Flüchtlinge aussperren? Das sagt die Münchner Szene Diebstähle in Clubs: "Auch wir haben diese Problematik"

Bunte Welt mit Schattenseiten: Jetzt sind auch Diskotheken Teil der politischen Diskussion. (Symbolbild) Foto: dpa

Einige Freiburger Diskotheken verwehren Flüchtlingen den Zutritt. Das sorgt für heftige Debatten. Die AZ hat sich in der Münchner Szene umgehört. Ergebnis: Das sensible Thema beschäftigt auch die hiesigen Disco-Besitzer

 

München - In Freiburg stehen Ausländer und Flüchtlinge bei einigen Nachtclubs vor verschlossenen Türen. Grund: angebliche Diebstähle und sexuelle Belästigungen.

Das schreckt Behörden und Politik auf. Doch ist das nur im Breisgau ein Thema? Die AZ hat in der Münchner Clubszene nachgefragt. Dabei hat sich herausgestellt, dass auch Disco-Besitzer der Stadt sich mit Diebstählen und Belästigungen einiger Gäste konfrontiert sehen.

Das „Backstage“ widerspricht Bayerns Innenminister

Davon zu berichten weiß Jenny Bertram, Sprecherin des Clubs „Backstage“ an der Friedenheimer Brücke. „Das ist ein sehr heikles Thema. Wir können nicht sagen, dass nicht auch Bayern und München betroffen sind, wie Innenminister Joachim Herrmann dies bei einer Pressekonferenz behauptet hat. Auch wir haben diese Problematik“, sagt sie der AZ. Vor allem die Diebstähle würden zunehmen. „Gezielt, etwa durch Antanzen, werden Handy und Geldbeutel aus den Taschen gestohlen“, berichtet die Backstage-Sprecherin. Betroffen seien nicht nur Frauen, sondern auch Männer.

Wer hinter den Tätern steckt, darauf will Bertram nicht näher eingehen. Um nicht zum „Spielball rechter Hetze“ zu werden, wie sie sagt. Es handele sich jedoch um dunkelhäutige Männer und keine Stammgäste. Ein Zutrittsverbot für bestimmte Gruppen kommt für das Backstage jedoch nicht in Frage. „Es gibt einfach ein paar negative Ausnahmen. Aber wir können und wollen nicht jedem den Zutritt verwehren“, betont Jenny Bertram.

Wer erwischt wird, der bekommt Hausverbot. Außerdem erhält nur derjenige Zutritt, der sich ausweisen kann – beides jedoch unabhängig von der Nationalität. Migranten, die sich friedlich verhalten, wolle man nicht die Möglichkeit des gemeinsamen Feierns nehmen, stellt Bertram klar.

Von der Polizei fühlt sich das Backstage jedoch „allein gelassen“. „Uns wurde versprochen, dass sich ein Undercover-Polizist die Situation einmal ansieht, aber bislang ist nichts geschehen“, berichtet Bertram. Den Beamten selbst aber macht sie keine Vorwürfe: „Die sind unterbesetzt.“

Ein Sprecher der zuständigen Polizeiinspektion in Neuhausen wollte sich am Montag auf Anfrage der AZ telefonisch dazu nicht äußern.

Der Verband der Kulturveranstalter will darüber diskutieren

Allerdings betrifft das Problem nicht alle Münchner Clubs. Auch beim Backstage seien es nur bestimmte Veranstaltungen.

David Süß, Betreiber des Harry Klein und Vorstand im Verband der Münchner Kulturveranstalter, sieht in seiner Diskothek keinen Anstieg von Diebstählen und sexuellen Belästigungen. „Natürlich passiert sowas immer wieder mal, aber wir haben nicht festgestellt, dass das verstärkt von bestimmten Gruppen ausgeht“, sagt er der AZ. Der Club-Besitzer versichert: „Natürlich sind wird immer vorsichtig. Wenn was passiert, sind unsere Sicherheitsleute da.“

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Dennoch beschäftigt sich auch David Süß mit der Problematik. Im Verband der Münchner Kulturveranstalter werde das Thema demnächst auf den Tisch kommen.

Die Situation in Freiburg und die Reaktionen

Polizeigewerkschaft: „Eine Verzweiflungshandlung“

Zutrittsverbote für Ausländer und vor allem Flüchtlinge in Freiburger Clubs schrecken Politiker und Behörden auf. Der Hintergrund und die Reaktionen im Überblick:

Das ist passiert: Clubbetreiber in Freiburg hatten nach Recherchen der „Badischen Zeitung“ über sexuelle Belästigungen, Diebstähle und Gewalt in ihren Häusern geklagt– und den Zutritt für Migranten begrenzt. Ein Club habe eine Höchstgrenze für einzulassende Ausländer festgesetzt. Ein anderer mache es von der Veranstaltung abhängig, ob Migranten Zutritt haben.

So reagiert die Polizei: Um die angeblichen Diebstähle und Belästigungen auch beweisen zu können, sucht die Polizei nun nach Nachtschwärmern, die Opfer von Straftaten geworden sind.

Das sagen Polizeigewerkschafter: Sie äußern ein gewisses Verständnis, dass Clubbetreiber weder Straftäter noch Polizeieinsätze in ihren Häusern wollen. Wenn die Polizei auftauche, sei der Abend aus Sicht der Discobesucher und Inhaber kaputt, sagt der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Rüdiger Seidenspinner. Zugangsbeschränkungen allein für Migranten seien aber kein Allheilmittel: „So funktioniert Integration nicht.“ Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Ralf Kusterer, spricht von einer „Verzweiflungshandlung“ der Besitzer. Sie nähmen zum Teil viel Geld in die Hand, um zusätzliche Securitys anzustellen, würden der Probleme, unter anderem Diebstähle, aber nicht Herr. Ob die Täter vermehrt Flüchtlinge seien, könne er aber nicht beurteilen.

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Davor warnt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Die aufgeheizte Stimmung nach den Übergriffen auf Frauen in der Köln dürfe kein Freibrief sein, jetzt Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen, betont Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle. „Die ethnische Herkunft darf bei der Türpolitik nie eine Rolle spielen.“

Das erklärt der Disco-Verband: Auch der Bundesverband deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe weist darauf hin, dass Discobetreiber bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht pauschal an der Tür abweisen dürfen.

So reagieren Bürgermeister und Innenminister: Das Innenministerium in Stuttgart warnt Clubbetreiber nun vor übertriebenen Beschränkungen. „Wir alle wissen, pauschale Zutrittsverbote sind diskriminierend und nicht zulässig“, erklärt Innenminister Reinhold Gall (SPD). Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) erneuert seine Forderung nach mehr Polizisten. Gleichzeitig kündigt er einen Runden Tisch unter anderem mit Discoinhabern an.