesn-Frieden

Eindreiviertelstunden nach dem Anstich: Dieter Reiter und Josef Schmid (r.) treffen doch noch aufeinander, und Schmid lobt: „Ja, Glückwunsch.“ Foto: iko

Lange umschleichen sich die Streithähne in der Ratsboxe. Dann finden der SPD-OB Dieter Reiter und sein CSU-Vize Josef Schmid doch noch zusammen.

 

München - Christian Ude legt angespannt die Stirn in Falten, als die Menge im Schottenhamel-Festzelt laut rückwärts zählt: „Zehn! Neun! Acht! . . .“ Oben auf der Empore in der Ratsboxe, wo sich die Roten, Schwarzen und Grünen im Rathaus samt deren Ehrengästen versammelt haben, kann man die Anzapf-Zeremonie neuerdings ganz nah auf Bildschirmen verfolgen.

„Toll, das hat’s früher nicht gegeben“, murmelt Münchens Alt-Oberbürgermeister noch. Dann haut sein Amtsnachfolger Dieter Reiter (beide SPD) gekonnt den Wechsel mit nur zwei Schlägen ins Fass, zwei Sekunden vor 12 Uhr – und aus Ude perlt es sofort heraus: „Wahnsinnig cool! Unheimlich souverän! Diese kurzen, konzentrierten Schläge, das hat er wirklich großartig gemacht!“

Ein sekundenschnelles Spitzenlob vom nunmehr auch als Anzapf-König entthronten Ude (der hatte während seiner Amtszeit zwölf Jahre gebraucht, um sich von anfangs sieben auf zwei Schläge raufzuarbeiten) – obwohl die beiden Alpha-Sozis sich seit der Amtsübergabe im Frühjahr 2013 eher unterkühlt begegnen.

Das dritte Alpha-Tier in Münchens Politszene, Reiters Vize, CSU-Bürgermeister und Kooperationspartner Josef Schmid, der das Anzapfen hautnah unten in der Box verfolgt hat, braucht eine Stunde und 47 Minuten länger – zumindest, um Reiter beherzt die Hand zur Gratulation zu schütteln. Noch immer haben der OB und sein Vize ihren Sommerferien-Streit um die Frage, wie viele Flüchtlinge München verträgt (AZ berichtete) nicht offiziell beigelegt. Der OB hatte Schmid öffentlich unterstellt, mit seinen Aussagen zu „zündeln“. Schmid konterte mit: „Unverschämtheit“.

Als Dieter Reiter um 12.30 Uhr die Empore erklimmt, umringt von Gratulanten, setzt er sich erst mal mit seiner Frau Petra, CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer und dessen Gattin Karin zu Christian Ude an den Tisch und verspeist sein Hendl. Im Rücken von Josef Schmid, der am Nebentisch mit CSU-Wirtschaftsministerin Ilse Aigner isst.

Über eine Stunde lang umschleichen sich die beiden. Ratschen hier und da. Josef Schmid plaudert ausgedehnt mit einer Runde Damen, die ihre Plätze auf der Empore bei einer Verlosung gewonnen haben. Der OB kaum einen Meter entfernt.

Es wird 13.47  Uhr, bis die zwei Streithähne nicht mehr aneinander vorbei schauen können: „Ja, Glückwunsch, Superleistung“, presst Josef Schmid (der übrigens eine SPD-rote Weste trägt) ins Blasmusikgetöse und drückt dem OB die Hand. Reiter gibt freundlich etwas zurück, das wie „passt scho“ klingt.
Ein kurzes Intermezzo ohne viel Blitzlichtgewitter – aber eines, das wohl ankündigt, dass die zuletzt frostige Stimmung unter den schwarz-roten Koalitionären im Rathaus sich dreht. Mit der Wiesn bahnt sich die Versöhnung an.

„Natürlich kommen wir wieder zusammen“, sagt Schmid. „Unser Thema lässt sich nicht in einem Männergespräch ausräumen, aber wir klären es in einer Koalitionsrunde und arbeiten gemeinsam weiter.“

„Die sind halt beide Diven“, stichelt einer unter den CSU-Granden, „die können nicht gut miteinander reden, aber die kriegen sich wieder ein.“ Die Fraktionen selbst habe der Chef-Sommerzoff um die Flüchtlingsfrage sowieso nicht betroffen, heißt es launig unter den SPDlern, die sich auf der Empore längst mit ihren Maßn unter ihre schwarzen Rathauskollegen gemischt haben: „Wir mögen uns immer noch. Wir sind ja die nächsten Jahre aufeinander angewiesen.“

Die Grünen feiern genauso entspannt: „Wir bekommen langsam Spaß in der Opposition“, sagt Stadträtin Katrin Habenschaden, „und bei den anderen wird’s schon wieder.“

Und so kommt’s, dass Schmid alsbald am SPD-Tisch munter mit dem Sozi Hans-Ulrich Pfaffmann plaudert und Reiter lässig kundtut: „Zwischendurch so ein Scharmützel darf schon mal sein.“

Der Ministerpräsident, der müde ausschaut, geht früh. Der Oberbürgermeister alsbald auch: „Das Oktoberfest ist wunderbar. Aber jetzt gibt es Wichtigeres zu tun.“ Bei aller verdienten Feierfreude, am Hauptbahnhof kommen wieder Flüchtlinge an.

 

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