Grüner Nonkonformist Karl von Feilitzsch und die "Grüne Aktion"

Die Zerstörung der Heimat ist kein neues Thema: Ein Plakat der „Grünen Aktion“ aus den siebziger Jahren. Foto: Archiv Angela von Wallwitz

Mit der „Grünen Aktion“ testete der Komponist Karl von Feilitzsch in den 60er und 70er Jahren die Grenzen der Legalität. Am Sonntag wird seine „Apokalypse“ im Herkulessaal aufgeführt

 

Wie Spontis sahen die Ökokämpfer um Karl von Feilitzsch wirklich nicht aus. Ein altes Foto zeigt den Freiherrn zusammen mit seinen Mitstreitern im Winter 1973. Damals trug man auch in Umweltschützerkreisen noch adrette Wintermäntel, Schlips und Hut. Doch unterschätzen durfte man die Aktivisten von der „Grünen Aktion“ nicht. Denn so großväterlich-harmlos Feilitzsch auch daherkam, wenn es um die Rettung seiner bayerischen Heimat vor den Öko-Unbilden der Moderne ging, war der Freiherr aus altem Adelsgeschlecht nicht zimperlich.

Einmal soll er zusammen mit seinem damaligen Kompositions- und Dirigierschüler Enoch zu Guttenberg, der später als Gründungsmitglied des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) und Inspirator einer grünen Partei das Erbe seines Lehrers weiterführte, eine Bombenattrappe im Garten eines Bürgermeisters platziert haben, der, so Feiltzsch in seinem altmodischen Deutsch, „ein stilles Gebirgstal hartnäckig durch Skilifte zu erschließen sich anschickte“.

Auch vor fingierten Anrufen, in denen sich der Umweltaktivist als Minister ausgab, und fernmündlichen Drohungen schreckte er nicht zurück. Ziel war unter anderem „ein Wirtschaftsminister, der einen „Großflughafen in die Erholungszone einer Großstadt zu placieren gedachte“. Feilitzsch meinte damit den zunächst im Hofoldinger Forst südlich von München geplanten neuen Großflughafen für die bayerische Landeshauptstadt, der später im Erdinger Moos realisiert wurde und jahrelang ein Hauptangriffsziel der „Grünen Aktion“ war.

Das vergessene Hauptwerk

An diesem Sonntag wird imHerkulessaal zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren Feilitzsch’ Hauptwerk „Apokalypse“ aufgeführt. Organisiert hat das Konzert, bei dem auch ein 1955 zu diesem Werk entstandener Kurzfilm gezeigt wird, die in München lebende Tochter des 1981 verstorbenen Komponisten, Angela von Wallwitz.

Die Aufführung bietet Gelegenheit, sich nicht nur eines bemerkenswerten, bayerischen Tonkünstlers zu erinnern, sondern auch eines Umweltschützers der ersten Stunde. Denn Karl von Feilitzsch hatte die „Grüne Aktion“ in den sechziger Jahren quasi im Alleingang aus der Taufe gehoben, um es mit den Folgen dessen aufzunehmen, was damals als Wirtschaftswunder Städte und Landschaften umkrempelte.

Vor allem Bayern wurde von einer beispiellosen Welle nachholender Industrialisierung erfasst und verlor sein alt bekanntes Gesicht. „Seht Euch an, was aus dieser Landschaft in den letzten zehn Jahren geworden ist“, schrieb Feilitzsch. Eine der „schönsten Gegenden der Erde“ werde „für alle Zeiten zersiedelt und ihrer Schönheit beraubt“.

Gegen bräsiges Vereinsgehabe

Der knorrige Wertkonservative und konvertierte Traditionskatholik nahm es mit jedem auf, der in seinen Augen für das Zerstörungswerk verantwortlich war. Mit polemischem Furor und Guerilla-Aktionen „am Rande der Legalität“, wie es Feilitzsch selbst formulierte, stemmte er sich gegen die Folgen und Auswüchse einer Wachstums- und Konsumgesellschaft US-amerikanischen Typs, wobei er neben „Zivilisationsschäden“ wie Zersiedelung, Landschaftsverlust, Lärm und Abgasemissionen auch allgemeinpolitische Probleme thematisierte, etwa die zunehmende Wohnungsnot, die staatliche und kommunale „Ausgabenflut“, Korruption und Kriminalität.

Die „Grüne Aktion“ war keine basisdemokratisch organisierte Bürgerinitiative im herkömmlichen Sinne, weil Feilitzsch bräsiges Vereinsgehabe ablehnte. Er favorisierte öffentliche Werbeschlachten mit bis zu drei Meter hohen Plakaten und Tausenden von Flugblättern, die zum Teil wild aufgehängt oder auf Autoanhängern herumkutschiert wurden. Flankiert wurde diese „Propaganda“, ein Lieblingswort Feilitzsch’ – durch scharfe Leserbrief-Scharmützel sowie politische Interventionen, die sein Bonner Verbindungsmann, der CSU-Bundestagsabgeordnete Franz Gleissner, übernahm. „Wenn irgendwo, so erscheint mir hier gegeben, dass Naturschutz heute mehr bedeutet und mehr erreichen kann, als den Versand wohlmeinender Broschüren an Gleichgesinnte“, schrieb Feilitzsch an Hubert Weinzierl, den damaligen Vorsitzenden des Bundes Naturschutz in Bayern.

Eine der aufwändigsten Kampagnen der „Grünen Aktion“ richtete sich unter dem Motto „München erstickt“ gegen die Infrastrukturpolitik des damaligen Münchner Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel. Der SPD-Politiker hatte sich darangemacht, die behäbige Isarmetropole im Zeichen der „autogerechten Stadt“ und der Olympiade, mit Prestige trächtigen Großbauten in die Moderne zu katapultieren.

Konservative Stadtguerilla

Nicht kleckern, sondern klotzen, war Feilitzsch’ Devise. In einer Aufstellung plante er großzügig mit 750 Großplakaten, 25 000 Flugblättern, 50 Pkws mit aufmontierten Plakattafeln und zwölf Demonstrationen mit je vier Aktivisten vor „maßgebenden Behörden und Industrieunternehmen“.

Finanziert wurden die kostspieligen Propagandafeldzüge überwiegend aus Spenden, für die Feilitzsch und Gleissner zahllose Bettelbriefe schrieben. Die „Grüne Aktion“ nahm auch einzelne Politiker wie den damaligen FDP-Landwirtschaftsminister Josef Ertl ins Visier. Er habe den Bauernstand verraten und unternehme nichts gegen das – im Zeichen einer zunehmenden Industrialisierung auch des Agrarsektors – allerorten grassierende Höfe-Sterben.

Auf diese Weise schaffte es Feilitzsch’ Stadtguerilla sogar in die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Von Pamphleten der Umweltaktivisten „in die Enge getrieben und auf anonymen Flugblättern als Verräter beschimpft“ habe sich Ertl, schrieb das Blatt, dermaßen betroffen gezeigt, dass er vor dem Bundestag nur noch gestammelt habe: „Das bricht mir das Herz“.

Der „geheime Intellektuellenstab“, den die Zeitung „Christ und Welt“ 1970 hinter den Aktivitäten der „Grünen Aktion“ vermutete, bestand wohl allzu oft nur aus Feilitzsch selbst. „Sie (die „Grüne Aktion“) ist seit Jahren aktiv, wechselt, agil im Plakatangriff, die Fronten, greift überall da ein und an, wo sie alpenländische Natur- und Kulturwerte durch falsch verstandenen Fortschritt bedroht glaubt“, heißt es durchaus respektvoll.

Eine Jazzkantate

Überspitzt könnte man sagen, dass der grün gewirkte Freiherr die Öko-Revolution quasi im Alleingang anstrebte. All dies erledigte er neben seinem Brotberuf als Komponist von Werbespots für Pfanni-Knödel oder die Allianz-Versicherung. Auch der reizende Soundtrack zu Adolf Gondrells legendärem Zeichentrickfilm „Ein Münchner im Himmel“ nach Ludwig Thoma stammt aus seiner Feder. Hier bediente sich Feilitzsch sogar der elektronischen Klänge eines Trautoniums. Wobei sein kämpferischer Aktionismus seine Auftragslage keineswegs verbesserte.

Karl von Feilitzsch war ein kämpferischer Nonkonformist, unangepasst bis an die Grenze der Militanz. Er eckte an, nicht zuletzt in seinen Kompositionen. Mit der „Apokalypse“ nach Texten aus der Offenbarung des Propheten Johannes, an der er viele Jahre immer wieder arbeitete, schuf er ein mehr als zwitterhaftes Werk, ein „Mixtum compositum aus Strawinsky und Bach, Songs und Chorälen, Brecht und Luther“, wie ein Rezensent nach der erfolgreichen szenischen Uraufführung 1951 im Brunnenhoftheater schrieb. Vielleicht sollte man auch noch Kurt Weill und Carl Orff als stilistische Paten dieser eigenwillig-achaischen „Jazzkantate“ nennen, die Feilitzsch als eindringlichen Appell gegen (Atom-)Krieg, Totalitarismus und Umweltzerstörung verstanden wissen wollte.
   
„Apokalypse“ von Karl Feilitzsch mit Instrumentalisten der Klangverwaltung, Herkulessaal, Sonntag 11. November, 18 Uhr, Restkarten zu 55 und 73 Euro an der Abendkasse
 

 

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