So war die Zweite von Gustav Mahler unter Valery Gergiev

Wie im Vorstellungsgespräch: Valery Gergiev tritt mit Gustav Mahlers Symphonie Nr. 2 als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker an
| Robert Braunmüller
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Valery Gergiev beim Konzert.
Andrea Huber 4 Valery Gergiev beim Konzert.
Valery Gergiev dirigiert Mahler.
4 Valery Gergiev dirigiert Mahler.
Valery Gergiev, die beiden Solistinnen Anne Schwanewilms und Olga Borodina und Chordirektor Andreas Herrmann.
Andrea Huber 4 Valery Gergiev, die beiden Solistinnen Anne Schwanewilms und Olga Borodina und Chordirektor Andreas Herrmann.
Valery Gergiev beim Applaus.
Andrea Huber 4 Valery Gergiev beim Applaus.

Einstandskonzerte von neuen Chefdirigenten sind für alle Beteiligten kuschelig wie Vorstellungsgespräche. Die Musiker spielen zwar auf der Stuhlkante. Aber die Nerven-Enden liegen an einem solchen Abend blank. Und daraus muss nicht in jeder Sekunde ein inspirierender Mehrwert erwachsen.

So war es leider auch am Donnerstagabend im Gasteig. Valery Gergiev stürzte sich mit verkrampfter Vehemenz und einem hörbaren Keuchen auf die barsche Geste der Celli und Kontrabässe, mit denen Gustav Mahlers Zweite beginnt. Er drängte vorwärts und betonte das Drama. Alle Steigerungen wirkten klug disponiert. Die Aufführung verlor sich nicht in Details. Gergievs Mahler wirkte überraschenderweise wie als Stahlbetonbau. Beim Blindtest hätte man auf Pierre Boulez geraten, so strukturell ging der neue Chefdirigent mit den Münchner Philharmonikern das Werk an.

Etwas fehlt

Das hat etwas: Man kann Mahlers Kämpfe noch einmal nachschwitzen, muss es aber nicht. Gergiev stellte die Musik dar und ließ die innere Glut kaum an sich heran. Extreme der Sehnsucht und der Verzweiflung suchte er nicht auf. Dass die „Auferstehungssymphonie“ letzte Dinge wie Verzweiflung, Verwandlung und Erlösung umkreist, teilte sich kaum mit. Und da man muss doch sagen: Etwas fehlt.

Im zweiten Satz machte er durch eine sehr zurückgenommene Lautstärke deutlich, dass er den Menuett-Satz mehr als idyllische Ahnung denn als Gegenwart begreift. Aber hier wurden auch die Grenzen seines Zugriffs deutlich: Am Anfang des Satzes war gearbeitet worden. Doch für die Forte-Ausbrüche im Mittelteil hatte Gergiev keine Idee. Da machte sich Routine breit.

Lesen Sie auch: Das erwarten die Philharmoniker von Valery Gergiev

Sehr gut gelang das rhythmisch präzise gespielte Scherzo. Dann sang Olga Borodina das „Urlicht“ mit opulentem Mezzo-Material, aber sehr theatralisch und ohne jedes Gespür für die künstliche Naivität dieser Musik. Im apokalyptischen fünften Satz brillierte der Solo-Posaunist der Philharmoniker mit zurückhaltendem Geschmack. Auch die unglaubliche Stelle, wenn die Fanfaren zum Jüngsten Gericht rufen, aber kein Richter erscheint, war mit gutem Gefühl für die im Gasteig mögliche Raumwirkung vorbereitet.

Der jeden Hörer auch noch nach 100 Aufführungen rührende Pianissimo-Einsatz „Aufersteh’n“ gelang dem von Andreas Herrmann gewohnt vorzüglich einstudierten Philharmonischen Chor klangschön und homogen. Dann, im langsamen Teil, schien sich Gergiev frei dirigiert zu haben: Er verlor sich in der Musik und wurde langsamer. Leider aber auch unkonzentrierter.

Anne Schwanewilms sang ihr kurzes Solo klar und durchdringend, ihre russische Kollegin verfiel wieder in Pathos. Dann brachte Gergiev die Symphonie schnell, heftig und ein wenig herzlos zu Ende. Wer das instrumentale Nachspiel einmal in der hinreißend-ergreifenden Tempo-Gestaltung durch James Levine erlebt hatte, dem fehlte die menschheitsumarmende Wendung. Es blieb ein gezwungener Kraftakt.

Exzellente Orchesterleistung

Die Münchner Philharmoniker brillierten wie immer mit ihrer warmen Klang-Tradition und ihren unvergleichlichen Solo-Bläsern. Aber bei Mahler ist die Konkurrenz in München ungewöhnlich stark: An die Mischung aus Präzision und Freiheit, die Kirill Petrenkos Mahler-Aufführungen mit dem Bayerischen Staatsorchester auszeichnet, reichte die Aufführung ebenso wenig heran wie an Mariss Jansons’ kantige Herzlichkeit beim BR-Symphonieorchester.

Aber was noch nicht war, mag bald werden. Die fast mit Händen zu greifende Nervosität des Dirigenten wird sich legen. Schon in den beiden Wiederholungen dürfte das Orchester gelöster spielen. Aber die übliche Ökonomie von Gergievs Aufführungen war auch spürbar: Nur Schlüsselstellen wirkten restlos ausgefeilt.

Man kann den Philharmonikern nur wünschen, dass sie sich auf die musikalische Arbeit mit Gergiev konzentrieren können. Schon wird mehr über die Äußerungen des Dirigenten zur Flüchtlingskrise diskutiert, als es der Sache gut tut. Der Mann ist als Chefdirigent engagiert. Und nicht als Politiker.

Noch einmal am So., 11 Uhr im Gasteig. 3sat sendet am Samstag um 20.15 Uhr eine Aufzeichnung

 

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren