Kleines Symbol, große Wirkung Stadt verweigert Markierung - Mann greift selbst zum Pinsel

Selbst ist der Mann: Wolf Sintenis an seinem aufgemalten Rollstuhl-Symbol. Foto: Daniel von Loeper

Als die Stadt Wolf Sintenis die Markierung seines Parkplatzes mit dem Rollstuhl-Symbol verweigert, nimmt er selbst den Pinsel in die Hand.

München - Wolfgang Sintenis (76) hilft seiner Frau gerne. Sie hat Probleme mit ihren Beinen. Aus einem Auto auszusteigen und im Lehel nach Hause zu laufen, ist für sie eine Tortur.

Deshalb hatte das Paar im Sommer 2018 einen extra zugewiesenen Parkplatz für Münchner mit Handicap bei der Stadt beantragt – das heißt, der Parkplatz vor dem Haus ist für das Ehepaar Sintenis reserviert.

"Den bekamen wir relativ schnell. Unser verstorbener Nachbar hatte ihn früher", sagt Wolf Sintenis, der ehemalige Gynäkologe, "aber damals war der Stellplatz noch mit dem Rollstuhl-Symbol markiert. Bei uns nicht mehr." Ein kleiner, aber erheblicher Unterschied.

Etwa fünf Mal kam der Abschleppdienst

Sintenis und seine Frau waren eigentlich sehr froh, weil es ihren Alltag enorm erleichterte, direkt vor der eigenen Haustüre parken zu können. Doch zunächst hatten sie nur Ärger. In den ersten Sommerwochen war der Stellplatz jedes zweite Mal besetzt, wenn sie vom Arzt oder von der Physiotherapie zurückkamen, erzählt er. "Etwa fünf Mal musste ich jemanden abschleppen lassen", sagt Wolf Sintenis. Polizei rufen, abwarten, die Beamten riefen den Abschlepper... Irgendwann nach Stunden konnte Sintenis dann parken. Endlich.

Der frühere Arzt spekulierte. Womöglich hatte das alles mit dem fehlenden Rollstuhl-Symbol auf der Parkfläche zu tun. Also beantragte Sintenis im Sommer 2018 eine erneute Markierung des Parkplatzes beim städtischen Kreisverwaltungsreferat (KVR).

Markierung mit Rollstuhl-Symbol? Zu teuer

Die Antwort kam bald. Knapp gesagt lautete sie: "Nicht möglich, weil zu teuer." Etwa 1.000 Euro kostet es laut KVR für jeden einzelnen Behinderten-Parkplatz die Markierung anzubringen. Seit 2016 verzichtet die Stadt deshalb darauf, die Symbole anzubringen.

Sintenis hatte vollstes Verständnis für diese Argumentation. "Die Stadt kümmert sich wirklich rührend um Menschen mit Handicap", lobt der Arzt, "man kommt zum Beispiel günstig ins Schwimmbad. Das ist der einzige Sport, der für meine Frau infrage kommt."

Daher denkt sich Sintenis: Stimmt, lieber 1.000 Euro bei anderen Projekten investieren statt für Straßenmarkierungen. Doch was war nun die Lösung für sein Problem, dass der Parkplatz fast immer belegt war?

Neun von zehn Mal ist der Parkplatz nun wieder frei

Sintenis wollte es wissen: Würden wirklich weniger Autos auf dem Parkplatz seiner Frau parken, wenn er mit dem Rollstuhl-Symbol markiert wäre?

Er kaufte kurzerhand Farbe und Pinsel und malte das Symbol selbst. "Seit der Rollstuhl auf dem Boden eingezeichnet ist, wurde das Parkproblem deutlich kleiner", sagt Wolf Sintenis, "bei zehn Fahrten ist der Parkplatz einmal belegt. Nicht mehr jedes zweite Mal, wie früher."

Andere haben nicht so viel Verständnis für die Stadtverwaltung wie Sintenis – der städtische Behindertenbeauftragte Oswald Utz (Grüne) etwa. Er ist selbst auf einen Rollstuhl angewiesen und kennt das Problem genau: "Die Markierung muss wieder drauf!", fordert Oswald Utz vehement, weshalb seine Stadtrats-Fraktion einen Antrag im Rathaus eingereicht hat, der genau das verlangt – und zwar auf allen Behindertenparkplätzen, nicht nur auf personenbezogenen.

Oswald Utz hat ein Gegenargument: "Wenn die Stadt sparen muss, warum werden dann Elektroauto-Parkplätze weiterhin markiert?", fragt er sich, "das ist nicht konsequent. Da spart man am verkehrten Ende."

Auch Jörg Hoffmann (FDP), stellvertretender Leiter des Unterausschusses Verkehr im Bezirksausschuss Altstadt-Lehel, versteht die Behörden nicht. Er beschäftigte sich näher mit dem Antrag von Wolf Sintenis im Sommer 2018: "Es grenzt an Hohn, wenn man hier Kostengründe anführt", sagt FDP-Politiker Hoffmann, "das sind absolut schützenswerte Interessen. Und die 1000 Euro pro Markierung sind gut investiert!"

Seit Ende 2018 wird das Symbol wieder aufgetragen

Das Kreisverwaltungsreferat hat mittlerweile reagiert und einen Beschluss gefasst: "Seit Ende 2018 wird das Rollstuhl-Symbol wieder auf dem Boden aufgetragen. Das gilt für alle neuen Behindertenstellplätze in der Stadt, sowie für alle schon vorhandenen, die keine Bodenmarkierung haben", sagt KVR-Sprecher Johannes Mayer auf Anfrage der AZ.

Also ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch das Rollstuhl-Symbol auf dem Parkplatz von Wolf Sintenis offiziell aufgefrischt wird.

Lesen Sie hier: AZ-Interview Stadtrat Utz: "Ich meide die S-Bahn, wann immer ich kann"

 

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