Neu am Rotkreuzplatz Ayinger-Wirtshaus-Chef: "Menschen wollen zammhocken"

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Franz Inselkammer (l.), Chef des Ayinger-Wirtshauses, und der Wirt Josef Sperl im noch leeren Ayinger am Rotkreuzplatz, wo das Brauerei-Grün und Holz dominieren. Foto: Daniel von Loeper

Der Brauerei-Chef und der Wirt vom Ayinger am Rotkreuzplatz diskutieren im AZ-Interview darüber, ob es die schlechteste aller Zeiten ist, ein Wirtshaus zu eröffnen.

 

München - Grün und frisch schaut das Wirtshaus hinterm Kaufhof am Rotkreuzplatz aus. Auch während des Lockdowns haben hier die Handwerker gearbeitet.

Bevor das neue Ayinger am Rotkreuzplatz öffnet, haben sich Wirt und Brauereichef mit der AZ über Krisen und Optimismus, Wirtshausmusik und fehlenden Bierdurst unterhalten.

AZ: Bänke und Tische stehen schon in der Wirtschaft, aber es hallt noch. Wann soll’s losgehen?
Josef Sperl:
Wir haben die Abnahme vom KVR nächste Woche. Das ist ja ein Traumobjekt, da sind wir sehr zuversichtlich. Bei einer erfolgreichen Abnahme steht einer Eröffnung im Juli nichts mehr im Wege.

Ayinger München: "Wollten die Wirtschaft wieder zum Leben erwecken"

Wie lange wurde renoviert?
Franz Inselkammer:
Ein Dreivierteljahr. Eine Baustelle mit Corona-Auflagen zu betreiben ist aufwendig, da muss man die Bautrupps voneinander trennen, da kommen mobile Trennwände zum Einsatz.

Was war hier zuvor?
Inselkammer:
Schon seit Bestehen des Gebäudes – so um 1900 – ist das eine Wirtschaft. Aber die letzten Jahre haben die Pächter oft gewechselt, die Betreiber haben kein glückliches Händchen gehabt.

Wieviele Wirtschaften beliefert Ayinger in München?
Inselkammer:
Um die 150. Wir sind ja vor den Türen Münchens und haben sogar M-Kennzeichnen, weil wir noch Landkreis sind. Seitdem mein Urur-Großvater den ersten LKW für die Brauerei gehabt hat und nach München liefern konnte, sind wir hier aktiv.

Aber die Wirtschaften gehören nicht alle Ayinger?
Inselkammer:
Eigenbetriebe sind es ein Dutzend, nicht nur in München, auch im Umkreis. Das Haus hier gehört uns auch nicht, aber weil das eine richtige schöne, alte Münchner Wirtschaft ist, haben wir uns mit Herrn Sperl genau überlegt, wie wir diese wieder zum Leben erwecken können.

Corona-Krise: "Die dramatischste Situation in der Firmengeschichte"

Sie haben im alten Bavarese heuer auch den Spaten Sepp eröffnet, mit einer anderen Brauerei. Ist das üblich, dass ein Wirt zwei Brauereien hat?
Inselkammer:
Das ist nicht so, dass ein Wirt mit einer Brauerei lebenslang verhaftet ist. Wir Brauereien bekriegen uns ja nicht.

Wie hat es Ayinger während Corona mit der Pacht gehalten?
Inselkammer:
Wir sind selbst Gastronomen und betreiben das Ayinger Bräustüberl. Als Corona losgegangen ist, haben wir schnell selbst spüren müssen, was das für eine Katastrophe ist. Und wir haben gemerkt, dass wir unseren Partner helfen müssen, die wir ja zum Teil seit Generationen haben und deren Betriebe jetzt sterben. Das schnellste und effektivste Mittel war, den großen Fixkostenblock Miete zu erlassen – den kompletten April und im Mai nochmal die Hälfte. Es ist die schlechteste aller Zeiten, um ein Wirtshaus zu eröffnen. Und die allerschlechteste aller Zeiten, um zwei Wirtshäuser zu eröffnen.
Sperl: Ich sehe das anders. Wenn ich mir die Geschichten meiner Großeltern anhöre, die sind vor wesentlich größeren Herausforderungen gestanden. Natürlich darf man eine Pandemie nicht weglächeln. Aber unser Land hat schon schlimmere Zeiten erleben müssen. Die bayerische Wirtshauskultur hat immer überlebt und wird das auch die nächsten paar Hundert Jahre. Man löst Probleme nur mit Optimismus, nicht mit Pessimismus.

Was denken Sie, Herr Inselkammer?
Inselkammer: Für uns war das die dramatischste Situation in 140 Jahren Firmengeschichte. Sogar wenn Kriege eingetreten sind, haben sich die Umstände langsam entwickelt. Hier war von einem Tag auf den anderen alles zu. Wir hatten die Lager voll Bier und alle Pläne mussten wir auf Eis legen.

"Die Deutschen haben noch nie so wenig Alkohol getrunken"

Was haben Sie mit dem Bier gemacht?
Inselkammer:
Wir haben die Produktion so runtergefahren, dass wir unsere Hefe noch am Leben erhalten konnten. Da braucht es 10 Prozent vom Braubetrieb.

Haben die Leute daheim getrunken?
Inselkammer:
Es hieß ja immer, die Deutschen würden zu Corona das Süffeln anfangen. Aber das stimmt nicht. Die Deutschen haben wahrscheinlich noch nie so wenig Alkohol getrunken wie in dieser Zeit.

Wie schauen die Zahlen aus?
Inselkammer:
Wir hatten 50 Prozent Einbruch. Jetzt nähern wir uns so langsam den 70 Prozent. Der Handel hat sich gut entwickelt, aber die Gastronomie ist noch stark eingeschränkt, deshalb sind wir noch in Kurzarbeit. Die Veranstaltungen, die wir beliefern, fallen alle aus. Export ist auch ein Thema, die Beschränkungen gelten ja weltweit.

Ayinger-Chef: "In Österreich ist schon wieder eine Normalität da"

Haben Sie darüber nachgedacht, laufende Projekte wie das Ayinger am Rotkreuzplatz zu stoppen?
Inselkammer: 
Darüber haben wir uns natürlich unterhalten, es wusste ja keiner, wie es sich entwickelt, ob wir monatelang daheim gefangen sind. Aber der "Ayinger am Rotkreuzplatz" und die bayerische Wirtshauskultur sind uns eine Herzensangelegenheit. Daher haben wir dann beschlossen, dass wir optimistisch sein wollen, laufende Projekte beenden, aber keine neuen anfangen.

Mit welchem Konzept haben Sie Ayinger überzeugt?
Sperl:
Ich bin auf dem Land aufgewachsen und weiß, worauf es ankommt: die Stimmung. Man muss Stammgäste reinkriegen, natürlich auch Stammtische. Und eine schöne Blasmusik, wenn das zugelassen wird. Ich bin gut vernetzt, auch mit Kapellen, die auf der Wiesn spielen.
Inselkammer: Ja, das schafft Atmosphäre. Da gibt es ein Programm, das musikantenfreundliche Wirtshaus, da spielen Musiker, die wirklich spielen können für eine Brotzeit und ein Bier. Wir wollen das beleben, dass in der Wirtschaft das Leben stattfindet.
Sperl: Wir sind zuversichtlich, das auch während Corona machen zu können.

Meinen Sie, Corona hat das Ausgehverhalten der Menschen nachhaltig verändert?
Inselkammer:
Ich habe das jetzt gemerkt im Urlaub in Österreich, die sind uns zwei Wochen voraus und da ist schon wieder eine Normalität da. Die Menschen haben intus, dass sie miteinander sein wollen und zammhocken. Das kommt schnell wieder, sobald die unterschwellige Angst weg ist.

Denken Sie die von vielen angekündigte zweite Welle mit, bei dem, was sie tun?
Inselkammer: 
Da sind wir wieder beim Optimismus.
Sperl: So schnell wie die Erste gekommen ist und vorbei war, kann’s mit der Zweiten sein. Im Kopf muss man sich drauf vorbereiten, aber es bringt ja nichts, wenn man auf Stillstand setzt.

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