Oktoberfest 2016 Auf eine Maß mit Rasem Baban: "Auch Tiere sind triebgesteuert"

Zwischen Haustierhusky- und Löwenmütze: Hellabrunn-Direktor Rasem Baban ist ein großer Freund des Oktoberfests. Foto: AZ, Daniel von Loeper

Die Wiesn ist ein großer Menschenzoo. Grund genug, sie mit Rasem Baban zu betrachten, dem Chef des Münchner Tierparks Hellabrunn.

 

München - Es ist ein warmer Nachmittag, im Biergarten des Weinzelts ist noch ein schöner Tisch frei. Wir bestellen, Rasem Baban nimmt ein Hendl und eine Apfelschorle. Seit August 2014 leitet der studierte Architekt den Tierpark Hellabrunn, zuvor war er stellvertretender Leiter des Zoos in Leipzig.

AZ: Herr Baban, ein Vegetarier sind Sie ja schon mal nicht...
RASEM BABAN: Ja, stimmt. Aber ich bemühe mich, den Fleischkonsum gering zu halten – für die Natur und mich selbst. Das Entscheidende ist, dass man bewusst isst. Und ein Biohendl ist da ja schon mal ein Anfang.

Die Wiesn ist doch eigentlich ein riesiger Menschenzoo...
Ja, auf einem bestimmten Raum trifft man alle Arten von Menschen und wenn es dann auch noch friedlich und entspannt bleibt, ist es wunderbar.

Hellabrunn ist aber ein Geozoo, der nach Regionen und Kontinenten trennt.
Ja, und wenn man alle, wie hier, wild durcheinander gehen ließe, gäbe es Mord und Totschlag. Die Wiesn liebe ich, weil man hier eben Menschen verschiedener Kulturen dabei beobachten kann, wie sie auf unsere Kultur reagieren.

Sind sich Zootiere bewusst, dass sie beobachtet werden?
Ja, die Primaten auf jeden Fall, aber man muss sie auch davor schützen, weil das bei aller Neugier auch manchmal Stress hervorrufen kann. Und wenn die Menschen vor der Anlage zu stark gestikulieren, rumhüpfen und laut sind, kann das für ein Tier befremdlich sein. Daher haben unsere Tiere auch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.

Es gibt auf der Wiesn auch viele tierische Aspekte. Ist der Flohzirkus für Sie Tierquälerei?
Eine lustige Frage. Ich sage mal so: Tiere außerhalb ihres natürlichen Lebensraums müssen beschäftigt werden, brauchen Rückzugsmöglichkeiten und gutes Futter. Das ist ja alles beim Flohzirkus gegeben: Ruhe im Schachterl, Akrobatik als Beschäftigung und Blut vom Zirkusdirektor höchstpersönlich, was will man als Floh mehr. Und ich sage immer: Wir dürfen keine menschlichen Maßstäbe an Tiere anlegen. Aber: Nur, weil der Floh beim Menschen weniger Empathie weckt als ein Eisbärbaby, sollte man ihn in seiner Funktion in der Evolution und Nahrungskette eben auch achten. Ich finde es befremdend und schrecklich, wenn Leute zum Beispiel bei Spinnen sagen, „Iii, find’ ich eklig. Die mach’ ich kaputt“ – und auf ein Tier drauf treten.

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Und wie sehen Sie das Ponyreiten?
Ja, das finde ich problematisch. Wir haben das bei uns in Hellabrunn schon vor vielen Jahren eingestellt. Und hier auf der Wiesn ist es ja auch noch besonders laut, die Leute sind überdreht – was völlig in Ordnung ist. Aber für ein Tier ist das alles Stress und das Immer- im-Kreis-Laufen ist auch stupide.

Das Oktoberfest ist eine riesige Partyzone: Feiern ist etwas zutiefst Menschliches. Gibt es Vergleichbares im Tierreich?
Im klassischen Sinne feiern Tiere nicht. Sie sind Instinkten und Regeln unterworfen und kommen nicht zusammen, weil sie sich nett finden. Tiere kommen zum Beispiel zusammen, weil sie im Verband mehr Schutz haben, gemeinsam jagen können oder sich paaren wollen.

Naja, das gilt ja für die Wiesn alles auch! Schutz in der Gruppe, aus der man heraus auch besser auf die Jagd gehen kann, und am Ende schleppt man jemanden ab, um sich „zu paaren“!
Aber das alles überwölbende „Feiern“ gibt es bei Tieren eben nicht! Und selbst in so genannten Entspannungsphasen, wenn Tiere also scheinbar nichts machen, dann sparen sie Energie für die nächsten Aufgaben oder betreiben Fell- oder Brutpflege. Also das Ruhen um seiner selbst Willen gibt es letztlich nicht. Ein Tier schlägt auch keine Zeit tot und hängt sich vor den Fernseher.

Aber Tiere tollen doch auch mal zum Spaß herum?
Auch da darf man eben keine menschlichen Ideen auf Tiere projizieren. Das sind dann kleine Raufereien, spielerisches Kräftemessen, um festzustellen, ob man schon einem anderen den Rang ablaufen kann. Und da ist die Frage, ob ein Tier da in unserem Sinne Spaß empfindet, so wie wir zum Beispiel, wenn wir in eine Comedy-Show gehen.

Aber Tiere wollen doch auch unterhalten werden. Unsere Katzen haben sich immer gefreut, wenn man nach Hause kam und sich mit ihnen beschäftigt hat.
Klar: Tiere müssen ihren natürlichen Bewegungsdrang und andere Verhaltenstriebe auch ausleben können. Sie würden sich sonst nicht langweilen, sondern sogar leiden. Deshalb brauchen Anlagen neben Schutzvorrichtungen und möglichst großer Natürlichkeit immer auch Verhaltensanreicherungen, sonst entwickeln Tiere Stereotypien und Verhaltensstörungen.

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Wie der Panther im Rilke-Gedicht, der immer auf und ab läuft... Haben Sie als Zoodirektor selbst Haustiere?
Wir hatten auch Katzen, aber die sind beide überfahren worden. Und da habe ich es jetzt hier in München sein lassen. Wir wohnen ja im Zoo und da sage ich meinen Kindern: Jetzt haben wir 19.000 Haustiere!

Welche Tiere würden das Tohuwabohu der Wiesn am ehesten wegstecken?
Wenn überhaupt, dann einige Haustiere. Wenn riesige Gnuherden durch die Steppe wandern, sieht das für uns nach Chaos aus, aber für die Tiere ist das normales und damit relativ stressfreies Verhalten. Und selbst eine Gnuherde würde um die Wiesn einen großen Bogen machen.

Auf Youtube gibt es Videos von Tieren, die leicht alkoholisiert sind, weil sie zum Beispiel leicht Vergorenes gegessen haben, das ein bisschen Alkohol enthält. Ist das eine Annäherung des Tierreichs ans Wiesngefühl?
Tiere würden aber die Früchte nicht essen, weil sie bei sich ein anderes Verhalten hervorrufen wollen. Das Tier merkt schon: Das ist jetzt nicht normal! Aber der Rausch ist vermutlich nicht Sinn und Zweck der Übung.

Sie scheinen ja kein Freund von menschlichen Kategorien bei Tieren zu sein...
Als Zoo arbeiten wir dagegen sogar an. Natürlich wollen wir unseren Besuchern die Tiere nahebringen und da darf man auch nicht zu wissenschaftlich daherreden. Emotional, spannend und seriös zugleich die Tiere und ihre Welt erklären, das ist das Ziel, damit wir möglichst viele für Arten- und Naturschutz gewinnen.

Was halten Sie dann von der „Disneyfizierung“ der Tierwelt? In „Madagascar“, wollen ja die Tiere aus dem New Yorker Zoo türmen?
Ich finde Filme nur hilfreich, wenn am Ende klar ist: Wildtiere sind Wildtiere mit bestimmten Verhalten, das eben nicht menschlich ist und dass sie bedroht sind und wir etwas tun müssen, damit diese Tiere eine Zukunft haben. Wenn nur hängen bleibt, „Ach wie witzig, ach wie niedlich“, dann ist das respektlos und ein Bärendienst am Tierreich.

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Aber würden Ihre Tiere nicht auch ausbrechen wollen wie das Zebra Marty, Alex der Löwe und die Pinguine?
Natürlich würde unser Tiger seine Umgebung erkunden, sein Revier erweitern, wenn die Tür zur Anlage offen ist. Aber – und das sagt ja auch der Animationsfilm – im Zoo haben die Tiere alles, was sie brauchen: Revier, Nahrung und Paarungspartner – und sie sind geschützt. Das spüren die Tiere auch. Was ihnen nicht bewusst ist: Sie haben eine Rundumbetreuung rund um die Uhr inklusiv Pfleger und Arzt. Deshalb werden Zootiere ja auch sehr viel älter als ihre Artgenossen in der freien Wildnis.

Also wählen Tiere Sicherheit vor Freiheit? Eine Tendenz, die man ja auch beim Menschen in unruhigen Zeiten spürt, schließlich sind wir ja auch durch Sicherheitsvorkehrungen auf die Wiesn gegangen.
Das oberste Ziel eines jeden Tieres ist Arterhaltung. Und da ist der Zoo für viele Tierarten der letzte geschützte Überlebensraum geworden.

Ein ruhmloses langes Leben ist besser als ein ruhmreiches kurzes?
Den Löwen interessiert es nicht, dass wir ihn als König der Tiere betrachten und dass er das Löwenbräuzelt schmückt. Und um auf den Flohzirkus zurückzukommen: Auch dem Floh ist unser Applaus für seine Sprünge egal.

 

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