Nach Schweinsteiger-Wechsel Götterdämmerung beim FC Bayern München

Sagt Servus: Bastian Schweinsteiger. Foto: dpa

Rummenigge verkündet Schweinsteigers Wechsel zu Man United – und wird ausgepfiffen. „Es hätte keinen Transfer gegeben, wenn Pep hinter ihm gestanden hätte“, sagt Nerlinger. Schweinsteiger bedankt sich.

 

München - Bastian Schweinsteiger sah entspannt aus. Leger gekleidet, mit Turnschuhen, schwarzer Anzugshose und mit Sonnenbrille schlenderte er gestern Nachmittag zum Check-in am Münchner Flughafen. Seine Zukunft hatte er dabei sozusagen fest in seinen Händen. Links an seiner Seite begleitete ihn die serbische Tennis-Schönheit Ana Ivanovic, im schwarzen Sommerkleid und ebenfalls mit Sonnenbrille. In seiner rechten Hand hielt er die Boarding- und Reisepässe. Denn die beiden machten sich auf zu einer Reise – in die Zukunft. „Ein letzter Traum meiner Karriere wird wahr. Ich freue mich auf das nächste Kapitel in meinem Leben mit Manchester United“, ließ Schweinsteiger später via Twitter wissen.

Dass er den FC Bayern verlassen wird, war am Tag zuvor Gewissheit geworden. Die Luke des Treppenaufgangs, der aus dem Kabinentrakt aufs Spielfeld der Allianz Arena führt, war weit geöffnet. Weißer Rauch stieg auf. Und als mit Kapitän Philipp Lahm als letzter Spieler daraus hervorkam, fehlte Schweinsteiger. Er kam auch nicht, um sich von den 70 000 Fans zu verabschieden. Der Fußballgott hat den FC Bayern dennoch verlassen. So riefen ihn die Fans hier – in Anerkennung seiner großen Verdienste für den Verein nach 17 Jahren, über 500 Pflichtspielen und 20 Titelgewinnen, inklusive Triplesieg.

Und so überraschte es wenig, dass Karl-Heinz Rummenigge gellende Pfiffe erntete, als der Vorstandschef Schweinsteigers Vereinswechsel zu Manchester United verkündete. Viele Anhänger waren sauer, manche wütend über den Abschied ihres Idols. Auf einem Fan-Banner stand: „Servus Fußballgott“. Tausende Fans brachten ihren Frust über den Verlust ihres Glaubensbringers auch in den sozialen Medien zum Ausdruck. „Er ist ein Bayern-Urgestein, es ist immer bitter, wenn so einer geht. So viele Identifikationsfiguren haben wir bei Bayern ja nicht“, sagte Hansi Gehrlein, Chef des Fanklubs „Die 13 Höslwanger“ der AZ.

Verhindern konnten aber auch die Fans den Transfer nicht mehr. Der FC Bayern erachtet den bald 31 Jahre alten Kapitän der deutschen Nationalelf offenbar für verzichtbar und stimmte dem Wechsel ein Jahr vor dessen Vertragsende zu. „Es war Bastis Wunsch“, sagte Rummenigge: „Wir haben versucht, ihn zu überzeugen, bei Bayern München zu bleiben, aber er möchte einfach am Ende seiner Karriere noch einmal was Neues machen.“ Dafür habe er „auch ein Stück Verständnis“ und erinnerte daran, dass etwa in Franz Beckenbauer (wechselte New York), Günther Netzer (Real Madrid) und ihm selbst (Inter Mailand) einst ähnliche Gedanken gereift waren.

Doch die Wertschätzung für Schweinsteiger soll vor allem bei Trainer Pep Guardiola nicht mehr ganz so „super, super“ gewesen sein. In der vergangenen Saison ließ der stets Xabi Alonso auf Schweinsteigers Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld spielen, Schweinsteiger musste sich mit einer offensiveren Rolle arrangieren. „Dass er vor dem Trainer geflüchtet ist, kann man total vergessen“, sagte Rummenigge. „Wenn Guardiola 100-prozentig hinter Schweinsteiger gestanden hätte, wäre der Transfer nicht zustande gekommen“, sagte Ex-Bayern-Manager Christian Nerlinger am Sonntag am Rande des Telekom Cups bei „Sat1“: „Er hatte andere Pläne. Ich glaube, dass Guardiola stark genug ist, ein Veto einzulegen.“

Und Uli Hoeneß? Wäre der Ex-Präsident nicht einer, der den Weggang versucht hätte zu verhindern? Hoeneß, dem ein fast väterliches Verhältnis zu Schweinsteiger nachgesagt wird, sei nicht in den Transfer involviert gewesen, gab Rummenigge zu verstehen. Obwohl er sich mühte, dem Transfer das Geschäftsmäßige zu nehmen, wurden viele Zuhörer den Eindruck nicht los, dass hier eine Klub-„Ikone“ (Sportvorstand Sammer) etwas emotionslos verabschiedet wurde. „Bastis Spitzname ist Fußballgott, das gibt es nicht so oft, dass die Fans so hoch schießen, er ist eine Identifikationsfigur gewesen“, sagte Rummenigge, „aber irgendwann ist die Karriere zu Ende. Und von uns wird verlangt, einen Übergang zu schaffen.“

United erleichterte den Bayern das „Servus“ jedenfalls mit einer kolportierten Transfersumme von fast 21 Millionen Euro; und Schweinsteiger diesen Schritt mit einem Vertrag bis 2018 und einem Gehalt von 140000 Pfund pro Woche, was den zehn Millionen im Jahr entspricht, die er in München verdient haben soll.

Als Tagesmotto hatte der Verein „FCBday1“ ausgegeben und damit die Teampräsentation in den Mittelpunkt rücken wollen. Schweinsteigers Abschied überlagerte aber alles. Der 11. Juli 2015 wird nicht als Startschuss in eine neue Spielzeit, sondern als „Tag eins nach Schweinsteiger“ in die Vereinshistorie eingehen.

Neuzugang Joshua Kimmich hatte sich bereits bei der Vorstellung verplappert und den Wechsel noch vor Rummenigge ausgeplaudert. „Schade, dass Schweinsteiger weg ist. Ich hätte sehr viel von ihm lernen können“, sagte er. Rummenigge stellte Schweinsteiger dann noch in Aussicht: „Wenn er seine Karriere beendet, werden wir ihm ein großes Abschiedsspiel bereiten.“ Zu gegebener Zeit wolle er sich mit ihm darüber unterhalten, ob es eine Zukunft beim FC Bayern in der zweiten Karriere gibt. „Die Tür steht immer offen.“ Schweinsteiger ist nun aber erstmal in die andere Richtung hindurchgegangen.

Schweinsteiger weg: So reagieren seine Kollegen

Auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitgeber bedankte er sich am Sonntag auch noch per Video-Botschaft für „tolle Momente und eine geile Zeit“ bei seinen Fans. „Ich hoffe, dass ihr mich versteht, dass ich diesen Weg jetzt gewählt habe. Es ist für mich eine tolle Herausforderung“, sagte er: „Ich werde euch immer in meinem Herzen tragen. Servus, euer Basti.“

 

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