"In der CSU liegen die Nerven blank" Großes AZ-Interview mit Christian Ude

Christian Ude im Interview Foto: dapd

Christian Ude sorgt als Spitzenkandidat der Bayern-SPD für Schwung im Freistaat. Im großen AZ-Interview spricht der OB über neuerlich gute Umfragewerte und die Attacken seiner Gegner

 

AZ: Herr Ude, jahrelang haben wir Ihnen ein Loch in den Bauch gefragt, wer denn Ihr Nachfolger wird...

CHRISTIAN UDE:...und jetzt ist eine langfristige Personalplanung mit Dieter Reiter traumhaft in Erfüllung gegangen.

Sie haben im Sommer turbulente Zeiten ausgelöst und stehen nach einer spektakulären Karrierewende wieder im Rampenlicht. Haben Sie es schon mal für einen Moment bereut, nicht Rentnerferien auf Mykonos zu machen, sondern in die Staatskanzlei zu streben?

Von bereuen kann überhaupt keine Rede sein. Ich erlebe eine Sozialdemokratie im Auftrieb. Und das nicht nur in München, nicht nur in Bayern, wo Optimismus geschöpft wird, sondern auch auf dem Bundesparteitag. Damit hatte ich in diesem Ausmaß überhaupt nicht gerechnet.

Nach der ersten Schockstarre schießt sich die CSU jetzt auf Sie ein.

In der CSU und bei ihrem Kultusminister Ludwig Spaenle liegen die Nerven blank, er schlägt wie ein Holzfällerbub um sich, und das eineinhalb Jahre vor dem Endspurt zur Landtagswahl 2013. Wenn er so weiter schreit, wird er schon im nächsten Jahr wegen Heiserkeit verstummen.

Und die CSU attackiert Sie wegen des 44-Millionen-Defizits beim Stadt-Klinikum.

Ich preise Sie und lobe Ihre Wortwahl. Im Gegensatz zum Ministerpräsidenten sagen Sie es nämlich richtig: Die haben ein Defizit, das ist leider wahr und ist auch schlimm. Da gibt es nichts zu beschönigen. Aber ich finde es skandalös, dass Ministerpräsident Horst Seehofer einem konkurrierenden Unternehmen eine Schuldenlast nachsagt, obwohl es sich dabei um eine freie Erfindung handelt. Seehofer hat gesagt, sie hätten 100 Millionen Euro Schulden. Das ist eine 100 Millionen Euro- Falschaussage. Im bürgerlichen Leben ist man erledigt, wenn man eine solche Rufschädigung gegen die Konkurrenz äußert: Die Klinik GmbH hat keine Schulden.

Aber die Kliniken haben 44 Millionen Euro Defizit und brauchen von der Stadt 100 Millionen fürs Eigenkapital.

Das stimmt leider. Aber es ist etwas vollkommen anderes als Schulden.

Die SPD kontert: In Zeiten des CSU-Gesundheitsreferenten Thomas Zimmermann hatten die fünf städtischen Krankenhäuser ganz andere Schulden.

Das ist richtig. Ich finde den Vorwurf der CSU unglaublich und unerträglich, weil in den sechs Jahren eines CSU-Referenten ein weit größeres Defizit angefallen ist als in den letzten sechs Jahren. Auch das Höchstdefizit in einem Jahr war höher als jetzt. Damals hat die CSU gesagt, der städtische Zuschuss beweise, dass uns die Gesundheit der Bevölkerung etwas wert ist. Heute sagt sie, das sei rot-grüne Misswirtschaft.

Gibt es für so gravierende Sanierungsfälle – wie auch bei den Großmarkthallen oder Deutsches Theater – keine Alarmanlage?

Beim städtischen Deutschen Theater ist es nicht anders als beim staatlichen Gärtnerplatztheater oder den staatlichen Museen und Universitäten: Die Generalsanierung verschlingt Unsummen.

Spüren Sie bei den Attacken eine Untergangsangst in der CSU?

Der CSU schwimmen die Felle davon. Das hat damit zu tun, dass sie in Bayern ein Projekt nach dem anderen an die Wand fährt.

Zum Beispiel?

Das Milliarden-Desaster bei der Landesbank, dann das Hirngespinst Transrapid, und um zweite Stammstrecke steht es auch nicht zum Besten. In der Konzertsaaldiskussion ist nach acht Jahren nicht einmal eine Idee geboren, was man jetzt konkret anstreben will. Die CSU hat einfach keinen guten Lauf und eine Verschnaufpause verdient.

Haben wir jetzt zwei Jahre Landtagswahlkampf?

Von mir aus nicht. Jeder muss schauen, mit welcher Tonart er die gewünschte Resonanz findet. Ich bin mir da sicher: Wir haben nach Forsa-Umfragen acht Prozent zugelegt seit der Sommerpause, bei Emnid sechs Prozent. Das sind Zuwachszahlen, die die Sozialdemokratie in Bayern lange entbehren musste. Also ist der sachliche Vergleich verschiedener politischer Konzepte bei der Bürgerschaft erwünscht. Ludwig Spaenle kann an den Umfragen selbst ablesen, wie beliebt er sich macht, wenn er um sich schlägt wie ein Ertrinkender.

Jahrzehntelang bekam die SPD in Bayern kein Bein auf den Boden. Kaum kommt Christian Ude, gehen die Umfragewerte nach oben. Hat die SPD ihr Programm da vorher nicht schlecht verkauft?

Ich glaube nicht, dass es um die Vermittlung des Programms geht. Es geht um die Vermittlung einer Machtperspektive: Hat man eine Persönlichkeit zu bieten, die sich ein Großteil der Bevölkerung als Ministerpräsident vorstellen kann und vielleicht sogar wünscht? Das ist aus der Opposition heraus, wenn man schon 55 Jahre dieses karge Brot essen muss, unendlich schwierig. Mit der Leistungsbilanz eines Oberbürgermeisters kann man schon Gestaltungskraft beweisen. Insofern haben wir jetzt eine günstigere Situation.

Mit Ihnen tritt auch zum ersten Mal ein gestandener Siegertyp an.

Wenn Sie das so sagen ...

Jetzt sind Sie mit 64 Jahren der Hoffnungsträger einer Bayern-SPD, die Sie in früheren Jahren immer bespöttelt haben. Oder sind Sie jetzt jovialer geworden?

Worüber ich gespottet habe, weiß jeder Besucher meiner Lesungen. In Aschaffenburg, das bekanntlich in Unterfranken liegt, obwohl es auf der Karte oben ist (jetzt muss er herzhaft lachen) hatte ich einen der schönsten Kabarettabende. Und da habe ich mich über bestimmte Rituale und Unsitten amüsiert – von der Langweiligkeit von Ortsvereinssitzungen bis zu Skurrilitäten von Bürgerbüros. Das war nie gegen die SPD gerichtet, für die ich jetzt seit 45 Jahren arbeite. Das war Selbstironie, bei der ich mich selber nicht ausnehme.

Behalten Sie Ihren Satire-Sinn?

Eine spöttische Lippe werde ich auch weiter riskieren. Das werden sie in Vilshofen sehen, da werde ich mich auch der politischen Konkurrenz zuwenden. Aber mit Florett und nicht mit dem Holzhammer.

Ihre rechnerische Mehrheit wackelt, um Schwarz-Gelb zu stürzen. Die Freien Wähler, mit denen Sie gerechnet haben, zaudern.

Es gibt keine Vereinbarung und keine Absprache mit den Freien Wählern. Es gibt eine kommunalpolitische Blutsverwandtschaft. Denn die Freien Wähler sind eine Vereinigung von kommunalen Mandatsträgern. Wir kennen sie und ich habe im Städtetag zwei Jahrzehnte mit ihnen engstens zusammengearbeitet. In der Landespolitik wissen wir, dass die drei Oppositionsparteien in 80 Prozent der Fälle übereinstimmen. Das ist ein Fundament für eine erfolgreiche Regierungsarbeit, wenn man sich einmal Schwarz-Gelb in Berlin anschaut: Eine Dreier-Koalition, die wenig zusammenbringt.

Jetzt sind Sie Münchner OB, Städtetagspräsident und Wahlkämpfer. Ist da noch Platz für Privates?

Das Zeitkontingent wird knapper, das ist wahr. Da kann ich mein Privatleben von der Politik zur Zeit schwer trennen. Aber zum Glück habe ich eine politisch leidenschaftlich interessierte Frau, die mich oft begleitet – auf eigene Kosten und ohne Einladung eines Unternehmers. Meinen letzten Geburtstag haben wir in Berlin mit Petra Roth und Klaus Wowereit in der „Bar jeder Vernunft” gefeiert.

 

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