Michael Isfort im AZ-Interview Pflege-Experte: "Die zusätzlichen Stellen wird keiner merken"

Eine Pflegekraft schiebt einen Patienten mit dem Rollstuhl auf einen Berg – eine schöne Idee, für die die meisten Pfleger jedoch keine Zeit haben dürften. Jetzt haben Union und SPD mehr Personal angekündigt. Foto: imago

Union und SPD einigen sich über Maßnahmen in der Pflege: Mehr Geld, mehr Personal, leichterer Zugang zu Leistungen. Die AZ fragt einen Experten für Pflegewissenschaft, ob das wirklich genug ist.

 

München - Ein Anfang ist gemacht: In einer Sitzung der 15-er Steuerungsgruppe von CDU, CSU und SPD einigten sich die Parteien in der Nacht zum Mittwoch auf eine Verbesserung der Pflegesituation. Für Alten- und Krankenpfleger soll etwa eine bessere Bezahlung durchgesetzt werden, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD).

Ein weiterer wichtiger Beschluss: 8.000 neue Fachkraftstellen für die medizinische Behandlungspflege in Heimen sollen neu geschaffen werden. Zudem haben sich die Parteien auf flächendeckende Tarifverträge, eine Angleichung des Mindestlohns in der Pflege zwischen Ost- und West und die Stärkung pflegender Angehöriger geeinigt. Doch reicht das aus, um dem massiven Pflegenotstand entgegenzuwirken? Wie belastbar sind die Einigungen? Die AZ fragt den Pflegewissenschaftler Michael Isfort. Der Professor für Pflegewissenschaft ist Teil des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung und erhielt den Deutschen Pflegepreis 2017.

AZ: Herr Isfort, die Verhandlungspartner SPD und Union haben sich unter anderem auf bessere Bezahlung, Erleichterungen bei der Beantragung von Leistungen und Stärkung pflegender Angehöriger geeinigt. Das klingt gut, aber schwammig.
MICHAEL ISFORT: Wir müssen abwarten, wie die Details aussehen. Insbesondere beim "präventiven Hausbesuch".

Diesen hat Malu Dreyer (SPD) als Beispiel für besser zugängliche Leistungen genannt. Was versteht man darunter?
Ein präventiver Hausbesuch erreicht Menschen, die überhaupt keine Pflegebedürftigkeit haben und richtet sich als Angebot der Kommune an einzelne Seniorenhaushalte. Um zu fragen: Wie sind die Netzwerke, welche Pflegerisiken werden wahrgenommen. Daraus kann man Beratungsangebote ableiten und auch ganz konkrete Hilfestellungen geben. Das Konzept ist vor allem im skandinavischen Raum ein Regelangebot, wir haben das in Deutschland noch nicht. Aber dass man den Fokus darauf legt und sagt, man sollte am besten gar nicht warten bis Menschen schon pflegebedürftig sind, ist natürlich der richtige Ansatz.

Die Verhandlungspartner wollen 8.000 zusätzliche Fachkraftstellen schaffen. Ist das genug?
Das ist natürlich der Tropfen auf dem heißen Stein. 8.000 Pflegekräfte reichen ja nicht mal für den Krankenhaussektor aus. Wir haben rund 2.000 Krankenhäuser, das würde bedeuten, pro Krankenhaus gibt es rund 4 zusätzliche Stellen. Ich kenne aber Universitätskliniken, die mittlerweile über 100 Stellen nicht besetzt haben. Wenn man den Bereich der ambulanten und der stationären Altenpflege dazunimmt, dann reden wir von fast 30.000 Betrieben in Deutschland. Wenn man dann sagt, wir geben 8.000 zusätzliche Stellen, dann wird das keiner merken.

Wie groß ist der Bedarf denn tatsächlich?
Wir gehen bundesweit davon aus dass, es im gesamten Pflegesektor rund 100.000 Stellen braucht, damit man wirklich von einer Umkehr des Systems sprechen kann. Wir brauchen einen Masterplan, in dem wir rund 50.000 Stellen in den Krankenhäusern entwickeln müssen und nochmal die gleiche Anzahl in ambulanten und stationären Einrichtungen.

Woher soll dieses Personal kommen?
Das ist die Frage. Und die Frage ist auch, welche Bedingungen die Personen in ihrer Arbeitswirklichkeit antreffen. 8.000 Stellen verändern nicht die Wirklichkeit der Pflegenden, wenn sie weiterhin keine Zusicherung haben, dass ihre dienstfreien Zeiten frei bleiben, wenn sie Überstunden produzieren oder das Gefühl haben, Pflege am Limit zu führen.

Wie kann man den Pflegeberuf also attraktiver machen?
Wir brauchen dringend Personaluntergrenzen in Krankenhäusern, die zu einem Belegungsstopp führen. Nur dann haben Pflegekräfte die Möglichkeit, ihre Arbeit so auszuführen, wie sie es gelernt haben. Flache Hierarchien sind ein wichtiger Treiber, eigene Verantwortungsbereiche. Und natürlich die Bezahlung. Da sind die flächendeckende Tarifverträge ein guter Aspekt.

Sind Kräfte aus dem Ausland eine Möglichkeit, den Personalmangel auszugleichen?
Es ist eine der Möglichkeiten, aber das wird unseren Bereich nicht nachhaltig retten können. Wir müssen die Hausaufgaben selber machen. Zudem haben wir die Verantwortung, nicht wahllos Pflegepersonal aus anderen Ländern abzuziehen, da dann dort wiederum ein Versorgungsproblem entsteht.

Sie vertreten die Ansicht, dass der Fachkräftemangel – auch in Bayern – stärker regional bekämpft werden muss.
Wir wissen aus Untersuchungen, dass der eigentliche Raum, aus dem Einrichtungen ihre Fachkräfte bekommen, bei 20 Kilometern liegt. Wenn wir also sagen, wir haben in Oberbayern eine Problematik, dann nutzt es nichts, wenn wir in Schwaben oder Franken genug Ausbildungsplätze anbieten.

Ein Thema, das weder bei SPD noch bei der Union auftaucht, ist der Abrechnungsbetrug in der Pflege, der Krankenkassen Millionen kostet. Traut sich das Thema keiner zu?
Ich glaube, dass die Koalitionsgespräche erstmal nur grobe Linien diskutieren und man sehen muss, welche Themen sich noch verbergen. Betrug ist ein zentrales Problem. Die Kostenträger sind gefordert, Kriterien zu prüfen und Überwachungssysteme zu etablieren, um ihn zu verhindern. Es kann nicht sein, dass wir Einrichtungen haben, die sehr gute Arbeit machen wollen, und es nicht können, weil ihnen andere durch Betrug das Geld abgraben.

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