Holocaust-Überlebender Ein Leben gegen das Vergessen: Max Mannheimer wird 95

„Der Kopf funktioniert noch halbwegs“: der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer. Foto: dpa

Damit sich das Unfassbare nicht wiederholt: Max Mannheimer erzählt trotz hohen Alters unermüdlich seine Geschichte.

Max Mannheimer hat überlebt. Theresienstadt, Auschwitz und Dachau. Als Zeuge dieser grauenvollen Zeit berichtet Mannheimer seit 30 Jahren, was in den Konzentrationslagern der Nazis geschehen ist. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Erinnerung wachzuhalten. Am 6. Februar wird Mannheimer 95 Jahre alt. Und er berichtet unermüdlich weiter, mehrmals in der Woche erzählt er Schülern, Studenten oder anderen Gruppen seine Geschichte.

 

Eine Geschichte, die so grausam ist, dass er sie bei Vorträgen „emotionslos erzählen muss“, wie er sagt. Denn: „Sonst trauen sich die Leute nicht zu fragen.“ Mannheimer aber sucht das Gespräch mit den Menschen und will gefragt werden. Hass oder ein Verlangen nach Rache sind ihm fremd. Versöhnen will er und mahnen. Die Schüler von heute seien zwar nicht verantwortlich für das, was damals geschehen ist – aber dafür, dass es sich nicht wiederhole.

27 lange Monate hat Max Mannheimer die Nazi-Gräuel ertragen müssen. Er nennt diese Zeit sein zweites Leben. Das erste Leben – Kindheit und Jugend im mährischen Neutitschein, im heutigen Tschechien – ist mit dem Transport nach Theresienstadt zerstört worden, das dritte Leben begann nach der Befreiung 1945.

Mannheimer und sein sechs Jahre jüngerer Bruder Edgar überleben Auschwitz. Die Eltern und die Geschwister Ernst und Käthe werden dort 1943 von SS-Schergen ermordet, ebenso Max Mannheimers Ehefrau Eva und eine Schwägerin. Bruder Erich war 1942 verhaftet und später ermordet worden. An der Todesrampe sieht Mannheimer seine Angehörigen zum letzten Mal. Sie werden selektiert – ohne Abschied.

Auf seine Frage, was mit den Frauen, Kindern und älteren Menschen geschehe, die einen Lastwagen besteigen mussten, antwortet ein Häftling, der schon länger in Auschwitz war: „Gehen durch den Kamin.“

Am Tag nach der Ankunft habe ihn die Verzweiflung gepackt, erinnert sich Mannheimer. Beim Morgenappell sieht er einen Stacheldrahtzaun mit einem Schild: „Hochspannung! Lebensgefahr!“ Er denkt an Selbstmord: „Am besten wäre es, ich ginge zu den elektrisch geladenen Drähten – nur berühren – aus“, sagt er seinem Bruder. Und der 17-jährige Edgar fragt: „Willst du mich alleine lassen?“ Da habe er sich geschämt, sagt Mannheimer.

Ernst, der andere Bruder, erkrankt wenige Wochen später an Lungenentzündung und Durchfall und wird von den Nazis ermordet.

Sachlich schildert Mannheimer die Gräueltaten im KZ. Jeden Tag Gewalt, Folter und Tote, dazu Hunger, Durst und Schlafmangel, Kälte, Krankheiten und schwere Sträflingsarbeit. Er schiebt seinen linken Hemdärmel ein Stück zurück. Auf dem Unterarm ist unübersehbar die Auschwitz-Nummer eintätowiert – 99728.

Im Oktober 1943 werden Max und Edgar Mannheimer über Warschau ins KZ nach Dachau gebracht. Während die Häftlinge Schwerstarbeiten leisten, hetzt ein SS-Mann immer wieder seinen Schäferhund auf sie. „Gebissen hat mich der Hund zwar nicht, aber nach dem Krieg hat er mich in meinen Träumen besucht.“

Am 30. April 1945 werden die Brüder Mannheimer zusammen mit vielen anderen Häftlingen von den Amerikanern aus einem Waggon befreit. „Es war ein Riesenglück“, sagt Mannheimer. „Ich war damals eine ziemliche Leiche und dachte, wenn ich 40 Jahre alt werde, dann ist das viel. Und nun werde ich 95 und bin immer noch on tour“, sagt er.

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Nach der Befreiung verlässt Mannheimer Deutschland und will nie zurückkehren. Doch eineinhalb Jahre später ist er wieder da. Er hat sich verliebt – ausgerechnet in eine Deutsche: Elfriede Eiselt, Widerstandskämpferin. „Sie versicherte mir, dass Deutschland eine ausgezeichnete Chance hat, eine Demokratie zu werden. Und wenn man verliebt ist, glaubt man ja vieles.“

Alpträume und Depressionen belasten Mannheimer in den folgenden Jahren. Als er 1981 in den USA an einer Mauer ein Hakenkreuz sieht, bricht er zusammen. „Ich hatte versucht, es mit Schraubenzieher und Hammer aus dem Beton herauszumeißeln.“

Nach der Befreiung kehrt er noch drei Mal nach Auschwitz zurück Er kommt in eine Klinik. Im Bad holt ihn die Angst ein: „Ich habe die Dusche ganz vorsichtig aufgedreht, um zu sehen, ob wirklich Wasser und nicht Gas herauskommt.“

Dreimal fährt er in den folgenden Jahrzehnten nach Auschwitz, erstmals 1991. „Ich hatte große Angst davor. Ich habe dort sechs nahe Angehörige verloren.“ Er sieht zwei Burschen beim Angeln. „In den Teich wurde damals die Asche aus zwei Krematorien geschüttet.“

Die Erinnerung daran treibt ihn an. Mannheimers Terminkalender ist voll. Auch in den Wochen vor seinem 95. Geburtstag besucht er Schulklassen. „Vom Hals abwärts bin ich ein Invalide“, sagt er kokett. „Aber der Kopf funktioniert noch halbwegs.“ Und so wird er weiter seine bewegende Geschichte erzählen – die Geschichte seiner drei Leben.

 

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