Lebende Legende Anfänge des Münchner Olympiaparks: Wie alles begann

Zu jeder Tages- und Nachtzeit ein schöner Anblick – und auch bei Gewitter: das weltberühmte Zeltdach über dem Olympiastadion. Foto: Matthias Balk/dpa

Die Stadt will, dass der Olympiapark zum Weltkulturerbe wird. Hier erinnert AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz an die Anfänge im Jahr 1972.

 

München - Am 27. Juni 1972 Punkt 9 Uhr hoben sich die bewachten Tore des hohen Maschenzauns. Vier Tage lang durften die Münchner die schöne neue Welt des Olympiaparks besichtigen, auf die Gefahr hin, den noch jungen Rasen zu zertrampeln.

Sie erlebten und bestaunten einen wunderschönen Natur-Sport-Freizeit-Vergnügungs-Park, der durch die ins Gelände eingebetteten Sportanlagen, die bergförmigen Dächer und die Terrassenhäuser des Olympischen Dorfes sowohl für die Landschaftsarchitektur wie für Hochbauarchitektur neue Maßstäbe setzte.

"Olympische Spiele im Grünen" sollen es werden

Der verantwortliche Gestalter Professor Günther Grzimek stellte sich den Park als ein Pendant zur voralpinen Landschaft vor. Das drückten nicht nur die von Professor Günther Behnisch entworfenen Zeltdächer aus, sondern auch der "etwas ruppige Charakter der Bepflanzung" (Grzimek) und die mit Isarkieseln besetzten Ufer eines künstlichen Sees.

"Olympische Spiele im Grünen" hieß eine Parole, eine andere verhieß "heitere Spiele". Angepflanzt wurden 12.000 Bäume und Büsche sowie über 85 Hektar Blumenwiesen und trittfester Rasen. Das Grün zog sich bis zu den "Hängenden Gärten" des Olympischen Dorfes.

"Betreten verboten" sollte es nicht geben

Doch eigentlich wollte Grzimek gar keinen "Park" gestalten, sondern das einstige Schotterfeld in eine "natürliche Landschaft" verwandeln. Nirgends war "betreten verboten". Nur 4,7 Prozent der von künstlichen Hügeln und Gewässern aufgelockerten Erholungsfläche von 1,2 Millionen Quadratmetern wurden eingezäunt, damit eine Kartenkontrolle für die Stadien möglich war und keinem Lustwandler ein Diskus auf den Kopf falle.

Tausend 30 Jahre alte Linden sind – nicht immer zur Freude von Spaziergängern – aus Münchner Alleen und Parks ausgegraben und als "Leitbäume" an die nach berühmten Sportlern benannten Fußgängerwege des olympischen Lustgartens gesetzt worden. 27 Staaten haben außerdem rund hundert landestypische Bäume spendiert, von der Birke aus der sibirischen Taiga bis zur Ölweide aus dem Scheichtum Abu Dabi.

Schilf und Silberweiden wurden rings um den Olympischen See gepflanzt. An den Berghängen wuchsen Wildrosen, Latschenkiefern und Schwarzdornbüsche. Die gärtnerische Gestaltung hat allein 20 Millionen Mark verschlungen. Zwölf Gärtner sollten auch nach den Spielen tagaus tagein auf dem Gelände arbeiten, um die 27.600 Quadratmeter Grünflächen zu betreuen.

Denn der Olympiapark sollte Tag und Nacht geöffnet sein, und zwar nicht nur für Sportler und Müßiggänger. Ein Teil der Unterhaltskosten sollte durch Gebühren gedeckt werden. Dazu würde vor allem die Vermietung der großen Sportanlagen gehören. Außerdem sollten nach den Spielen der Allgemeinheit zur Verfügung stehen: 150.000 Quadratmeter Rasen, 65.000 Quadratmete Freiluft-Sportstätten auf Kunststoff oder Hartfläche, darunter zum Beispiel neun Hockey-, vier Fußball-, vier Faustball- und 31 Tennisplätze sowie eine "Schweißtropfenbahn".

Fußball-Länderspiel 1972: Noch immer wird geschraubt

Vier Sportstätten – als erste die Basketballhalle aus Stahlblech – wurden bereits dem Olympischen Komitee übergeben – und schon hagelte es Kritik. Am 26. Mai 1972 wurde das große Stadion mit einem Fußball-Länderspiel Bundesrepublik gegen die UdSSR eingeweiht. Aber noch hobelten und schraubten, schweißten und schwitzten rund 5.000 Handwerker – sie redeten und fluchten in über 20 Sprachen.

Bis Juli sollte das "Gesamtkunstwerk" (OK-Chef Willi Daume) fertig sein. Das Olympiastadion ist nicht nur im Zeichen der "kurzen Wege", sondern auch im Rahmen der Gesamtkonzeption unmittelbar mit den beiden Nachbarbauten verbunden - durch das jetzt schon weltberühmte Dach und das zentrale Plateau. 200 Meter trennen es von der Sporthalle, von dort sind es acht Meter bis zum Schwimmstadion.

In Münchens nunmehr größter Halle sollen später Sechstagerennen, Reitturniere, Hallenwettbewerbe, Ausstellungen, Unterhaltungsprogramme, Konzerte und Parteitage (die FDP hat schon gebucht) stattfinden. Der 64-Millionen-Bau wird deshalb gleich als Mehrzweckhalle mit allen erdenklichen Einrichtungen ausgestattet. Ihre 7.000 Sitze und die 4.000 Stehplätze können "danach" auf 14.000 Plätze aufgestockt werden. 38 Scheinwerfer, Fenster für die Fotografen und Lautsprecher sind sogar unter Wasser installiert.

Nach den Spielen kann die Wassertiefe durch Hubböden auf 35 Zentimeter gesenkt werden, so dass auch Kleinkinder in den olympischen Gewässern planschen können. Dann soll eine Glaswand (für deren Gestaltung man Popkünstler Andy Warhol vergeblich zu gewinnen versucht hatte) das Stadion abschließen, so dass man laut Behnisch "beim Schwimmen das Panorama des Olympiaberges und später die Liegewiesen erleben kann".

Zwei Monate vor den Spielen herrscht totales Chaos

Ab Juli sollen im Olympischen Dorf die ersten Sportler für die Testveranstaltungen und ab 1. August die aktiven Olympiateilnehmer einziehen. Doch die Wohnungen scheinen nicht rechtzeitig fertig zu werden. Zwei Monate vor Eröffnung der Spiele sieht es noch so chaotisch aus, dass Film-Diva Gina Lollobrigida bei einem Besuch des Olympischen Dorfes ausruft: "Wie nach einem Bombenangriff!"

Schon waren einige deutsche Athleten wieder ausgezogen. Aber die meisten der 12.000 Sportler und Betreuer aus 123 Ländern, die nach und nach in den Hochhäusern des Männerdorfes und in der "marokkanischen Kasba" der Frauen unterkommen, scheinen der Meinung des Sowjetsprinters Borsow zuzuneigen: "Eine Stadt für das Jahr 2000."

Ehe noch die Olympische Flamme aus der TÜV-geprüften Feuerschale lodert, wird eine Bilanz der Vorbereitungen gezogen: Mit 250 Millionen glaubten die Macher auszukommen. Inzwischen ist die offizielle Berechnung auf die symbolisch scheinende Ziffer 1972 Millionen geklettert. Was das OK tröstet: Rund 1,3 Milliarden Mark stammen nicht aus dem Steuersäckel, sondern wurden durch die Olympialotterie, Lizenzeinnahmen und die Vergabe der Fernsehrechte gedeckt.

670 Millionen Mark finanzierte der Bund zu 50 Prozent, der Freistaat Bayern und die Stadt München zu je 25 Prozent. Für das viele Geld wurde in München so viel gebaut wie nie zuvor. Für rund 600 Millionen bewegte die Olympiabaugesellschaft seit 1969 rund 3,5 Millionen Kubikmeter Erde, verbaute 220.000 Kubikmeter Beton und die vierfache Eisenmenge des Eiffelturms.

Nach dem traurigen Ende der "heiteren Spiele", nach dem blutigen "schwarzen September" mit dem Terrorangriff von Palästinensern auf israelische Sportler, stand das ganze schöne, teure Wunderwerk vor vielen Fragen. Einig waren sich aber alle: Das Leben im Olympiapark "must go on".

Auf dem einstigen Exerzierplatz von Oberwiesenfeld solle "der größte lebendigste Sport- und Erholungspark Europas" auferstehen. Mit diesem vollmundigen Versprechen übernahm der Direktor der Olympiapark GmbH, Werner Göhner, die 1.100 Schlüssel für die Sportstätten, Veranstaltungshallen, gastronomischen Betriebe, Büros, Werkstätten.

Olympiapark: 215 Millionen Besucher bis Ende 2018

Schon sechs Tage nach der Schlussfeier am 17. September startete das nacholympische Programm mit der Auftakt-Show zur Fernsehserie "Ein Platz an der Sonne für Jung und Alt". Etwas länger dauerte es, bis das Stadion wieder in Betrieb gehen konnte. Der beim Preis der Nationen von den Pferden zertrampelte Rasen musste neu angepflanzt werden. Außerdem wollte man die Osttribünen überdachen, so dass für die Fußball-WM 1974 60.000 von 80.000 Zuschauern überdacht waren.

Bis Ende 2018 registrierte die Olympiapark GmbH, eine hundertprozentige Körperschaft der Stadt, 215 Millionen Besucher: 121 Millionen bei sportlichen, kulturellen und kommerziellen Veranstaltungen und 93 Millionen bei Freizeit- und Tourismusveranstaltungen, wozu auch geführte Zeltdachtouren und Fahrten mit der Kleinbahn zur Parkgeschichte gehören.

In den Stadien fanden statt: 33 Weltmeisterschaften, zwölf Europa-Meisterschaften und über hundert deutsche Meisterschaften. Der Bewerbung als Unesco-Weltkulturerbe werden gute Chancen eingeräumt. Manche Münchner sehen die Bewerbung allerdings auch skeptisch. Ex-OB Christian Ude befürchtet, der Status Weltkulturerbe könnte die Entwicklung einschränken, so dass der täglich genutzte und überall beliebte Olympiapark eine Art Freilichtmuseum werden könnte.

Lesen Sie hier: Olympiapark muss weiter auf Weltkulturerbe-Status warten

Lesen Sie hier: LMU-Fakultät zieht um - 670 neue Wohnungen am Olympiapark

 

14 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading