Interview Extremismus-Experte Speit: "Zu wenig Political Correctness"

Andreas Speit. Foto: imago/ecomedia/robert fishman

Autor Andreas Speit erklärt im AZ-Interview, wann es sich lohnt, mit Rechten zu reden – und wann nicht.

München - Der Hamburger Buchautor Andreas Speit forscht und schreibt über Rechtsextremismus und Neonazismus. Am Montag spricht Speit im Münchner Rathaus (kl. Sitzungssaal, 19 Uhr) über die Frage, ob man mit den Rechten diskutieren soll. Der Eintritt ist kostenlos, Anmeldung unter fachstelle@muenchen.de ist erforderlich. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

AZ: Herr Speit, sind die Deutschen zu weit gegangen mit der Political Correctness?
ANDREAS SPEIT: Die Idee der Political Correctness ist, eine Sensibilität zu entwickeln für andere Menschen und andere Bedürfnisse, die vielleicht nichts mit der eigenen Lebenswirklichkeit gemeint hat.

Sie sagen: Wir haben nicht zu viel, sondern zu wenig Political Correctness?
Ja, wir brauchen dringend eine Kultur der Empathie und Sensibilität, auch um dem Hass und der Hetze der "Wutbürger" gegen alle die, die ihnen nicht passen, etwas entgegenzusetzen. Der Vorwurf, die "Gutmenschen" hätten es zu weit getrieben, ist ein taktisches Argument, um sich als Opfer zu gerieren, um dann mit der beliebten Floskel "Ich bin ja kein Rassist, aber" offen hetzen zu können.

Wenn die AfD selbst in süddeutschen Städten wie Pforzheim stärkste Kraft werden kann: Wird es nicht absurd, mit den Leuten nicht mehr zu sprechen?
Wir sind doch im Gespräch. In unserem Alltag reden wir mit Menschen, die auch rechte Ressentiments verbalisieren.

Das bezieht sich auf den Alltag des Einzelnen. Aber wo macht es Sinn, öffentlich politisch mit Rechten zu streiten?
Mit welchen Rechten? Hier muss genau unterschieden werden. Mit Ideologieproduzenten der Bewegung wird kein Gespräch zu einem Umdenken führen. Das haben in den letzten 50 Jahren die unterschiedlichsten Gespräche mit verschiedensten Akteuren gezeigt.

"Die warnenden Stimmen wurden nicht ernst genommen"

Führende Rechte schreiben, sie wollten "nicht den Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party". Ist das nicht ein Widerspruch?
Ja. Sie fordern in der Öffentlichkeit vehement, in den Talkshows und Podien teilnehmen zu wollen, ganz so, als wenn ihr Personal oder ihre Positionen nicht seit Jahren dort dominieren. In ihren Schriften fordern sie aber das Ende der Konsenskultur. Das ist nichts anderes als eine Kampfansage gegen eine demokratische Gesellschaft, die im Meinungsstreit eine gesellschaftliche Lösung findet.

Die AfD sitzt seit Herbst 2017 im Bundestag: Kanzlerin Merkel geht an Alice Weidel und Alexander Gauland vorbei. Foto: dpa

Inzwischen ist die AfD auch in vielen Parlamenten. Ist es richtig, dass der Bundespräsident sie zu Gesprächen eingeladen hat? Hätte er sie sogar unnötig aufgewertet, wenn er alle anderen Fraktionen einlädt, nur die AfD nicht?
Ja, das hätte er.

Aber sie schlachten Bilder solcher Treffen aus.
Im Bundestag muss bei der AfD umso deutlicher deren Inhalt kritisch aufgezeigt werden und auch wie sehr sie mit der rechtsextremen Szene verstrickt sind.

Wie konnte es dazu kommen?
Die warnenden Stimmen, die die Sozialpolitik kritisiert haben, erklärt haben, dass die Gesellschaft sich immer mehr spaltet, wurden nicht ernst genommen.

Sie reden mit Menschen mit rechten Vorhaltungen. Was ändert das an Ihrer Perspektive?
Man merkt, dass die Menschen aufgebracht sind. Und bei vielen Themen kann man sagen: Ja, das verstehe ich. Aber dann sollte auch darauf hingewiesen werden, dass die AfD gerade bei den sozialen Fragen keine Antworten hat.

Genau das haben doch etwa führende Sozialdemokraten gemeint, wenn sie sagten, man müsse die Sorgen der kleinen Leute wieder ernster nehmen.
Ja. Ich glaube nur, dass man mit den führenden Kadern nicht sprechen sollte. Das führt dazu, dass andere denken: Wenn der eingeladen ist, ist er vielleicht gar nicht so schlimm.

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