Jürgen Trittin, Renate Künast und Claudia Roth treten zurück Das grüne Gemetzel

Renate Künast und Jürgen Trittin gestern bei der ersten Fraktionssitzung nach der verkorksten Bundestagswahl. Foto: dpa

Bei der Ökopartei rollen ebenfalls die Köpfe: Claudia Roth, Renate Künast und Jürgen Trittin treten nicht mehr an

 

Berlin - Die Berliner Kegelrunde geht weiter. Nach dem Kahlschlag bei der FDP fallen jetzt auch bei den Grünen reihenweise die Figuren um.

Den Anfang des grünen Gemetzels machte Claudia Roth: Die Parteichefin will nicht wieder kandidieren. Das sagte sie erst ihren Parteifreunden vom linken Flügel, dann der Presse. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für eine Neuausrichtung.“

Wenige Stunden später zog Realo-Kollegin Renate Künast nach: Sie tritt als Fraktionschefin zurück. Diese Entscheidung habe sie bereits nach der Urwahl der Spitzenkandidaten im November getroffen, sagte sie.

Da konnte auch Jürgen Trittin nicht länger standhalten. Er hatte sich erst gewehrt – aber jetzt tritt auch er als Fraktionschef zurück. Das teilte er gestern in der ersten Fraktionssitzung nach der Wahl mit.

Scharfe Kritik von Joschka Fischer

In der Sitzung soll es nach Teilnehmerangaben lang anhaltenden Applaus für ihn gegeben haben. Doch tatsächlich halten viele Realos Trittin für den Hauptverantwortlichen für das 8,4-Prozent-Ergebnis. Der Parteilinke, der sich insgeheim schon als künftiger Finanzminister sah, hatte die Steuerpolitik als sein Lieblingsthema im Wahlkampf durchgesetzt.

Sogar Ex-Übervater Joschka Fischer hatte sich wenige Stunden zuvor in die Debatte eingeschaltet. Weil sein Verhältnis zur Partei als schwierig und belastet gilt, hatte er sich im Bundestagswahlkampf zurückgehalten.

Um jetzt umso härter zuzuschlagen: „Es scheint fast, als ob die derzeitige Führung der Grünen älter geworden ist, aber immer noch nicht erwachsen“, sagte Fischer dem „Spiegel“. „Sie hat eine Strategie verfolgt, die nicht nur keine neuen Wähler gewann, sondern viele alte vergraulte. Statt über Umwelt und Europa, Bildung und Familien haben wir nur über Steuern und Abgaben gesprochen“, sagte er.

Er nannte es einen „fatalen Fehler“, die Grünen „strategisch auf einen Linkskurs zu verringern. Damit ist die Partei in der Konkurrenz zu SPD und Linken gnadenlos untergegangen“.

Wird Schwarz-Grün jetzt möglich?

Wird mit Trittins Rückzug nun Schwarz-Grün möglich? CSU-Chef Horst Seehofer hatte stets auf Trittin verwiesen und gesagt, mit dem verhandele er nicht. Trittin ist aber bei der Sondierung noch dabei. „Über Sondierungsgespräche entscheidet nicht die CSU. Die werden Katrin und ich mit führen.“

Mit der Nachfolger-Suche fackeln die Grünen auch nicht lange: Für den Fraktionsvorsitzenden-Job von Renate Künast will jetzt Katrin Göring-Eckardt kandidieren. Sie zeichnet zwar als Co-Spitzenkandidatin ebenfalls für den vermurksten Wahlkampf verantwortlich, ist aber offensichtlich nicht ganz so beschädigt wie Trittin. Und: Die Kirchenfrau gilt als bürgerlich-wertkonservativ und damit unionskompatibel – erste Weichenstellungen für Schwarz-Grün?

Der langhaarige bayerische Verkehrspolitiker Anton „Toni“ Hofreiter will dagegen Jürgen Trittin als Fraktionschef beerben. Bei den Grünen sind alle Spitzenpositionen mit einer Mann-Frau-Doppelspitze besetzt. In jeder Doppelspitze muss außerdem einer der Partner vom linken Parteiflügel kommen und einer von den Realos.

Als Nachfolgerin für Claudia Roth im Amt der Parteichefin ist die ehemalige saarländische Umweltministerin Simone Peter im Gespräch. Ein einziges bekanntes Gesicht könnte am Ende bleiben: Claudia Roths Co-Vorsitzender Cem Özdemir will sich zur Wiederwahl stellen.

Für Claudia Roth und Renate Künast beginnt jetzt aber noch nicht das Altenteil. Beide Grünen-Frauen schielen schon konkret auf einen ganz bestimmten Job – dummerweise auf denselben. Sowohl Künast als auch Roth wollen Göring-Eckardt als Bundestagsvizepräsidentin beerben. Wer sich durchsetzt? Es wird weiter gekegelt.

 

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