Im Literaturhaus Ude, Wagenknecht und Gauweiler: Diskussion über Revolution 1918/19

Christian Ude (links), Peter Gauweiler und Sahra Wagenknecht diskutieren im Literaturhaus über die Revolution. Foto: Catherina Hess

Sahra Wagenknecht, Peter Gauweiler und Christian Ude reden im Literaturhaus über die Revolution von 1918/19. Und heute?

 

Revolution ist, wenn Peter Gauweiler mit Sahra Wagenknecht flirtet und Christian Ude sauer auf die Geschichtsfälschung der SPD ist. Denn seine Partei habe sich Eisner zum 100. Geburtstag der Revolution öffentlich zu Unrecht einverleibt, wie Ude betonte, schließlich war Kurt Eisner unabhängiger Sozialdemokrat und die damalige SPD erklärter Gegner der Revolution.

Zum Reden darüber trafen sich am Freitagabend im überfüllten Literaturhaus der Münchner Alt-Oberbürgermeister, der ehemalige CSU-Parteivize und die zukünftige Ex-Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. Und da alle drei zu den rhetorisch Herausragenden ihrer Parteien gehören, wurde dies eine vergnügliche Veranstaltung, souverän moderiert von Martin Sabrow, dem Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Ude verwies auf den pazifistischen Charakter von Eisners unblutiger Gründung des Freistaats und Beendigung der Monarchie in Bayern. Denn neben der Einführung des Frauenwahlrechts, des Acht-Stunden-Arbeitstages und der Säkularisierung des Schulwesens war Eisner vor allem eines wichtig: "Jedes Menschenleben soll heilig sein", formulierte er als erster bayerischer Ministerpräsident. Ihn selbst schützte dieser Satz bekanntlich nicht: Eisner wurde am 21. Februar 1919 auf dem Weg zu seiner Abdankungsrede vor dem Landtag erschossen. Sein Mörder genoss in völkisch-nationalistischen Kreisen kultische Verehrung, Eisner geriet lange in Vergessenheit. Sein politisches Erbe war noch in den 70er Jahren in München umstritten. Ude erinnerte an die heftigen Kämpfe im Stadtrat, als es darum ging, die Kurt-Eisner-Straße in Neuperlach durchzusetzen.

Peter Gauweiler verkleinerte lieber die historische Bedeutung Eisners, "damit die Harmoniesauce ein Ende hat" und sprach von einer "missratenen Revolution", die für Bayern "ein Unglück" gewesen sei. Schließlich habe es schon unter Ludwig III. ein Parlament gegeben und Eisners USPD ohnehin bei den ersten freien Wahlen keine drei Prozent der Stimmen erhalten. Die Revolution ohne Rückhalt im Bürgertum habe schließlich eher zur Instabilität der Verhältnisse beigetragen.

Und die kurze Räterepublik? Da genügte Gauweiler schon der Gedanken an den 68er-"Revolutionsfasching" zu Studienzeiten, um sich als erklärter Gegner ewiger Diskussionzirkel zu bekennen. Dann nahm er sich die "Tony Blair-SPD" zur Brust, die vor zwei Jahrzehnten die "Schutzfunktion des Staates gegenüber dem Bürger" quasi abgeschafft habe und gab den Linken mit, "ganz schön blöde" zu sein, künftig auf Sahra Wagenknecht verzichten zu wollen. Wagenknecht übertrug den Revolutionsgedanken in die Jetztzeit, setzt allerdings eher auf den evolutionären Weg der Verbesserung der politischen Verhältnisse. Aber auch das geht nur mit Bürgern, die – wie die Gelbwesten in Frankreich – für ihre Rechte auf die Straße gehen und auch schon konkrete Ergebnisse erreicht haben. Aktuell diagnostizierte Wagenknecht eine viel zu große Abhängigkeit der Politik von der Wirtschaft, dem eigentlichen Machthaber im Staat. Und dass die digitale Revolution diesen Prozess noch viel stärker beschleunigen werde, ist das viel größere Problem. Denn die Welt fünf privaten Datenkraken aus dem Sillicon Valley zu überlassen, wäre im Endeffekt nichts anderes als das Ende der Demokratie.

 

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