Liedermacher im WM-Gespräch Konstantin Wecker: "Unerträgliche Fahnenschwenkerei"

"Dahinter steckt doch die Forderung nach dem reinen Deutschen", sagt Konstantin Wecker (rechts) zur Debatte über Mesut Özil (links). Und: "Ich hab echte Probleme damit, gerade in der heutigen Zeit, wenn der Nationalismus in den Vordergrund gestellt wird." Foto: dpa (3)

Liedermacher-Legende Konstantin Wecker redet im WM-Gespräch über das Turnier in Russland, den Vorwurf, ein Putin-Versteher zu sein, Sophie Scholl, Faschismus, das Sommermärchen und die AfD.

München - Der Münchner Konstantin Wecker (71) ist einer der bedeutendsten Liedermacher Deutschlands. Der bekennende Fußball-Fan tritt am 18. Juli auf dem Tollwood-Festival auf.

AZ: Herr Wecker, die WM steuert auf ihr Finale zu, wie empfinden Sie das Event? Eher – frei nach Karl Marx – als Opium des Volkes oder als Brot und Spiele?
KONSTANTIN WECKER: Ausschließlich Opium des Volkes! Die großen Turniere haben mittlerweile so wenig mit Sport zu tun – und so viel mit Politik. Es ist ein Riesengeschäft. Ich bin froh, dass diese für mich unerträgliche Fahnenschwenkerei wieder aufhört. Ich hab echte Probleme damit. Gerade in der heutigen Zeit, wenn der Nationalismus in den Vordergrund gestellt wird.

Hat der Sport im Kosmos der Fifa mit all seiner Korruption seine Unschuld verloren?
In den niederen Bereichen hat Fußball noch ein bisschen mit Sport zu tun. In dem kleinen Dorf in Italien, in dem ich zum Teil lebe, schaue ich öfter Fußball an, da macht es Spaß. Es hat auch früher Spaß gemacht, Fußball zu spielen, obwohl ich nie sehr gut war. Aber eigentlich ist es ein gigantisches Geschäft. Zur Unschuld: Sport wird in jedem Land – egal, wo – für politische Zwecke ausgenutzt. Um nicht zu sagen: missbraucht.

Der südafrikanische Freiheitsheld Nelson Mandela sagte einst "Sport has the power to change the world" – Sport hat die Macht, die Welt zu verändern. Hat er das?
Ich glaube, dass Überzeugungen die Welt verändern. Dass Sport die Welt verändert, war eine seiner Überzeugungen. Ich bin ein glühender Verehrer von Sophie Scholl, die für ihre Überzeugung gestorben ist. Der Polizist, der sie verhört hat, wollte sie davonkommen lassen, aber es war ihr egal. Sophie wusste, dass sie das Hitler-Reich nicht stürzen, den Zweiten Weltkrieg nicht verhindern kann. Sie hat trotzdem Widerstand geleistet. Diese Würde, etwas zu tun, was man für sich tun muss, obwohl man nach logischem Ermessen keine Aussicht auf Erfolg hat, ist, was wir jetzt brauchen. Das Tolle an der Sophie, an Mandela, an Gandhi und Jesus von Nazareth ist ja: Auch wenn sie in ihrer eigenen Mission nichts bewirkt haben, sie bewirken Größeres. Sie haben für uns diese Flamme am Leben erhalten.

Konstantin Wecker: "Natürlich hat Russland autokratische Züge"

Die WM findet in Russland statt, das extrem autokratische Züge hat. Ihnen wird gern vorgeworfen, ein Putin-Versteher zu sein.
Natürlich hat Russland autokratische Züge, keine Frage. Wenn man Putin-Versteher ist, heißt das nicht, dass man Putin-Freund ist. Aber: Es ist gut, Putin zu verstehen. Ich bin in der Tiefe meines Herzens immer schon – und werde es immer sein – Pazifist. Feindbilder, wenn sie so deutlich geschaffen werden wie momentan, machen mir Angst. Es gäbe viel über die USA zu berichten, was seit Trump auch getan wird, aber das gibt es seit 20, 30 Jahren. Ich bin insoweit bekennender Anarcho, als dass ich für eine herrschaftsfreie Welt stehe. Da können mir all diese Machos gestohlen bleiben. Die sind alle nicht im Ansatz meine Freunde. Was wir gerade erleben, zwischen Trump, Putin, Orban, Seehofer, wie sie alle heißen, das ist wie das – hoffentlich letzte – Aufbäumen des Patriarchats. Das sind alles unreife Männlein.

Die Grundidee des Anarchismus, wie ihn Bakunin begründet hat, ist die Herrschaft ohne Herrscher.
Ja. Das erfordert sehr reife Menschen und eine liebevolle Gesellschaft. Der anarchische Gedanke geht ohne Zärtlichkeit überhaupt nicht. Er wird nur immer falsch dargestellt: als Chaos und Gewalt. Im Herbst kommt ein Buch von mir raus – "Poesie ist Widerstand". Ich nenne das einen anarchischen Psalm. Ich glaube, dass derzeit viel mehr Menschen bereit sind, diesen herrschaftsfreien Gedanken wieder zuzulassen.

"Poesie und Widerstand" heißt Ihr Programm, das dürfte, wie Ihr Lied "Wut und Zärtlichkeit", die Gegenpole Ihrer Seele gut beschreiben.
Interessant ist, dass ich diese Seiten bei mir lange nicht zusammen zulassen wollte, bis ich vor sechs Jahren mit diesem Text da stand. Erst da habe ich gesehen, es geht. Im Alter will man sich zu einem Liebenden entwickeln, auf der anderen Seite brauchen wir die Wut. Sie ist anders als der heilige Zorn. Der hat immer etwas Ideologisches. Die Wut ist, was wir brauchen, um uns klar zu werden, wie wir verarscht werden.

Konstantin Wecker: "Es beginnt immer mit Rassismus"

Sie sagten mal, dass Idylle Sie stutzig macht. Hätte Jogi Löw der Idylle misstrauen müssen?
Ich habe keinen Einblick, wer was falsch gemacht hat. Ich hatte nur den Eindruck, dass sehr viele Spieler genau wissen, dass sie in der nächsten Saison wieder pervers überbezahlt für irgendwelche Klubs antreten. Ich glaube, dass schon ein gewisser Schonungsgedanke im Hinterkopf ist. Das ist sogar verständlich.

In dem Lied "An meine Kinder" gibt es die Zeile: "Ich habe ein großes Herz für Träumer und Versager". Jetzt auch für die Nationalelf?
Als ich diese Zeilen mit vollem Herzblut geschrieben habe, habe ich an meine Söhne, aber auch meinen wunderbaren Vater gedacht, der im Sinne der Gesellschaft ein Versager war, aber sich zu so einem großartigen, aufrechten Mann entwickelt hat – und es immer schon war. Ich hätte das Lied nicht geschrieben als Replik auf das Ausscheiden der deutschen Mannschaft. (lacht)

Wie empfanden Sie die Debatte um Özil und Gündogan und das Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan?
Unabhängig davon, dass es töricht ist, sich mit Erdogan ablichten zu lassen, das Schreckliche an der Sache ist, dass dahinter die Forderung nach dem reinen Deutschen steht. Man dachte eine Zeit lang, Fußball könnte Rassismus überwinden, weil wir so eine bunte Mannschaft hatten. Leider war das wohl ein Trugschluss.

AfD-Chef Gauland sagte bei der EM 2016, dass die Deutschen Jérôme Boateng als Fußballer mögen, aber nicht als Nachbarn wollen.
Ich fürchte, dieser Auffassung kommen wir näher. Wir müssen sehr viel tun, damit Europa nicht faschistisch wird. Es wird nicht mehr dieser Braunhemden-Faschismus sein, aber Faschismus ist Faschismus. In welcher Form er auftreten wird, wird sich zeigen. Aber: Es beginnt immer mit Rassismus, mit Ausgrenzung. Das sehen wir jetzt. Wir Europäer haben seit Jahrhunderten Kriege, Elend, Ausbeutung in die Welt getragen. Jetzt machen wir die Grenzen dicht für die, die wir geschädigt haben, das ist erbärmlich und unerträglich.

Konstantin Wecker: "Worte sind nichts anderes als Symbole"

Das Sommermärchen 2006...
Ich bin der Meinung, dass ohne das sogenannte Sommermärchen das Aufkommen der AfD so nicht möglich gewesen wäre. Ich habe es damals geahnt und es hat mich gleich sehr unangenehm berührt. Jemand hat vom tänzelnden Nationalismus geschrieben. Unerträglich! Nationalismus ist scheiße! Egal ob er tänzelt oder nicht. Die große Chance der Bundesrepublik war, dass wir mehr und besser als andere Länder unsere schreckliche Vergangenheit aufgearbeitet haben. Wir haben gelernt, dass man seine Identität bei sich suchen soll – nicht in der Nation, dem Volk, dem Vaterland. Diese Erkenntnis beginnen wir zu verlieren.

Bei aller angebrachten Kritik: Jede Form der Selbstgerechtigkeit verbietet sich!
Absolut. Alles, was man bekämpft, trägt man auch in sich. Goethe hat am Ende seines Lebens gesagt: "Es gibt keine Missetat, die ich nicht hätte auch begehen können." Es geht nicht darum, Menschen zu verurteilen, sondern ihre Taten. Das muss man scharf trennen. Es muss ganz entsetzlich sein, so aufzuwachsen, dass man nicht anders werden kann wie Göring oder Goebbels. Niemand von uns möchte so geprägt sein, dass man derart endet.

Eines Ihrer Werke heißt "Den Parolen keine Chance". Im Moment scheint die Parole mehr Anhänger zu finden als das tiefe Nachdenken.
Wir vergessen, dass Worte nichts anderes sind als Symbole. Es ist sinnlos und falsch, ein Wort, das eben nur ein Symbol ist, zu Ende interpretieren zu wollen. Wir merken das an unserem eigenen Leben, da muss man gar nicht so große Worte wie Freiheit nehmen. Ein Rilke-Gedicht, das man mit 16 gelesen hat, erscheint einem 30 Jahre später wie ein neues Gedicht – dabei sind es die gleichen Worte. Die Interpretationshoheit dürfen wir nie den Herrschenden überlassen. Und eine Parole ist immer ein ausinterpretiertes Wort.

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