Organspende-Skandal Konkurrenzdruck unter Kliniken könnte Auslöser sein

Der Organspende-Skandal am Münchner Klinikum Rechts der Isar weitet sich aus. Immer neue Verdachtsfälle kommen ans Licht –  Welche Rolle spielt der Konkurrenzdruck unter den Kliniken?

 

München – Anfang der Woche bestätigte das Münchner Klinikum Rechts der Isar einen Manipulationsverdacht bei der Vergabe von Spenderorganen. Nun ist klar: Das war womöglich nur die Spitze des Eisberges. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Verdachtsfälle an die Öffentlichkeit kommen.

Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ (Freitag) soll das Krankenhaus auch alkoholkranke Patienten auf die Warteliste für eine Lebertransplantation genommen haben – selbst wenn sie nicht, wie von der Bundesärztekammer (BÄK) vorgeschrieben, mindestens sechs Monate trocken waren. Das berichtete die Zeitung unter Berufung auf mehrere Transplantationsexperten. Sogar Patienten, die vorher vom Universitätsklinikum Großhadern abgelehnt worden seien, sollen so an ein Spenderorgan gekommen sein. „Es gab ganz offensichtliche Differenzen bei der Bewertung solcher Patienten“, sagte ein Chirurg dem Blatt.

Einen Alkoholiker-Fall bestätigte die Klinik am Freitag. Dabei erhielt eine Patientin, die gar als „hochgradig alkoholabhängig“ beschrieben wurde, im Jahr 2011 eine neue Leber. Sie starb wenige Tage nach der Transplantation. Für die Frau habe aber ein Gutachten vorgelegen, das ihr für die Zeit vor der Aufnahme auf die Warteliste eine sechsmonatige Abstinenz bescheinigte, betonte eine Sprecherin der Klinik.

"Ein ungeheuerlicher Vorgang"

Landespolitiker schlagen inzwischen Alarm. „Falls wirklich Alkoholkranke, die nicht vollständig trocken waren, Spenderorgane bekommen haben, ist dies ein ungeheuerlicher Vorgang“, erklärte die gesundheitspolitische Sprecherin Theresa Schopper von den Landtags-Grünen. „Das ist nicht nur gegen geltende Richtlinien, sondern unterminiert die Organspende komplett.“ Der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, Max Kaplan, befürchtet, die Verdachtsfälle könnten der Spende-Moral in Deutschland einen weiteren Dämpfer verpassen. „Jetzt hat natürlich eine Verunsicherung in der Bevölkerung stattgefunden.“

Nachdem die Klinik die Vorwürfe zunächst weit von sich gewiesen hatte, kann sie Manipulationen nun selbst in mehreren Fällen nicht mehr ausschließen. „Wir gehen davon aus, dass manipuliert wurde, können aber noch nichts über das Ausmaß sagen“, hieß es. Die Bundesärztekammer und die Staatsanwaltschaft ermittelten inzwischen in mehreren Fällen. Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP), der auch im Aufsichtsrat des Klinikums sitzt, hat „lückenlose Aufklärung“ versprochen. An diesem Samstag soll es eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung geben.

Im bislang spektakulärsten Verdachtsfall sollen ein Laborwert vorsätzlich gefälscht und Blutproben ausgetauscht worden sein, um einem Patienten schneller ein Spenderorgan zu verschaffen. Die „taz“ hatte außerdem von zwei verdächtigen Lebertransplantationen berichtet, die „Süddeutsche Zeitung“ über zwei Fälle, in denen Krebspatienten trotz Metastasen eine neue Leber bekommen hätten – das wäre ebenfalls ein Verstoß gegen die Vergaberichtlinien. Die Staatsanwaltschaft München wollte sich zunächst nicht zu Details äußern.

Spur führt nach Großhadern

Bei der Suche nach einem Grund für mögliche Manipulationen führt der Blick inzwischen ein paar Kilometer weiter zum Universitätsklinikum Großhadern, dem zweiten Transplantationszentrum in München. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ stand das Lebertransplantationsprogramm am Rechts der Isar nämlich unter großem Druck. Im Jahr 2006 kritisierte der Wissenschaftsrat die geringe Zahl der dort verpflanzten Lebern. Er sprach damals die Empfehlung aus, Lebern in München künftig nur noch in Großhadern zu transplantieren. Bis zur endgültigen Entscheidung wurde nach Angaben des Wissenschaftsministeriums eine Übergangszeit vereinbart.

Danach allerdings stieg die Zahl der verpflanzten Lebern im Rechts der Isar allerdings stetig an. Im Jahr 2006 waren es nach Klinikangaben noch 20, im Jahr 2011 dann 37. Bei der Konkurrenz in Großhadern war ein solch stetiger Anstieg dagegen nicht zu erkennen. Nach einem Sprung von 32 auf 46 in den Jahren 2006 und 2007 schwankte die Zahl der jährlichen Lebertransplantationen nach Klinikangaben zwischen 41 und 50. Im vergangenen Jahr wurden in Großhadern 43 Lebern transplantiert.

Das Wissenschaftsministerium schreibt den Anstieg am Rechts der Isar allerdings dem neuen Leiter des Zentrums zu, der schlicht ein Leber-Experte sei und viele Patienten anlocke. Im Übrigen sei die reine Zahl der Transplantationen nicht allein entscheidend. Es gehe um die Qualität, sagte eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums. Allerdings: „Um Qualität gewährleisten zu können, braucht man eine gewisse Mindestanzahl.“

Ärztekammer-Chef Kaplan sieht bei der medizinischen Selbstverwaltung auch eine Mitverantwortung an Organspende-Skandalen. Die Kliniken seien dazu verpflichtet, eine Mindestanzahl von Organen pro Jahr zu transplantieren, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Andernfalls könne die Klinik geschlossen werden. Innerhalb von 12 Monaten müsse ein Transplantationszentrum mindestens 20 Lebern verpflanzen. „Da ist sicherlich ein gewisser Druck auch vom Träger da.“

 

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