Interview mit CSU-Bundestagsabgeordnetem Stephan Pilsinger fordert wegen Corona: Sagt die Wiesn endlich ab!

Enges Gedränge in einem Bierzelt: Menschen, Essen – Viren? Politiker sorgen sich um Ansteckungsgefahr auf der Wiesn. Foto: imago images / Ralph Peters

Stephan Pilsinger findet, die Stadt München müsse bald reinen Tisch machen. Denn im Herbst könnte es eine zweite Infektionswelle geben.

 

AZ-Interview mit Stephan Pilsinger: Der Münchner Arzt sitzt für die CSU im Bundestag.

AZ: Herr Pilsinger, Sie sind Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages, in dem vermutlich zahlreiche Corona-Szenarien durchgespielt werden. Wie lange werden Großveranstaltungen noch verboten sein?
STEPHAN PILSINGER: Das Verbot von Großveranstaltungen war eine der ersten Maßnahmen, die wir ergriffen haben, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Dafür gab es vor allem drei Gründe. Erstens: Das Virus wird vornehmlich dann übertragen, wenn Menschen auf engstem Raum zusammenkommen. Zweitens: Meist kommen diese Menschen aus verschiedenen Städten oder Nationen, wodurch das Virus sich leicht auch über große Distanzen ausbreiten kann – Ischgl gilt mittlerweile als einer der größten Katalysatoren der Ausbreitung in Europa.

Nachverfolgung der Infektionswege nahezu unmöglich

Und der dritte Punkt: Anders als beispielsweise in Schulen oder Kitas wissen wir bei Großveranstaltungen nicht, wer diese besucht hat und zu welchen Personen ein Infizierter engeren Kontakt hatte. Eine Nachverfolgung der Infektionswege wird somit nahezu unmöglich. Aus meiner Sicht werden Großveranstaltungen erst dann wieder stattfinden können, wenn wir die Ausbreitung der Erkrankung vollständig im Griff haben.

Von der Fußball-EM bis zu den Passionsspielen wurden bereits viele Events abgesagt. Halten Sie es für realistisch, dass die Wiesn stattfindet?
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Stadt München sobald wie möglich reinen Tisch machen muss! Eine verbindliche Entscheidung sollte wirklich rechtzeitig getroffen werden, um allen Beteiligten Planungssicherheit zu geben und weitere Schäden abzuwenden. Wenn eine Absage zu spät erfolgt, werden deutlich mehr Kosten entstehen – das muss allen klar sein!

"Ich rate ab, die Wiesn stattfinden zu lassen"

Was raten Sie als Mediziner?
Als Arzt halte ich es aus medizinischer Sicht für höchst kritisch, wenn die Wiesn dieses Jahr stattfindet. Nach dem was wir heute wissen, wird das Virus nicht von heute auf morgen verschwinden. Im Gegenteil. Die Virologen gehen davon aus, dass die Ausbreitung in Wellen stattfinden wird.

Was heißt das?
Auch wenn das Virus in den Sommermonaten vermutlich eher auf die kältere Südhalbkugel ausweicht, müssen wir mit einer zweiten Infektionswelle spätestens im Herbst rechnen – also genau dann, wenn das Oktoberfest stattfindet. Und wenn wir uns jetzt vorstellen, dass hier Menschen aus aller Welt auf engstem Raum zusammenkommen, dann haben wir am Ende eine Situation, die Ischgl vermutlich noch in den Schatten stellen würde. In Anbetracht der aktuellen Situation würde ich daher davon abraten, die Wiesn stattfinden zu lassen.

 

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