Historische Fotoschätze Beeindruckende Aufnahmen: München um 1900

Am Stachus geht’s noch gemächlich zu: Der Kutscher ratscht und die Passanten sind sehr fein angezogen. Foto: Privatarchiv Wolfgang Roucka

AZ-Serie Münchner Fotoschätze: Eine gewisse Romantik findet Leser Wolfgang Roucka in den gestochen scharfen historischen Alltags-Aufnahmen.

 

München - Im Jahr 1899 sind in München 25 Autobesitzer mit Fahrerlaubnis gemeldet. 1910 sind es schon 1.300 Autos und 483 Motorräder. Noch mit Pferd und Wagen, meist zu Fuß und bisweilen mit der Tram, bewegten sich unsere Großeltern und Urgroßeltern um 1900 durch München.

Sensationelle München-Fotos, die die Stimmung damals in unserer Stadt dokumentieren, hat der Schwabinger Fotograf Wolfgang Roucka der AZ zur Verfügung gestellt: "Das hat eine gewisse Romantik, die Leute alle mit ihren Gewändern und Hüten und Schirmen. Und wie locker man auf der Straße schlendern konnte."

München: Zuagroaste gab es schon immer

1901 überschritt München die 500.000 Einwohner-Grenze. Es gab Landflucht und viele norddeutsche Zuwanderer. Schon 1900 waren nur 36 Prozent der Münchner in der Stadt geboren.

Die Negative dieser fotografischen Reise in alte Zeiten fielen dem Fotografen zu, als er 1959 von Passau in die große Stadt zog: Er wohnte in Neuhausen zur Untermiete beim 75-jährigen Fräulein Reitz, das ihm die Original-Negative dieser Fotos vererbte – ihr Vater war Münchens Trambahndirektor und ein Hobbyfotograf, der mit der berühmten Otto-Strehle-Holzkamera große Negative im Format neun mal zwölf Zentimeter belichtete.

"Ich bin dankbarer Nutzer und Eigentümer dieses einmaligen Schatzes. Die Negative werden ich an das Stadtarchiv übergeben", sagt Roucka. Das ein oder andere dieser Fotos ist inzwischen für einen Kalender oder ein Buch verwendet worden. Besonders gefällt Roucka das außergewöhnliche Wiesn-Foto vor der Fischer-Vroni mit dem Steckerlfisch, der im Erdboden steckt.

"Diese Fotos sind sensationell und gestochen scharf"

Auch das Alltagsbild vom Stachus, auf dem Pferdekutsche und Trambahn zu sehen sind, und das so lebendige Schwarz-Weiß-Foto von Menschen am Sendlinger Tor nach einem Regenguss mit Regenschirmen: "Wie die Damen damals gekleidet waren, das hat einen ganz besonderen Reiz."

Was auf den großartigen Aufnahmen noch auffällt: Ganz München ist mit Steinen und Gehwegplatten gepflastert. Es gibt noch keinen Asphalt. Vor dem Isartor laufen Dienstmädchen mit langen Schürzen über den Kleidern und einem Korb im Arm. Die Männer tragen Gehrock und Hut. In Hof eines Lokals sitzen Männer mit Kaiser-Wilhelm-Bart und rauchen dicke Zigarren, einer trägt seinen Säbel am Gürtel zur Schau.

"Diese Fotos sind sensationell und gestochen scharf", lobt der Profi. Als Fotograf hat er einen "Sensus", wie er sagt, also einen Sinn dafür, alte Fotoschätze zu hüten "wie meinen Augapfel", damit sie erhalten bleiben. Einen Zorn hat Roucka allerdings auf Entrümpelungsfirmen, die bei Wohnungsauflösungen wertvolle alte Negative vernichten: "Da ist bestimmt schon vieles an Geschichte verschwunden. Aber einiges taucht zum Glück auf Flohmärkten wieder auf."

Eine Übersicht der bisherigen Teile unserer AZ-Serie "Münchner Fotoschätze" finden Sie hier!

 

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