Gedenken an Nazi-Opfer Wieder Debatte um Stolpersteine - 32 neue verlegt

Gunter Demnig am Montag bei der Verlegung an der Franziskanerstraße in der Oberen Au. Links der Stolperstein von Anton Braun Foto: Petra Schramek

32 Stolpersteine wurden gestern auf privatem Grund verlegt. Die Initiatoren freuen sich – und Hausbesitzer sagen, sie hätten die Alternativen der Stadt gar nicht bedacht.

 

München - Es sind so viele wie noch nie an einem Tag", sagt Monika Offenberger, von der Münchner Initiative für Stolpersteine, als sie am Montagmorgen vor dem schlichten Wohnhaus an der Franziskanerstraße in der Oberen Au steht. Hier vor einem kleinen Laden, heute als Büro genutzt, wird gerade der erste von 32 neuen Stolpersteinen an diesem Tag verlegt.
Nicht nur in der Au, auch in der Isarvorstadt, Maxvorstadt und in Schwabing wird nun an elf verschiedenen Adressen 32 weiteren Opfern der Nazis gedacht werden. Insgesamt gibt es dann in München 90 Stolpersteine an 28 Adressen.

"Das Schlimmste wäre doch, wenn man gar nichts macht"

In der kleinen Nische vor dem Laden ist es ein Stein für den Chemiker Anton Braun. Er war ein Opfer der sogenannten Krankenmorde der Nazis. Als Student psychisch krank geworden, wurde er 1940 nach Jahren teils brutalster Behandlung bei der sogenannten "Aktion T4" in die Euthanasie-Anstalt Hartheim in Österreich gebracht und dort noch am Tag seiner Ankunft ins Gas geschickt. Er war gerade einmal 30 Jahre alt. Den Eltern sagte man, er sei an einer Sepsis gestorben.

Die Geschichte von Anton Braun

Während der "Erfinder" der Stolpersteine Gunter Demnig mit wenigen Handgriffen den Stein im Boden platziert, erzählt eine Angehörige "Tonis" Geschichte.
Margareta Flygt ist für die Verlegung des Stolpersteins extra aus Malmö, wo die Familie wohnt, angereist. Anton Braun war der Cousin ihrer Mutter. Er wuchs in Haidhausen erst in der Stein- , dann in der Welfenstraße auf, wohnte zuletzt, bevor er in die Anstalt Haar-Eglfing eingewiesen wurde, in der Schornstraße 1. Sein Stolperstein liegt nun nicht vor seiner Tür, sondern ums Eck.

Stolpersteine dürfen nicht auf öffentlichem Grund verlegt werden

Nur hier bietet eine Nische ein Fleckchen Privatgrund. Nach wie vor dürfen Stolpersteine in München nicht auf öffentlichem, sondern nur auf privatem Grund verlegt werden. Nicht alle, aber immer mehr Hausbesitzer, stimmten dennoch einer Verlegung zu, freut sich die Initiative. Auch der Bauverein Haidhausen sei sofort einverstanden gewesen.

Stelen statt Stolpersteine 

Nach jahrelangem Streit und Ringen hatte die Stadt in einem Stadtratsbeschluss bekräftigt: Statt der Stolpersteine soll mit Gedenktafeln oder Stelen vor den Wohnhäusern erinnert werden. Mit mehr Informationen zu den Menschen und ihren Bildern. Das Gedenken soll auf Augenhöhe stattfinden. Im Juli wurden die ersten Tafeln in der Königinstraße angebracht, weitere in Sendling, der Maxvorstadt und Bogenhausen.

Steine am Boden, wo jeder darauf treten kann, das war und ist einer der Hauptkritikpunkte der Stolperstein-Gegner, allen voran der Israelitischen Kultusgemeinde (siehe Text unten). Obwohl München nun eine eigene Form des Gedenkens erarbeitet hat, machen die Stolperstein-Befürworter weiter. Terry Swartzberg, einer der eifrigsten Kämpfer für Stolpersteine, sagt: "Dadurch, dass wir die Stolpersteine so gepusht haben, ist die Stadt überhaupt erst aktiv geworden."

Stele- oder Stolperstein? Hausbesitzer können selbst wählen

Hausbesitzer haben in München nun die Wahl. Stele – oder Stolperstein? "Das haben wir uns im Vorfeld nicht so genau überlegt", sagt Jörg Kosziol vom Bauverein Haidhausen. Die Initiative habe die Genossenschaft angesprochen, "Wir wollten uns da nicht verwehren", sagt er. Ein Problem sieht er nicht, wenn die Angehörigen dafür sind: "Wer soll das besser beurteilen, ob das eine angemessene Form des Gedenkens ist?"

Auch Margareta Flygt sieht kein Problem. Die Gegenargumente kann sie aber verstehen. "Das Schlimmste", sagt sie, "wäre, wenn man vor lauter Streit gar nichts macht". Auch Swartzberg klingt viel versöhnlicher als einst: "Die Zeiten, in denen wir Zwist über die Stolpersteine hatten, ist vorbei. Die Stelen sind wunderbar, mir sagen die Stolpersteine sehr zu."


Hier liegen die neuen Stolpersteine in München

Franziskanerstraße 41: Dr. Anton Braun
Mariahilfstraße 9 und 7; Zeppelinstraße 16: Heinrich Goldstein, Hilda Goldstein, Dora Helbing, Friedrich David Helbing, Ludwig Hamberger, Josephine Hamberger, Isaak Gordin, Maila Gordin, Wolfgang Gordin, Nahum Gordin, Jakob Gordin
Ickstattstraße 13: Gusta Rosner
Waltherstraße 29: Nanette Neuburger, Karl Levi, Lieselotte Hermine Levi, Else Levi
Elisenstraße 3: Jakob Klopfer, Maria Klopfer
Seestraße 8: Max Michels, Alfred Löffler, Ilse Jetti Löffler, Gustav Baldauf, Margarete Baldauf, Annemarie Baldauf, Günther Baldauf
Leopoldstraße 52a: Rosa Bechhöfer, Lotte Bechhöfer, Susi Bechhöfer
Keuslinstraße 4: Sigmund Fleischer, Benno Bing
Türkenstraße 26: Emil Oestreicher


Münchnerin Gabriella Meros kritisiert Stolpersteine: "Das sind genug Fußtritte"

Die Münchnerin Gabriella Meros erklärt, warum viele die Stolpersteine ablehnen.

Meine Mutter fragt immer wieder: Warum verstehen es die anderen nicht, dass uns das verletzt?", sagt Gabriella Meros. Eine Frage, die München seit langem umtreibt. "Was haben die Stolpersteine bisher gebracht?", fragt sie. "Der Antisemitismus steigt."

Meros engagiert sich seit Jahren mit dem Verein "Respect & Remember Europe" gegen Stolpersteine, nicht nur in München, gegen Antisemitismus und leistet Gedenk- und Aufklärungsarbeit über die Shoa, etwa an Schulen oder mit Ausstellungen und Vorträgen.

Stolpersteine werden täglich unbewusst und bewusst geschändet

Mit ihrer Mutter Ruth Meros, einer Shoa-Überlebenden und Münchner Zeitzeugin, ist sie strikte Gegnerin der Stolpersteine. Aus vielen Gründen.

Die Stolpersteine, so erklärt sie, seien für viele eine Verletzung, auch für Nicht-Juden. Durch die ungeschützte Lage am Boden, würden sie geradezu "für Schändungen serviert".

Die Liste, was damit gemeint ist, ist lang: "Man kann darauf steigen und Kippen und Kaugummis gehören zur normalen Dekoration", sagt Meros. "Oder die Leute stellen ihre Mülltonnen darauf. In Wien gibt es Neo-Nazis, die richten ihre Hunde ab, da ihre Haufen drauf zu setzen." Oder die Plätze seien schlecht gewählt: "In der Baumstraße liegen welche mitten in einer Einfahrt, mit Lieferverkehr, der da rein und raus muss. Da soll mir doch keiner sagen, das ist würdig", meint sie. 

"Die Stolpersteine", so Meros’ Fazit, "werden täglich unbewusst geschändet und bewusst geschändet". Sie sind "die Fortsetzung der Opferrolle", sagt sie. "Die Nazis haben die Leute auf dem Fußboden zu Tode getreten. Das sind genug Fußtritte!"

Stolpersteine wecken schmerzhafte Assoziationen

Viele erinnerten die Stolpersteine auch an Grabsteine, so Meros, auch das sei "ein Moment, der verletzt". Die Nazis entwendeten von den jüdischen Friedhöfen die Grabplatten und pflasterten damit die Straßen.

Auch die knappen Angaben auf den Messingplaketten wecken schmerzhafte Assoziationen. Diese Sprache erinnere an die Angaben auf Deportationslisten. "Menschen, die mit solchen Listen in ihrer Familie zu tun hatten, tut das weh."

Kritik an den Stolpersteinbefürwortern

Nicht zuletzt verweist sie auf den Stadtratsbeschluss (siehe Text oben). "Anstatt den zu respektieren, macht man damit einfach weiter", sagt sie. "Der Respekt für die Demokratie hört bei den Stolperstein-Gruppen offenbar bei den Stolpersteinen auf."

Viele, die Stolpersteine befürworten, meint sie, seien schlecht informiert und hinterfragten nicht genug. "Sie denken, es stehen so viele dahinter, die können nicht irren." Dies gelte auch für jüdische Unterstützer, meint sie. "Manche sagen, die Stolpersteine wären besser als nichts, weil sie meinen, es gibt kein anderes Gedenkprojekt, gerade in Israel und den USA. In dem Fall wäre aber kein Stolperstein besser", so Meros.

Sie weiß auch von Fällen, in denen Spender es hinterher bereut hätten, Stolpersteinen zugestimmt oder sie unterstützt zu haben.

Dabei sei die vermeintlich breite Akzeptanz der Stolpersteine gar nicht so groß: "Das Projekt war von Anfang an massiv umstritten", sagt Meros. "Es gibt viele Städte, die keine Stolpersteine haben und auch keine wollen."

Durch die Stolpersteine, so die Kritik würde das Gedenken inflationär. "Das Projekt ist völlig in den Vordergrund gerückt, die Trauer und Leid der Opfer sind in den Hintergrund getreten. Uns ist aber wichtig, dass die Opfer im Vordergrund stehen."

Für Meros und ihre Mitstreiter ist daher eines klar: "Es gibt kein Argument für Stolpersteine, da gibt es für uns keinen Kompromiss."

"Wir wollen in Würde auf Augenhöhe mit Information und Empathie gedenken. Wenn man ein öffentliches Gedenken macht, dann so, dass einem warm ums Herz wird, dass man etwas über den Menschen erfahren kann."

Besonders schlimm für Meros: Tatsächlich werden die Angehörigen oft nicht gefragt: "Für meine Verwandten möchten ich und auch meine Mutter niemals so einen Stolperstein", sagt sie. "Es würde mir bei dem Gedanken schlecht werden."

Respect & Remember Europe e.V., Postfach 440 251, 80751 München

 

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