München / Kiew Münchner demonstrieren für Menschenrechte in Kiew

Die Münchner Delegation führt demonstrativ den Umzug in Münchens Partnerstadt Kiew an. Foto: Conrad Breyer
 

Eine Delegation um Hep Monatzeder führt in Münchens Partnerstadt Kiew unter Polizeischutz den Umzug der Schwulen und Lesben an

Kiew/München -  Es ist dem Mut und der Entschlossenheit von gut zwei Dutzend Münchnern zu verdanken, dass in Münchens Partnerstadt Kiew am Samstag zum ersten Mal in der Geschichte ein Christopher Street Day gefeiert werden konnte. Denn das letzte, was die Ukraine derzeit gebrauchen kann, sind Bilder, auf denen Münchner Stadträte von Homosexuellen-Hassern geprügelt werden.

So war es eine Reise in eine vollkommen andere Welt: In München feiern Abertausende jedes Jahr ausgelassen den Christopher Street Day. Und in Münchens Partnerstadt Kiew geht das nur unter massivem Polizeischutz. Eine 17-köpfige Delegation aus München war vorige Woche zum „KyivPride 2013“ nach Kiew gereist – angeführt von Bürgermeister Hep Monatzeder (Grüne) und den Stadträten Lydia Dietrich (Grüne) und Reinhard Bauer (SPD).

Während in München das Fest der Schwulen und Lesben längst Normalität ist, gilt in Kiew ein Marsch über gerade einmal 200 Meter schon als Sensation. Immerhin war es das erste Mal, dass Homosexuelle für gleiche Rechte demonstrieren konnten. Im vorigen Jahr war der Marsch aus Sicherheitsgründen abgesagt worden. In diesem Jahr hatten die Behörden in Kiew den kleinen Umzug mit einem Großaufgebot von rund 500 Polizisten geschützt.

„Wir haben uns am Samstagmorgen sehr früh vor einem Hotel getroffen und wurden dann in Busse geladen“, berichtet Lydia Dietrich der AZ: „Wir mussten sogar zu unserer Sicherheit die Fenster verhängen.“

Ein Gericht hatte die ursprünglich geplante Route aus Sicherheitsgründen verboten. Doch die Organisatoren des „Marsches der Gleichheit“ konnten eine Alternativ-Route aushandeln, irgendwo am Stadtrand.

Angeblich war die neue Zugstrecke geheim. Doch als die Busse dort ankamen, warteten dort schon mehr als 1000 zum Teil gewaltbereite Gegendemonstranten. „Da haben sich viele Ukrainer aus Angst nicht mehr aus dem Bus heraus getraut“, erzählt Lydia Dietrich. So waren es rund 80 Personen, die den 200 Meter langen Weg entlang marschierten: auf der einen Seite ein Zaun, auf der anderen ein Sperrriegel aus fast 60 Polizeibussen. Und an der Spitze die Münchner Delegation.

„Am Ende des Zugweges wurden wir sofort wieder in die Busse verfrachtet und mit Vollgas in die Stadt zurückgebracht“, berichtet Dietrich. Ein paar Gegendemonstranten konnten die Sicherheitskette durchbrechen, einer warf eine Rauchbombe. Doch die Polizisten fassten die Störer sofort und nahmen sie in Gewahrsam.

„Wir sind sehr froh, dass der Zug friedlich verlaufen und gelungen ist“, sagt die Stadträtin: „Auch wenn es ein sehr komisches Gefühl ist, eingekesselt von Polizisten zu demonstrieren.“ Aber die Bilder seien um die Welt gegangen: „Wir konnten unsere Freunde in Kiew unterstützen.“ In einer Atmosphäre von Homosexuellen-Hass.

Conrad Breyer vom CSD München schreibt dazu:

 "Ein großer Erfolg für Menschenrechte!

Der CSD in München sieht freilich anders aus. Tausende gehen in der bayerischen Landeshauptstadt Jahr für Jahr auf die Straße, um unter wechselnden Motti für ihre Rechte einzustehen. Die Politparade in München ist gleichzeitig ein Fest der Vielfalt, das Leben ist bunt. In Kiew mussten am Samstag, 25. Mai, 500 Polizisten über 100 Teilnehmer vor etwa 1000 gewaltbereiten Gegendemonstrant*innen schützen. Rechts ein Zaun, links ein Riegel aus Dutzenden Polizeibussen, Zu- und Abgänge von der Polizei gesichert; freier Zugang für die Presse. Gefährlich, und doch ein Grund zur Freude: Denn der KyivPride, so der Name des Kiewer „CSD“, ist in diesem Jahr erstmals gelungen. Die Stadt Kiew hat alle Kräfte mobilisiert, die dafür nötig waren.

Die Stadt München hat das ihre dazugetan. Mit einer 17-köpfigen Delegation sind die Vertreter*innen der Partnerstadt Kiews angereist. Bürgermeister Hep Monatzeder, Stadträtin Lydia Dietrich, Stadtrat Dr. Reinhard Bauer, Vertreter*innen der Münchner Lesben-, Schwulen- und Trans-Szene (CSD, GOC, Kontaktgruppe Munich Kiev Queer, Lesbenfrühlingstreffen, MLC, Sub), Journalisten – sie alle sind am Morgen des 25. Mai an der Spitze der Pride-Parade mitgelaufen und haben mit allen anderen - der March of Equality hatte über 100 Teilnehmer*innen - friedlich für gleiche Rechte demonstriert. Die Motti: „LGBT-Rechte sind Menschenrechte“, „Homosexualität ist keine Krankheit“, „Wir folgen Russlands Fehler nicht“. Die Münchnerinnen und Münchner haben ihr eigenes Transparent mitgebracht. Auf dem Banner grüßte das Maskottchen „MucKi“ (Munich-Kiev) die Partnerstadt Kiew.

„In München ist der CSD jedes Jahr ein Fest der Vielfalt und Anlass zur Freude“, hat Bürgermeister Monatzeder in einem der Interviews gesagt, das er während der Parade etlichen ukrainischen Medien gegeben hat.

Die Sicherheitskräfte hatten die Lage jederzeit unter Kontrolle. Vertreter*innen einiger EU-Botschaften, darunter auch der deutschen, und des EU-Parlaments, haben an dem „March of Equality“ für Menschenrechte teilgenommen. Sicher rührt auch daher der politische Wille der Stadt, die Veranstaltung zu schützen. Die Ukraine will im Herbst ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnen und kann negative Schlagzeilen im Moment nicht gebrauchen. Nur zweimal ist es Leuten aus der Reihe der vielen Hundert Gegendemonstrant*innen - Rechtsgerichtete und Kirchen-Anhänger - gelungen, die Polizeisperre zu durchbrechen. Sie haben versucht, den Demonstrierenden die Transparente aus den Händen zu reißen. Die Polizei hat sie sofort festgenommen.

Das große Verdienst dieses Erfolgs gebührt aber allein den Organisator*innen des KyivPride, die gegen viele Widerstände über knapp ein Jahr diese Menschenrechtsaktion geplant und dafür die ideelle und finanzielle Unterstützung etlicher Partner gesucht haben. Erst am Donnerstag hatte ein Gericht auf Antrag der Kiewer Stadtverwaltung den Pride in der Innenstadt verboten – vermeintlich aus Sicherheitsgründen, weil am selben Tag das Stadtfest stattfand. Die Pride-Macher, verschiedene LGBT-Aktivist*innen zusammen mit Amnesty International, haben ihren Demonstrationszug kurzerhand verlegt und mit der Polizei ein neues Sicherheitskonzept erarbeitet. „Das verdient unseren ganzen Respekt“, sagt Conrad Breyer, der die Pride-Kooperation mit Kiew auf Seiten der CSD München GmbH verantwortet.

„Unsere Freundinnen und Freunde aus München haben uns den Rücken gestärkt“, sagt Stanislaw Mischtschenko, International Secretary des KyivPride. „Das hat uns wirklich genützt.“

 

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