Kultur und Coronakrise Künstler-Soforthilfen: An der ausgestreckten Hand verhungern

Der Schlagzeuger Jochen Enthammer... Foto: privat

Der Freistaat hat einen Rettungsschirm für Künstler angekündigt. Tatsächlich lässt er sie aber im Regen stehen. Ein Betroffener schildert die Widersprüche

 

Der Schlagzeuger Jochen Enthammer arbeitet seit über 20 Jahren als professioneller Musiker. In dieser Zeit hat er mehr als 1.000 Auftritte gespielt, hunderten Schülern in seiner Musikschule in Wasserburg ihr Instrument beigebracht, pünktlich seine Steuern und Beiträge gezahlt, sich um seine gesetzliche und private Altersvorsorge gekümmert, zwei Kinder groß gezogen, seine Einkünfte breiter aufgestellt und sich um seine schwerkranke Mutter gekümmert. Die Coronakrise hat seine Einkünfte wegfallen lassen. Und die groß angekündigte Hilfe des Freistaats erweist sich – bislang – als kleiner wie erwartet.

AZ: Herr Enthammer, wie haben Sie Ihr Geld verdient, bevor das Virus kam?
JOCHEN ENTHAMMER: Ich bin Schlagzeuger. Mein zweites Standbein ist der Musikunterricht. Das macht ungefähr 30 Prozent meiner Einkünfte aus. Der Rest kommt über das Live-Spielen bei Konzerten, Tanzveranstaltungen und Hochzeiten. Ich springe auch kurzfristig ein, wenn ein Schlagzeuger gebraucht wird und spiele regelmäßig auf der Wiesn.

Sie haben wie viele Musiker Ihre Einkünfte breiter aufgestellt, um nicht allein von Auftritten abhängig zu sein.
Der Musikunterricht ist seit letzter Woche wieder möglich. Wir haben uns seit Mitte März mit Online-Angeboten über Wasser gehalten. Wir hatten nur wenige Kündigungen, aber es kommen auch keine neuen Schüler dazu. Es hätte also keinen Sinn, sich mehr auf das Unterrichten zu verlegen, weil sich derzeit kaum jemand neu anmeldet. Außerdem gibt es ein Überangebot, weil sich viele Kollegen, die noch mehr von Auftritten abhängen, nun unterrichten wollen.

Ihre Musikschule hat aber trotzdem laufende Kosten.
Wir haben Räume von der Stadt Wasserburg gemietet. Die Miete wird uns bis Jahresende gestundet. Das war die einzige effektive Hilfe, die wir erhalten haben.

Keine Auftritte bis Ende November?

Aufgetreten sind Sie seit März gar nicht mehr.
Alle meine Engagements bis Ende November sind weg. Ich habe im Jahr etwa 80 Auftritte. Die haben alle einen bestimmten Vorlauf. Ich fürchte auch, dass Firmenfeiern stark zurückgehen werden. Wer Leute in Kurzarbeit schickt oder entlassen musste, feiert nicht. Das war auch 2008 nach der Finanzkrise so. Und die Erholung danach dauert nach meiner Erfahrung auch eine gewisse Zeit. Und ich fürchte, dass es auch 2021 noch nicht normal weitergehen wird.

Ihre Lebensgefährtin Vera Klima ist Sängerin und Songwriterin.
Sie lebt noch mehr von Auftritten als ich. Sie verdient vielleicht zehn Prozent Ihrer Einkünfte durch Unterricht. Außerdem ist sie schwanger. Leider bemisst sich das Mutterschaftsgeld aus dem Verdienst der letzten 12 Monate Berufstätigkeit. Das ist am Anfang des Jahres stark nach unten gegangen. Es trifft sie also doppelt. Sie hat in dieser Sache auch schon an die Familienministerin Franziska Giffey geschrieben und vorgeschlagen, die Höhe des Mutterschaftgeldes von der letzten Steuererklärung abhängig zu machen. Aber bisher kam keine Antwort.

Von was leben Sie jetzt?
Es kommt noch etwas durch den Unterricht herein. Wir haben auch Kosten eingespart. Ich habe im März die Selbstständigen-Soforthilfe beantragt. Damit können aber nur Betriebskosten gedeckt werden, die ich sehr konservativ geschätzt habe, um nicht anschließend alles wieder zurückzahlen zu müssen. Aus diesem Grund versuche ich, dieses Geld möglichst nicht anzutasten. Dazu kommt, dass Betriebskosten bei selbständigen Musikern nicht hoch sind.

Es war doch die Rede davon, dass Gagen für entfallene Auftritte ausbezahlt werden.
Das betrifft nur staatliche Theater und Kulturprojekte mit Bundesförderung. Ich kenne niemandem im Pop-, Rock- oder Jazz-Bereich, der aus diesem Topf Geld bekommen könnte.

Es gäbe auch noch die Grundsicherung.
Die ermöglicht befristet den Einstieg in das Arbeitslosengeld II beziehungsweise Hartz IV. Der Antrag ist 60 Seiten stark, man soll über 100 Dokumente beibringen. Diese Grundsicherung läuft im Juni aus. Vor einem neuen Antrag müsste ich erst meine Rücklagen und Ersparnisse für die Altersvorsorge aufbrauchen.

Schlechte Aussichten: Maximal 3.000 Euro bis zum Jahresende

Davor schreckt jeder zurück. Aber es gibt in Bayern auch noch das Künstlerhilfsprogramm.
Anfangs war es so, dass selbst abgelehnte Anträge auf Soforthilfe und Grundsicherung nicht zur Teilnahme an diesem Hilfsprogramm berechtigen. Das wurde am Donnerstag geändert. Trotzdem bleibt es ärgerlich, dass das Programm nicht rückwirkend für die Zeit von März bis Mai gilt, sondern nur für drei Monate danach. Die angekündigten 1.000 Euro monatlich sind auch nur ein Maximalbetrag, und – wie es jetzt aussieht – für den ganzen Rest des Jahres. Außerdem müsste man im Fall der Beantragung beim Künstlerhilfsprogramm die Selbstständigen-Soforthilfe zurückzahlen.

Vielleicht gibt es ja noch eine Erhöhung.
Das Grundproblem bleibt, dass man sich als Solo-Selbstständiger zwischen einer Unterstützung für Betriebskosten und einer Unterstützung für Lebenshaltungskosten entscheiden muss. Diese Logik erschließt sich mir nicht, denn die meisten Künstler haben keine oder kaum Betriebskosten. Ich fürchte , man lässt uns am ausgestreckten Arm verhungern.

Wären Nebenjobs eine Lösung?
Viele Kollegen machen das. Ich habe von einem exzellenten Jazz-Pianisten gehört, der jetzt im Security-Bereich arbeitet. Es besteht allerdings die Gefahr, dass man aus der Künstlersozialkasse rausfällt, wenn man zuviel nebenbei verdient. Dann wird es mit einer finanzierbaren Krankenversicherung schwierig.

In anderen Bundesländern geht es offenbar unbürokratischer und schneller, etwa in Baden-Württemberg.
Mich ärgert die Diskrepanz zwischen dem gönnerhaften Auftreten der Politiker und dem, was am Ende übrig bleibt. In meinem privaten Umfeld, von Leuten, die nicht künstlerisch tätig sind, höre ich: „Euch wird doch mit 3000 Euro geholfen“, was so nicht zutrifft und außerdem für den Rest des Jahres reichen soll.

Was wäre Ihr Wunsch an die Politik?
Dass nicht für weitere Verunsicherung gesorgt wird. In Baden-Württemberg dient der Liquiditätsengpass für Unternehmer als Grundlage. Da gibt es 1180 Euro. Ich frage mich, was die Bayerische Staatsregierung davon abhält, ähnliche klar strukturierte Regelungen vorzunehmen. Bisher ist vor allem Verdrossenheit entstanden, und ich kann mir nicht vorstellen, dass aus meiner Branche jemand bei dem nächsten Mal CSU wählt.

Was wäre Ihr Vorschlag für eine bessere Maßnahme?
Die Grünen haben vorgeschlagen, von den Einkommensteuererklärungen der letzten Jahre ausgehend, eine Art Kurzarbeitergeld zu zahlen.

Würden Sie aus Ärger auf eine Hygiene-Demo gehen?
Ich halte die Maßnahmen gegen Corona für sinnvoll und ärgere mich über die Verbreitung von Verschwörungstheorien und den merkwürdigen Freiheitsbegriff bei den aktuellen Protesten. Das macht mir große Sorgen. 


Lesen Sie hier den AZ-Kommentar zum Thema: Murks und Frechheit

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