Historische Kriegslüge Karolinenplatz: Bayerns Mär von der "Befreyung"

Mehr als 30.000 bayerische Soldaten kamen auf Napoleons Russlandfeldzug ums Leben. Ludwig I. setzte ihnen ein Denkmal und verklärte mit der Inschrift die Geschichte. Foto: Fischer

Der Obelisk auf dem Karolinenplatz klittert Geschichte. Eine Hinweistafel zur Klarstellung lehnt die Stadt ab. Sie fürchtet sonst einen "Erklärungsschilderwald" vor Münchens Denkmälern.

München -  Die königliche Lüge soll so stehen bleiben – ein Schild, das die Tatsachen klarstellt, soll es nicht geben. So will es das Kulturreferat. So will es Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter. 30.000 bayerische Soldaten, die König Maximilian I. Joseph vor 200 Jahren Napoleon opferte, leben auf dem Karolinenplatz in der Erinnerung als Befreiungskämpfer weiter.

"Auch sie starben für des Vaterlandes Befreyung", lautet eine Inschrift auf dem Obelisken. Maximilians Sohn, König Ludwig I., ließ das Denkmal errichten und den Satz in Stein hauen. Ein Satz, über den Touristen und Historiker stolpern. Der bekannte Münchner Geschichtsprofessor Friedrich Prinz prangerte in seinem Standardwerk „Die Geschichte Bayerns“ die Inschrift so an: „ historisch mehr als problematisch“.

Blutzoll für die Krone

Vor allem Russen dürften sich über die Geschichtsdeutung der Bayern wundern. Denn die 30.000 Soldaten starben auf Napoleons Russlandfeldzug. Ludwig drehte die Sache so hin, dass der Anschein entsteht, als wären sie kurze Zeit später in der Völkerschlacht von Leipzig gefallen – im Befreiungskrieg gegen den französischen Kaiser. Ludwig wollte mit dem Denkmal eine politische Volte seines Vaters vergessen machen.

Im Jahr 1805 – vor Napoleons Sieg in Austerlitz – wechselte Maximilian heimlich die Seite und versprach dem Franzosen Unterstützung. Der stellte dem Bayern dafür die Königswürde in Aussicht, und der Wittelsbacher zögerte nicht lange und setzte sich die Krone 1806 gleichsam selber auf. Der Preis: Soldaten für Napoleons Angriffskrieg. Als Napoleons Stern 1813 am Sinken war, schlug sich Maximilian kurz vor der Leipziger Völkerschlacht auf die Seite Preußens, Österreichs und Russlands. 20 Jahre später verklärte Ludwig schließlich den Blutzoll im Osten.

Der Bezirksausschuss Maxvorstadt wollte die Mär nicht im Raum stehen lassen und machte sich für eine Hinweistafel stark. Mit kurzzeitigem Erfolg. Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des Russlandfeldzugs postierte die Stadt ein Schild am Obelisken. Doch Ende 2013 ließ sie es wieder abmontieren. Ein dauerhaftes Schild, wie es der BA für notwendig hält, lehnte das Kulturreferat mit einem überraschenden Argument ab:

„Ein 'Erklärungsschilderwald' für die Denkmäler Münchens könnte die Folge sein, wenn man im Falle des Obelisken den Anfang macht“, schrieb die Behörde. Beim BA traute man seinen Augen nicht. „“Eindringlich“ bat das Stadtviertelgremium danach Oberbürgermeister Dieter Reiter, seinen Einfluss geltend zu machen. Vergebens.

Drohender „Erklärungsschilderwald“

Die Stadt bleibt hart. Und das Schild weg. Stattdessen sorgt sie auf andere Weise für Aufklärung. So hat sie einen entsprechenden Hinweis in die Broschüre „Kulturgeschichtspfade“ aufgenommen. Zudem wird es eine App der Broschüre geben, der QR-Code soll dann von kleinen Tafel im Stadtviertel eingescannt werden können, erklärt die Sprecherin des Kulturreferats, Jennifer Becker.

Lesen Sie hier: "80 Jahre später folgt die Erklärung"

Der BA hält diese Lösung für „unbefriedigend“. „Gerade ältere Menschen werden von der App nicht wirklich Gebrauch machen“, sagt der BA-Vorsitzende Christian Krimpmann. Zudem steche eine Erklärungstafel mehr ins Auge „als die bloße Möglichkeit, sich per App oder Text im 'Kulturgeschichtspfad' zu informieren“.

Und was jetzt? „ Wir sind hier mit unserem Latein am Ende“, sagt Krimpmann. Das Argument mit dem drohenden „Erklärungsschilderwald“ kann er nicht nachvollziehen.

Fragt sich: Wie viele historisch zweifelhafte Denkmäler gibt es München?

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