Kultige Kneipe im Bahnhofsviertel Café Schiller: Trinken im Sportmuseum

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Andrea Langwieder im Café Schiller: Jeder Zentimeter Wand ist mit Sport-Souvenirs zugehängt – Boxerjacken, Handschuhe, Meisterschalen Foto: min

Das Café Schiller im Hauptbahnhofviertel ist ein von Stammgästen geliebtes Kuriosum. Andrea Langwieder führt es mit Herzblut. Ein Besuch.

 

München - Das Café Schiller stand schonmal vor dem Ende. 2001 verstarb Wirt Hans Fretz (55), nachdem ihm eine Ader geplatzt war. Seine Lebensgefährtin Andrea Langwieder fühlte sich monatelang wie unter einer Glasglocke.

"Viele haben gedacht, dass ich es gar nicht hinkriege, dass der Laden hier läuft", sagt Andrea Langwieder (62). 25 Jahre lang war sie die Frau an Hans’ Seite, die Frau, die ihm den breiten Rücken freigehalten hat. "Geschäft, Einkauf, Löhne: Ich habe geguckt, dass der Laden läuft und Hans war für das Entertainment zuständig."

Café Schiller: Abrisspläne bedrohen die kultige Kneipe

Entertainment war für Hans der Sport. Das Sport-Café Schiller erzählt noch heute, 17 Jahre nach seinem plötzlichen Tod, nicht nur Sportgeschichte, sondern auch das Leben dieses charismatischen Mannes. Hans war, so erzählt es seine Andrea, ein begeisterungsfähiger Mann, der strahlen konnte wie ein Kind an Weihnachten, wenn er seine Idole traf.

Seine Idole waren Fußballer und Schwergewichtsboxer, obwohl Hans selbst Ringer war. Hans schaffte es, dass die Sportler ihn liebten. Er war so in ihrer Nähe, sprach sie an, fachsimpelte mit ihnen, dass er mit dem FC Bayern zu Auswärtsspielen in der Spielermaschine flog, die Klitschkos nach ihrem ersten Kampf in München ihre Aftershowparty im Café Schiller feierten und Muhammad Ali ihn seinen Freund nannte.

An der Wand hängt die Hose von Muhammad Ali

Fotos an den Wänden, signierte Boxhandschuhe, der Nachlass von Max Schmeling und eine Hose, die Muhammad Ali im Kampf trug, schmücken jeden Zentimeter der Wände und erzählen von diesen Freundschaften. Die Ali Hose hätte Andrea Langwieder fast in die Wäsche geworfen, um zu schauen, ob bei 30 Grad die Schmiereien rausgehen, die sich als Autogramm herausstellten.

"Nach dem Tod von Hans musste ich lernen rauszugehen. Auch wenn es ein Ding der Unmöglichkeit ist, den Hans zu ersetzen." Andrea Langwieder machte weiter – auch, um das Erbe von Hans zu erhalten und wegen der vielen Stammgäste, die jedes Jahr wiederkommen.

Münchner und Stammgäste aus der ganzen Welt kommen ins Café Schiller

Natürlich gibt’s auch die Münchner, die regelmäßig ins Schiller gehen. Aber besonders ist hier nicht nur, dass das Café ein Sportmuseum ist, sondern dass die meisten Stammgäste aus der ganzen Welt kommen. Eine Gruppe Schotten reist seit zwanzig Jahren jedes Jahr zur Wiesn an. Noch bevor sie ins Hotel einchecken, schauen sie mit ihrem Gepäck im Schiller vorbei.

Als Langwieders Neffe vor einigen Jahren in Mexico war, entdeckte er in einer Spelunke Bilder der Kneipe seiner Tante. Die mexikanischen Barbetreiber waren zur WM 2006 in München gewesen und hatten Fotos von den Feiernden aus dem Schiller mitgebracht.

Die Engländer sind die Feierbiester

Am wildesten feiern aber erfahrungsgemäß die Engländer: Sie bringen ihre Fahnen, Tröten und Trillerpfeifen mit, fiebern und schreien wie keine andere Nation. Wenn Manchester spielt, geht’s im Schiller ordentlich zu. Nur Stress gibt’s selten, auch nicht, wenn Fangruppierungen aufeinandertreffen. In den 80ern, erzählt Langwieder, waren die Fans noch aggressiv. Das hat sich mittlerweile geändert. "Wenn die Leute feiern, dürfen sie hier alles, auf die Tische steigen, auf den Bänken tanzen. Ich habe einen guten Handwerker, der mir das wieder zammzimmert."

Andrea Langwieder schaut am liebsten Formel Eins und Handball, weil das schnelle Sportarten sind. Boxen wie ihr Hans? "Nein. Das ist ein gesundheitsruinierender Sport."

Die Mitarbeiter machen alles mit

Aber natürlich hat sie Spielpläne von zig Sportarten im Blick, ist immer informiert wann Fußball, American Football, Basketball, Tennis, Cricket und Boxen läuft. Wenn Manchester spielt, dann weiß sie, dass sie ihren eigenen Laden nicht wiedererkennen wird, weil die Fans alles zukleben.

Auch am 5. bis 7. Februar ist der ganzen Laden drei Tage voll mit Manchester Fans, Jungen und Alten. Sie gedenken der Spieler, die am 6. Februar 1958 nach einem Auftankstop auf dem Flughafen Riem ums Leben gekommen sind. Wenn solche Stammgäste da sind, bleibt auch Andrea Langwieder länger, obwohl sie es nicht muss. Denn auf ihr Team kann sie sich verlassen, ihre Mitarbeiter sind alle zwischen 18 und 27 Jahre dabei.

"Den Laden? Nur über meine Leiche", hat Andrea Langwieder 1989 gesagt, als Hans ihr vorgeschlagen hatte, das Schiller zu übernehmen. Das Lokal war verschrien. "Da wird noch geschossen", hat man sich in München erzählt. "In den ersten Wochen haben wir 40 Mark Umsatz am Tag gemacht", erinnert sich Langwieder. Das Paar schloss den Laden, ließ renovieren, Spiegel aufhängen, stellte Palmen auf. Die Münchner kamen zaghaft.

Motel One statt Café Schiller?

Aber erst als Hans den ganzen Kram, der seit Jahren ihren Keller verstopfte, anfing aufzuhängen, da wurde das Schiller zum geliebten Kuriosum. "Am Anfang wurde uns alles geklaut. Wir mussten das erstmal diebstahlsicher aufhängen." Auch heute noch sieht man an den Wänden, wo Gäste Bilder mit Teilen der Wand haben mitgehen lassen.

Doch Hans’ und Andreas Geschichte im Café Schiller könnte bald Geschichte sein. In einem Jahr sollen hier die Bauarbeiten für ein weiteres Motel One beginnen. Viele der Mieter von Appartements wurden gekündigt. Andrea Langwieder und das Beate Uhse Sexkino haben von den Abrissplänen aus der Zeitung erfahren.

"Ich hoffe, dass sich alles verzögert und ich hier noch ein paar Jahre weitermachen kann." Ob’s eine Option sei, mit dem Schiller umzuziehen? "Nein, das Café Schiller gibt’s nur hier, beim Bahnhof zwischen den Hotels und Spielhallen in Laufnähe zur Wiesn."

 

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