Interimscoach Andries Jonker Der Überläufer

Noch am Samstag notierte er brav, was Louis van Gaal (r.) ihm auftrug: Andries Jonker wird nun Chef – für fünf Spiele. Foto: Rauchensteiner/Augenklick

MÜNCHEN Fünf Spiele also hat Andries Jonker, das Überbleibsel der Ära Louis van Gaal. Am Sonntag wurde aus dem Assistenten der Chef, eine Beförderung auf Zeit. Er muss das minimalste aller Minimalziele sichern, den Abstieg des FC Bayern in die Europa League verhindern, sprich: Rang drei von Hannover 96 zurückerobern.

 


Die Champions League, der große Fußball, muss es sein, keine Frage beim Selbstverständnis des FC Bayern. Wenn Jonker dies geschafft hat, darf er sich die Prestigeliga-Partien natürlich anschauen im kommenden Jahr, als Viertliga-Trainer. Denn Jonker, dies verrieten die Bayern-Bosse am Sonntag, wird ab Sommer Chefcoach bleiben, allerdings in Partien der Regionalliga Süd gegen Gegner wie den SC Pfullendorf oder die SG Sonnenhof Großaspach. „Wir können uns vorstellen, dass Jonker nächstes Jahr die Amateur-Mannschaft übernimmt, die ja in die Regionalliga absteigt“, sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und erklärte: „Geplant ist, dass Hermann Gerland nächstes Jahr zweiter Assistent von Jupp Heynckes wird.“ Trainer-Rochaden, bei denen kaum noch einer durchblickt.


Nicht als zusätzliche Verwirrung, lediglich zur Erklärung: Jonker (48) soll nun also den Jupp Heynckes des Jahres 2009 nach der Entlassung von Jürgen Klinsmann spielen, einen Stimmungsaufheller und Feuerwehrmann, der nun „eine Explosion“ (Präsident Uli Hoeneß) innerhalb der Mannschaft auslöst. „Er genießt im Verein großes Vertrauen. Durch sein Fachwissen, durch seine Art und Weise, wie er mit den Spielern umgeht“, lobte Sportdirektor Christian Nerlinger. Jonker, ein ständiger und loyaler Begleiter von van Gaal, gilt als heimliches Mastermind von van Gaal, hatte viel Einfluss auf seinen Chef.

Im Umgang mit den Spielern legte er jedoch eine umgänglichere Art an den Tag. Schon nach dem 1:3 Anfang März in Hannover, als die Bosse van Gaals Engagement auf Zeit ausriefen, war Jonker eine der ernsthaft diskutierten Interimslösungen, dies fand jedoch keine Mehrheit. Auch, weil sich der Holländer als sehr loyal gegenüber seinem Vorgesetzten und den übrigen Landsleuten im Trainerstab gezeigt hatte.


Das war einmal – bei seiner zweiten Chance wurde er zum Überläufer, er habe „nicht lange gezögert“, wie der Vorstand berichtete. „Wir wollten einen Mann haben, der die Verhältnisse kennt, der weiß, was zu ändern ist“, sagte Vorstandschef Rummenigge.


Am Sonntag leitete der 48-jährige Jonker zusammen mit Gerland und Torwarttrainer Walter Junghans vor mehreren hundert Zuschauern an der Säbener Straße das Auslaufen, sammelte am Ende höchstselbst die Bälle ein. Seit seinem Amtsantritt im Juli 2009 hielt sich der Familienvater (drei Kinder) stets im Hintergrund, sagte stets: „Ich habe in Spanien gelernt, dass immer nur der Chef spricht“, begründete er dies. In Spanien, das heißt beim FC Barcelona. Schon dort assistierte er van Gaal. Darüber hinaus war Jonker Trainer beim niederländischen Fußballverband, beim FC Volendam, dem MVV Maastricht und Willem II Tilburg – mehrmals beerbte er den jeweiligen Cheftrainer, mit mäßigem Erfolg.


Nun soll der passionierte Schlittschuhläufer – klar, ein Holländer – bei Bayern für den Löw-Effekt sorgen. Nach dem Abschied von Jürgen Klinsmann nach der WM 2006 war es Joachim Löw, zuvor bereits heimlicher Trainer, der die Nationalelf übernahm. Vorbilder gibt’s genug.

 

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