Oktoberfest 1000 Maß für ein Prosit

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Eine Wiesn ohneGerstensaft ist einfachundenkbar – doch dasFestbier hat sich mit derZeit verändert. Die Zukunft bleibt noch ungewiss...

 

Es ist kalt. Null Grad. Einbrummender Ton fülltden Raum. Große weißeTanks reihen sich aneinander.Darin: flüssiges Gold. Wiesn-Bier. Der Gerstensaft, der hierim Nockherberg lagert, istnoch unfiltriert, trüb. Ein bisserldauert es noch, bis er zurTheresienwiese gebracht werdenkann.

Rund 6,5 Millionen Maßsind im vergangenen Jahr aufdem Oktoberfest getrunkenworden. „Man rechnet damit,dass in einem großen Zelt beijedem Prosit der Gemütlichkeitetwa 1000 Maß Bier konsumiertoder versehentlichverschüttet werden“, sagt LukasBulka, Leiter des Bier- undOktoberfestmuseums. DieWiesn ist eben nicht nur dasgrößte Volksfest der Welt, sondernauch das größte Bierfest.Traditionell wird dort stärkeresBier ausgeschenkt. DieStammwürze liegt in der Praxiszwischen 13,6 und 13,8Prozent, der Alkoholgehaltzwischen 5,8 und 6,3. ZumVergleich: Ein „normales“ Bierhat um die 5 Prozent.

Früher war der Gerstensaftauf dem Oktoberfest malzigerund süßer als heute. „Nachdrei bis vier Maßen war mansatt“, sagt Bulka, der nicht nurMuseums-Chef sondern auchBiersommelier ist. Dieses Märzenbier,damals eine Neuheitnach „Wiener Art“, hielt ab1872 Einzug auf der Wiesn. Eswar außergewöhnlich warm.Und dem Wirt Michael Schottenhamelging das sonst üblicheSommerbier der Leistbrauereiaus. Aus der Notwurde eine Erfolgsgeschichte:Bis in die 60er blieb das Märzenbierdas meist getrunkeneWiesnbier, bis sich ein andererGeschmack durchsetzte.Heuer gibt es eine Auferstehung.Für die Jubiläumswiesnhaben sichmehrere Braumeisterzusammengetan und ihreRezepte ausgetauscht. Was dabeiherauskam, soll mit demMärzenbier durchaus Ähnlichkeitenhaben.

Zurück in die Zukunft: Diplom-Braumeister Martin Zuber(46) steht vor dem großenBiertank, in dem das nachgärt,was bald das Wiesnbier vonHacker-Pschorr sein wird –oder zumindest ein kleinerTeil davon. Rund acht Wochenmuss das Gebräu lagern, bis eszum Einsatz kommt. Erst abDonnerstag vor dem Anstichwird es auf die Theresienwiesegebracht. Früher geht’snicht, weil die Tanks vor Ortzwar isoliert sind, aber keineeigene Kühlung haben. „Einwarmes Bier auf der Wiesn isteine Katastrophe“, sagt BraumeisterZuber. Was macht einenguten Trunk aus? „Auf derWiesn muss es ein Bier sein,von dem man viel trinkenkann.“ Dafür sei ein ausgewogenerGeschmack wichtig.

Nicht zu süß. Nicht zu bitter.Insgesamt 17 000 HektoliterHacker-Pschorr werden lautZuber fürs Oktoberfest gebraut.Bei Paulaner, das zur selbenBrauereigruppe gehört,ist es etwas weniger. „Wir habenmehr als 40 Prozent desgesamten Wiesnbiers“, sagtder Diplom-Braumeister –und verrät damit ein kleinesGeheimnis.

Das ist ein heiß diskutierterPunkt:Wer darf auf dem weltgrößtenVolksfest den Durstder Besucher löschen? Es gabZeiten, da konnte man dortauch bei einem Tölzer Bier ratschen.Zelte gab’s keine, nurBretterbuden. Heute ist das undenkbar.Die Ansage inden Betriebsvorschriftenist klar: NurMünchner Bier „der leistungsfähigenund bewährtenMünchner Traditionsbrauereien“darf ausgeschenkt werden.Genannt sind Augustiner,Hacker-Pschorr, Löwenbräu,Paulaner, Spaten und dasStaatliche Hofbräuhaus.

Doch es regt sich Widerstand.Einer, der die Regelungschon lange für „überholt“hält, ist Luitpold Prinz vonBayern.Er kümmert sich inzwischenums internationale Geschäftder königlichen Marken,darunter auch ums KaltenbergerBier. In den 80ernhatte er versucht, mit seinemBier auf die Wiesn zu kommenund dafür eigens eineHausbrauerei im Luitpoldparkeingerichtet. Er zog sogar vorGericht – und scheiterte. Nochimmer würde er die Wiesngerne beliefern, darf abernicht. „Da wird ein Monopolgeschaffen“, schimpft er überdie Betriebsvorschriften. BeispielAnheuser-Busch InBev:Zu diesem belgisch-brasilianischenGroßkonzern gehörenauch die Marken Franziskaner,Spaten und Löwenbräu. „Diemachen vier Mal so viel Bierwie alle tausend deutschenBrauereien zusammen“, sagtPrinz Luitpold. „Und sind vomMünchner Stadtrat unter Naturschutzgestellt.“

Bei der Paulaner-Gruppewiederum hat Heineken dieHände mit im Spiel. Prinz Luitpoldfindet die Beschränkungbeim Bierausschank einfach„nicht mehr zeitgemäß undvöllig schwachsinnig“. BayerischesBier von außerhalb derStadtgrenzen – das sollte seinerMeinung nach möglichsein. Auch im Rathaus ist dieDiskussion angekommen. DieGrünen machen sich fürkleine Münchner Sudstättenstark, die keinen Platz aufdem Fest haben. Doch beimVerein der Münchner Brauereiensieht man das Ganze naturgemäßetwas anders: „Esmuss eine gewisse Leistungsfähigkeitbei den Brauereienvorhanden sein, um dasThema Oktoberfest erfolgreichabzuhandeln“, sagt derVorsitzende Andreas Steinfatt.Egal wie sich die Bier-Zufuhrauf der Wiesn in dennächsten 200 Jahren gestaltenwird: Reißenden Absatz wirdder Gerstensaft wohl immerfinden. Spätestens beim nächstenProsit der Gemütlichkeit.

Julia Lenders

 

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