Münchner Philharmoniker Valery Gergiev dirigiert Prokofjew, Strauss und Tschaikowsky

Valery Gergiev am Pult der Münchner Philharmoniker im Gasteig. Foto: Andrea Huber

Valery Gergiev und die Philharmoniker mit Prokofjew, Strauss und Tschaikowsky im Gasteig

 

Das erste Hörnerpaar setzt zu einem leisen Beckenwirbel mit einem liegenden Ton ein. Das zweite folgt im nächsten Takt. Dann die übrigen Bläser und das Schlagzeug mit großem Getöse. Es bricht plötzlich ab, und nur eine leise, liegende Klangfläche der Streicher bleibt im vierten Takt zurück.

So beginnt der Satz „Capulets und Montagues“ aus Sergej Prokofjews „Romeo und Julia“. Fast alle Dirigenten und Orchester sind hier mit Lärm zufrieden. Valery Gergiev nicht. Bei ihm hört man sofort, dass diese kurze Passage als Ouvertüre zu einer Tragödie gedacht ist.

Der Klang der Instrumentengruppen war trennscharf geschieden, die Kraft der Münchner Philharmoniker kein Selbstzweck. Gergiev und das Orchester drehten in einer kompakten Auswahl von fünf Stücken dieser Ballettmusik mächtig auf. Aber stets im Dienst des Dramas. Nicht als jener brutaler Selbstzweck, der einem Aufführungen russischer Musik des 20. Jahrhunderts ziemlich verleiden kann.

Gefühle, aber keine Seelensause

Es folgte die Tondichtung „Don Juan“ von Richard Strauss im philharmonischen Normalbetrieb: brillant, routiniert, aber ohne spezielle Nuancen. Um so besser gelang nach der Pause die „Pathetique“, Peter Tschaikowkys Symphonie Nr. 6. Auch so ein oft gespieltes Stück, das erst durch die Sorgfalt im Detail zum Ereignis wird. Der effektvolle Geschwindmarsch, meist als Reißer missbraucht, war bei Gergiev Teil des Dramas: eine Groteske, wie ein Scherzosatz von Gustav Mahler. Das Allegro con grazia war weniger ein Walzer als eine Studie in düster brütender Melancholie. Im Finale arbeitete der Dirigent klar heraus, wie sehr sich der düstere Bläserchoral auf das Ende des Kopfsatzes bezieht.

Gergiev dirigiert Tschaikowsky nicht im engeren Sinn analytisch. Aber er vermeidet im ersten und letzten Satz das dick aufgetragene Selbstmitleid. Gefühle brodeln, aber es gibt keine russische Seelensause. Der Dirigent versteht Tschaikowskys „Pathétique“ weniger als National-Musik. Sie ist große europäische Symphonik, die zwischen Robert Schumann und Gustav Mahler vermittelt.

Wie beim Brahms-Bruckner-Programm vom Dienstag fächerte Gergiev den Klang der Philharmoniker auf, statt auf pauschale Grauwerte hinzuwirken. Der neue Chefdirigent des Orchesters der Stadt wirkte diesmal noch eine Spur gelöster als am Dienstag. Von Besuchern hört man auch, dass auf der zweiten und dritten Aufführung von Mahlers Zweiter längst nicht unter dem Überdruck lastete wie auf dem Einstandskonzert am Donnerstag letzter Woche.

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Dass Gergiev mit russischer Musik überzeugt, wird niemanden überraschen. Sein Bruckner und sein Brahms sind vielversprechend. Mahler gehört in die Wiedervorlage. Keine schlechte Bilanz also nach einer Woche. Der Oktober gehört den Gastdirigenten, im November und Dezember kehrt Gergiev mit Beethoven, Schönberg und Wagner zurück. Das wird spannend.

 

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