Valery Gergiev mit Brahms und Bruckner im Gasteig

Die goldene Mitte: Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker mit dem Brahms-Violinkonzert und der "Romantischen" von Bruckner im Gasteig
| Robert Braunmüller
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Valery Gergiev ist seit einem Jahr Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.
dpa Valery Gergiev ist seit einem Jahr Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Brahms mag irgendwie jeder. Vielleicht sind deshalb so viele Aufführungen seiner Symphonien und Konzerte eine leise Enttäuschung. Mit Schmacht und Schmonzes schwelgen sich viele Musiker pauschal durch seine Partituren. Und wenn’s vorbei ist, hallt wenig nach.

Valery Gergiev gelang da im zweiten Programm seiner Chef-Amtszeit bei den Münchner Philharmonikern eine Ausnahme, die auf weitere spannende Brahms-Abende hoffen lässt. Der Dirigent wirkte viel gelöster als bei seinem Einstand, der verführerische Bronze-Klang der Münchner Philharmoniker frisch poliert.

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Die Streicher spielten wunderschön, aber nie selbstgefällig. Die Beimischung der Bläser sorgte für Herbheit. Und die wunderbare Solo-Oboistin Marie-Luise Modersohn legte mit den anderen philharmonischen Bläsern den oft herzlos hingeklotzten Anfang des langsamen Satzes einmal wirklich poetisch und elegant hin.

Es ist die Schuld der lausigen Gasteig-Akustik, dass die wunderbare Geigerin Janine Jansen hier an zweiter Stelle genannt wird. Der riesige Raum machte es ihr schwer, so souverän zu wirken, wie sie spielt. Auch sie blieb locker, und nie entstand der Eindruck eines Kraftakts. Die Solistin spielte wunderbar mit den Bläser-Solisten zusammen. Gergiev dämpfte das Orchester eher und kehrte im Finale durch ungewöhnliche Tempo-Rücker den Tanzcharakter heraus. Es war ein rundum befriedrigender Brahms der goldenen Mitte.

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Gergievs Bruckner wirkt nachgereift – wenn man die nicht sehr aufregende Siebte des frisch gewählten Chefdirigenten von 2013 als Maßstab wählt, Auch seine Vierte kam sehr von Wagner her: Gergiev mied Schärfen und das Blockhafte. Er kultivierte eine Kunst des Übergangs, die sich hin und wieder an Bruckners Vorschriften rieb.

Lautes ging klanglich mehr in die Breite, Schlussakkorde verklangen eher statt abzureißen. Das erinnert stark an Christian Thielemann. Aber Gergiev setzt eigenwillige Akzente. In der Durchführung des langsamen Satzes zog er das Tempo an und bewirkte ein hinreißend hymnisches Pathos. Das Trio, bei dem die Partitur das „Schleppen“ ausdrücklich verboten hat, nahm der Mann aus dem Kaukasus ungewöhnlich langsam. Aber dafür trat plötzlich der verfremdete Walzer faszinierend und Mahler-nah hervor.
Darüber kann man streiten. Und das ist gut so. Es ist zu spüren, wie Gergiev die Auseinandersetzung mit dieser nicht einfachen Musik sucht und die Routine meidet. Worüber sich keinesfalls streiten lässt, ist die unglaubliche Qualität der Horngruppe und die Bruckner-Kompetenz der Münchner Philharmoniker. Wenn Gergiev da mit bleibender Neugierde weiterarbeitet, wird es spannend. Bruckner süddeutsch-russisch – das hat sonst niemand. Ein neues, erweitertes Musik-Mitteleuropa tut sich auf.

 

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