Kult-Löwe im AZ-Interview Radenkovic: "Ich bin sehr enttäuscht von der Löwen-Entwicklung"

Radi in Aktion: Am 28. Mai 1966 trennen sich der TSV 1860 und der Hamburger SV mit 1:1. Foto: dpa

In der AZ erinnert sich Kult-Keeper Radenkovic an dilettantische Bosse und ewigen Streit. Über Corona sagt er: "Sehr bedrückende Situation".

 

AZ: Herr Radenkovic, wir erreichen Sie telefonisch in Ihrer Wohnung in Belgrad, zuerst einmal, sind Sie wohlauf?
Petar Radenkovic: Ja, vielen Dank, meiner Frau und mir geht es gut. Glücklicherweise sind die Beschränkungen inzwischen wieder gelockert, wir dürfen auch wieder raus auf die Straße, das ist schon eine große Erleichterung.

Serbien hatte europaweit mit die strengsten Ausgangssperren, Menschen über 65, also auch Sie, durften gar nicht mehr raus.
Das war eine sehr bedrückende Situation, eine ganz schwere Zeit. Meine Frau und ich waren etwa 40 Tage im Haus eingesperrt. Versorgt wurden wir von Freunden, die uns Lebensmittel vor die Tür stellten. Und für etwas Bewegung sind wir ins Treppenhaus. Unsere Wohnung liegt im dritten Stock, da sind wir eben dreimal am Tag die Stufen runter und wieder rauf. Das war wirklich schlimm. Jetzt haben sie die Maßnahmen etwas zurückgenommen, auch wir Alten dürfen wieder auf die Straße.

Sie sind 85 und gehören damit auch zur Hochrisikogruppe, haben Sie Angst, sich mit Covid-19 zu infizieren?
Die Lage hier in Belgrad ist halbwegs unter Kontrolle, das Virus hat seine Kräfte verloren, und trotzdem muss man sich weiter schützen. Die Gefahr, sich anzustecken, ist immer noch sehr hoch, deswegen passen wir gut auf.

Seit Zwangsabstieg hat Radenkovic keinen Kontakt mehr zu 1860

Jetzt aber mal zum eigentlichen Grund unseres Anrufs. Sechzig feiert Geburtstag.
Geburtstag? Welcher Geburtstag?

Sechzig wird Hundertsechzig. Diesen Sonntag, am 17. Mai.
Aha.

Das klingt ja nicht gerade euphorisch.
Wissen Sie, seit dem Zwangsabstieg von der Zweiten in die Vierte Liga vor drei Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu 1860. Ich verfolge noch die Ergebnisse und freue mich, wenn sie gewinnen. Aber insgesamt bin ich doch sehr enttäuscht von der gesamten Entwicklung der vergangenen Jahre.

Großartige Spieler, "bester Trainer" und ein Präsident der Misserfolge

Beziehen Sie sich damit auf den ewig währenden Streit zwischen der Klubspitze und dem Investor?
Das zieht sich doch hin, seit Hasan Ismaik in den Klub eingestiegen ist. Ein Streit, der nicht enden will. Dabei kann ich nicht beurteilen, wer die größere Schuld trägt. Dazu müsste ich mich mit den Interna auskennen und das tue ich nicht. Deswegen kann ich da keine vernünftige Antwort geben. Ich beobachte das nur und stelle fest, dass dieser dauernde Konflikt sehr gut in die Geschichte von 1860 passt.

Sie meinen, weil es auch die letzten Jahrzehnte permanent drunter und drüber ging, eigentlich schon seit 1970? Auch das Ende der goldenen Ära, der erste Bundesliga-Abstieg im Mai vor genau 50 Jahren feiert ja jetzt gerade Jubiläum, wenn auch ein trauriges.
Ja, aber Chaos in der Vereinsführung war ja auch schon zu unserer erfolgreichen Zeit. Sportlich waren wir eine Macht: Meister, Pokalsieger, Europapokalfinalist. Was waren das für großartige Spieler. Perusic, Küppers, Brunnenmeier, Konietzka, Fredi Heiß, Hansi Rebele, Peter Grosser. Luttrop, Patzke, ich und so weiter. Das waren Kanonen. Und dazu den besten Trainer, den es damals gab, Max Merkel.

Ein harter Hund, mit dem Sie in der Mannschaft aber auch Probleme hatten.
Das schon, aber fachlich gab es keinen besseren. Das Problem war nur die Vereinsführung.

Sie sprechen von Präsident Adalbert Wetzel? Der gilt doch gemeinhin mit als Vater des Erfolgs.
Nein. Einer der größten Misserfolge der damaligen Zeit war leider eben auch dieser Präsident. Was hätte aus Sechzig werden können, als wir 1966 Meister wurden. Wir hätten eine große Ära begründen können. Stattdessen haben sie all die guten Spieler im Lauf der Jahre ziehen lassen und nach der Entlassung von Merkel im Dezember 1966 Trainer geholt, die keinen Erfolg mehr hatten.

In dreieinhalb Jahren verschlissen die Löwen sechs Trainer, deren Namen heute eher fürs Insiderwissen taugen. Weber, Baumann, Sing, Pilz, Langner, Binder.
Insgesamt hatte sich die Vereinsführung damals schon dilettantisch verhalten. Und das hat sich bei den wieviel Dutzend Präsidenten auch immer danach bis heute fortsetzt. Das heutige Problem von 1860 ist auch ein Resultat der damaligen Zeit. Hätten wir damals ein gutes Management gehabt, würde der Klub heute anders dastehen. Schauen Sie doch nur rüber in die Säbener Straße. Der Verein da hat gezeigt, wie man es richtig macht und sich zu einem internationalen Spitzenklub etabliert. Ein langfristiger, seriöser Aufbau, gutes Management, alte verdiente Spieler als Führungsfiguren, ich sage nur Hoeneß, Beckenbauer, Rummenigge.

Sein Wunsch für 1860: "Dass sie wieder in der Bundesliga spielen"

Genau das wird den Löwen ja gerne vorgeworfen, dass sie es versäumt hätten, ehemalige Spieler in führenden Positionen zu integrieren. Sie hatten es ja auch versucht, als Sie 1981 für den Fußball-Abteilungsleiter kandidierten und scheiterten.
Damit wurde eine große Chance verpasst. Leider konnten wir nicht genügend Mitglieder mobilisieren.

Zum Abschluss, nach all der Kritik, vielleicht noch eine schöne Erinnerung?
Ach, schöne Erinnerungen gibt es viele. Ich hatte bei Sechzig wunderschöne acht Jahre, und natürlich gab es drei legendäre Spiele, die vielleicht die besten meiner Laufbahn waren. 1965 das Entscheidungsspiel in Zürich gegen den AC Turin im Europapokal-Halbfinale. Zwei Wochen später das Finale in Wembley gegen West Ham. Und 1966 das vorentscheidende Spiel um die Meisterschaft, als wir 2:0 in Dortmund gewannen. Höhepunkte meiner Karriere.

Hätten Sie zum Jubiläum noch einen Geburtstagswunsch an Ihren alten Verein?
Ja, dass sie mal wieder in der Bundesliga spielen. Aber das wird ein sehr, sehr langer Weg.

Lesen Sie hier: Nach Corona-Pause - TSV 1860 zurück im Mannschaftstraining

 

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