Journalismus Ein Blatt wie Heroin

Autor und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff Foto: dpa

Für den Enthüllungsjournalisten Günther Wallraff sind die im „Spiegel” geäußerten Vorwürfe gegen "Bild" keine echte Neuigkeit. Er arbeitete 1977 als Hans Esser in der Lokalredaktion Hannover und wies in seinen Büchern „Der Aufmacher” und „Zeugen der Anklage” dem Blatt Rufmord und Fälschungen nach.

 

AZ: Der „Spiegel” warnt vor „Bild”, weil sich das Blatt als Ersatz einer populistischen Rechtspartei gibt. Stimmt das?

GÜNTER WALLRAFF: „Bild” versucht seit langem, Politiker vom rechten Rand aufzubauen und teilweise bis zum Bundeskanzler hochzuschreiben. Bei Franz Josef Strauß ist das allerdings nicht gelungen. Fortschrittliche Politiker der SPD und Grünen dagegen wurden niedergemacht: Ich denke an Björn Engholm, Jürgen Trittin und Heide Simonis. Gerhard Schröder hat „Bild” lange mit markigen Sprüchen hofiert. Aber es nutzte ihm nicht, dass er für das Blatt sogar Kopfstand machte. Als er dann Redakteure nicht mehr auf Auslandsreisen mitnahm, hat „Bild” das zum Angriff auf die Pressefreiheit hochgespielt.

Was stört Sie an dem Blatt besonders?

Dass es systematisch Hetze und Rufmord betreibt, Wehrlose an den Pranger stellt und sogar Menschenleben auf dem Gewissen hat. Ich bin im Besitz von Abschiedsbriefen. Auch vor Nötigung schreckt „Bild” nicht zurück.

Der „Spiegel” schildert das ausführlich am Beispiel von Ottfried Fischer. Er ist keine Ausnahme. Ich besitze eine Visitenkarte, die ein Münchner „Bild”-Redakteur einst einer Schauspielerin überreichte. Darauf stand wörtlich: „Durch Zufall habe ich vom Selbstmordversuch ihres Sohnes erfahren. Deshalb Ich fände ich es für klüger” - heißt es da in falschem Deutsch – „wenn Sie sich doch noch zu einem Gespräch mit uns bereit fänden. Kein Wunder, dass die Hausjustiziarin einmal gesagt hat: „Ich bin zuständig für Schmutz und Schund”.

Sie selbst haben allerdings gegen „Bild” gewonnen.

Ich habe ein Grundsatzurteil des BGH erstritten. Darin wurde höchstgerichtlich erklärt, dass es sich bei „Bild” um eine „Fehlentwickung im deutschen Pressewesen” handle. Deshalb sei auch meine Methode, ihr mit einer anderen Identität beizukommen, legitim gewesen.

Hat sich „Bild” verändert, seit Sie Hans Esser waren?

Es gibt Wellenbewegungen. Zwischenzeitlich gab es mildere Varianten. Viele Redakteure konnten sich dank meiner Arbeit der Rufmordberichterstattung erwehren. Der derzeitige Chefredakteur Kai Diekmann ist allerdings ein Hardliner. Er verfolgt eine politische Mission. Helmut Kohl war sein Trauzeuge und er ist dessen Biograf. Der verstorbene Verleger Axel Springer nannte „Bild” seinen „Kettenhund, um Politiker in Schach zu halten und notfalls symbolisch zerfleischen zu lassen”.

Sind da nicht alle Medien gleich? Es wird rasch hochgeschrieben und wieder fallen gelassen.

„Bild” lässt Prominente vor allem dann stürzen, wenn sie nicht mehr mitspielen. Als Ottfried Fischer gemerkt hat, dass er seine Seele an sie verkauft hatte und sich verweigerte, wurde er zum Abschuss freigegeben.

Ist Karl-Theodor zu Guttenberg für „Bild” der kommende Kanzler?

Dazu wurde er lange hochgeschrieben. Allerdings auch vom „Spiegel”. Deshalb finde ich die Titelgeschichte etwas heuchlerisch. Unter dem Chefredakteur Stefan Aust gab es einen engen Schulterschluss mit Springer. Auch Thilo Sarrazins rassistische Thesen wurde von beiden Blättern gemeinsam erst hoffähig gemacht.

Mögen Sie Boulevardzeitungen generell nicht?

„Bild” behauptet immer, sie sei das Spiegelbild dessen, was die Leser wollen. Das stimmt aber so nicht: In Städten mit gemäßigteren Boulevardzeitungen wie Köln oder München ist der Marktanteil von „Bild” marginal. Dieses Blatt ist wie Heroin, andere Blätter wie die AZ im Vergleich dazu das mildere Methadonprogramm. Ihre Zeitung hat immerhin einen Kulturteil, den es bei „Bild” konsenquenterweise nicht gibt.

Kann sich Guttenberg mit Unterstützung der Bildzeitung noch lange halten?

Da gibt es sehr enge Verflechtungen und Interessengemeinschaften. Guttenberg wurde als heroische Lichtgestalt und zum kommenden Bundeskanzler stilisiert. Es wird bis zum letzten Aufgebot nun alles versucht, ihn zu halten. Sollte er das mediale Stahlgewitter überstehen, kann er am Ende noch Bundeskanzler werden. Dann sollten wir aber gleich die Monarchie wieder einführen.

 

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