FC Bayern Dichter Ostermaier: Neue Oden für Bayern-Stars

Schriftsteller, Torhüter, Bayern-Anhänger: Der Münchner Albert Ostermaier. Foto: laif

Zum Bundesligastart veröffentlicht Albert Ostermaier, Schriftsteller und Bayern-Fan, in der AZ neue Oden – an Thomas Müller, Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger

 

Dass seine Bayern alle Finals im Mai verloren haben, hat Albert Ostermaier erst recht angetrieben. Im AZ-Gespräch erklärt der preisgekrönte Dichter, selbst Torwart der Autoren-Nationalmannschaft, warum es Zeit für neue Oden war.

Die neuen Bayern-Oden:

AZ: Herr Ostermaier, jetzt, nachdem im Mai beim FC Bayern alles verloren ging und die Verantwortlichen in Depression zu verfallen schienen, kommen Sie und schreiben Oden an drei Spieler. Keine Abrechnungen, Oden! Was hat Sie geritten?

ALBERT OSTERMAIER: Am Theater und beim Schreiben gilt als eiserne Regel: Kill your darlings. Ich wollte das Gegenteil. Es sind Worte, die nicht auf Gottes Ohr, sondern auf die Füße und Knöchel der Spieler zielen. Ich hoffe, sie wirken mit jeder Zeile wie ein befreites Sprunggelenk im Herzen und im Kopf. Zu jeder Ode gehört Fallhöhe. Sie sind gefallen, als es der Gipfel war, aber jetzt gilt es wieder aufzustehen. Ich will jetzt mit ihnen und auf sie rechnen statt richten, wo andere leichtfertig abrechnen und jenen vorschnellen Strich ziehen, unter dem sie selbst begraben werden. Ich kenne Bayern-Fans, die nach dem 19. Mai nicht mehr ins Stadion gehen wollen, die sich kein Spiel mehr ansehen, weil sie noch immer so verzweifelt sind über die Tragödie gegen den FC Chelsea.

Können Sie da mit Ihren Oden trösten?

Brecht hat es auf den Schmerzpunkt gebracht: Wenn die Wunde sich schließt, schmerzt die Narbe weiter. Insofern ist jede Zeile eine solche Narbe über dem Herzen und auf dem Gras. Es gibt da keinen Trost, Trost ist nur der Tortenguss auf einer unverdaubaren Niederlage. Ich will nicht trösten, eher trotzen beziehungsweise ermutigen: Wer nicht an Euch glaubt, wird am Ende dran glauben!

Ist es nicht verwegen, ausgerechnet eine Ode an Schweinsteiger zu schreiben – jene tragische Figur, die den letzten und somit auch entscheidenden Schuss im Elfmeterschießen gegen Chelsea an den Pfosten gesetzt hat?

Schweinsteiger hat über seine Kräfte gespielt, hat alle roten Linien seines Körpers und Geistes überschritten, er hat sich das Herz aus der Brust gespielt, selbst wenn er statisch wirkte. Und er musste es letztlich annehmen, die tragische Figur zu werden und auch das Scheitern zu verkörpern, wie er vorher alles verkörpert hat, was diese Finale dahoam bedeutet hat. Er hat die Summe der Fehler der anderen dann letztendlich an den Pfosten gesetzt. Wäre es heldenhafter gewesen zu sagen: Ich schieße nicht? Er wäre für mich der Einzige gewesen, der dafür allen Respekt verdient gehabt hätte.

Wer ist Schweinsteiger für Sie, was symbolisiert er? Sie betiteln Ihre Ode ja auch mit „ganymeds game“ – eine Anlehnung an Hölderlins tragischen Helden? Steht Schweinsteiger für die Verzweiflung des Spielers?

Hölderlin ist der große Sänger der Verzweifelten, der Gescheiterten, der Träumer, all jener, die alles versucht, alles gegeben und dabei alles verloren haben. Hölderlin ist die hohe Form – so wie Schweinsteigers Spiel, wenn er nicht abgegrätscht und zusammengetreten wird. Ganymed ist der, der aus der Erde kommt, der den Boden unter den Füßen spürt, selbst wenn er abhebt. Schweinsteiger ist ein echter Bayer und solche Bayern haben den FCB zu dem gemacht, was er heute ist.

Ist Schweinsteiger am Ende ein Unbeholfener, der in Depression versinkt, oder doch der Unsterbliche?

Ich liebe Helden nur, wenn sie verwundbar sind. Verwundbar durch Liebe, durch Angst, Zweifel, wenn sie menschlich bleiben durch ihre Schwäche. Wenn sich das Titan um Kahn geschlossen hätte, wäre er in der glänzenden Haut erstickt. So ist er ein noch viel größerer Held, weil er seinen Niederlagen ins Auge geschaut hat. Er hat ihnen die Stirn, aber die Wunden gezeigt, die sie geschlagen haben. Ähnliches erwarte ich mir auch bei Schweinsteiger. Er ist mehr als nur ein Spieler, er ist im Schillerschen Sinne ein Mensch, der erst dann ganz Mensch ist, wenn er spielt.

Zur nächsten Ode – an Thomas Müller. Im Champions-League-Finale wurde er nach seinem Treffer womöglich zu früh ausgewechselt. Auch so eine tragische Figur?

Die Auswechslung war die Höchststrafe. Was muss er empfunden haben, als er das alles mitansehen musste? Wollte man die Qualen in der Hölle beschreiben: das wären sie. Müller ist die pure Anarchie und damit das Beste, was wir Bayern zu bieten haben. Einen wie Thomas Müller darf man nicht unter- und kann man nicht überschätzen, man muss ihn als den schätzen, der er ist und der er nicht ist. Er kennt alle Laufwege des Glücks und dann läuft er doch quer oder verdribbelt sich. Solange es Fußballer wie Thomas Müller gibt, glaub’ ich noch an den Fußball. Da hatte der irre Holländer recht: Er muss immer spielen. Denn dann wird er immer besser spielen und am Ende alle an die Wand. Valentin, Sepp Maier, Thomas Müller, das ist ein magisches Dreieck.

Und dann noch Ihre Ode an Manuel Neuer. Sie haben einst ja schon eine „Ode an Oliver Kahn“ verfasst. Warum ist Neuer für Sie jetzt schon soweit, Kahns legitimer Nachfolger zu sein? Obwohl er noch nichts gewonnen hat?

Es geht doch nicht nur um das Blech und die Staubfänger, die in Vitrinen sich gegenseitig von ihren verbeulten Heldentaten erzählen. Kahn ist Kahn und als Kahn unerreichbar. Aber Neuer ist Neuer und kann nur alles erreichen, was man erreichen kann. Er ist nicht mit Kahn vergleichbar, weil beide unvergleichbar sind. Neuers Torwartspiel ist einzigartig, seine energiegeladene Ruhe, sein spektakuläres Stellungsspiel, sein Auge für das, was kommt, die Choreographie seiner Reflexe, seine Katapultabwürfe in den Lauf, auf den Fuß, seine Lust auf das Risiko, seine psychologische Intelligenz und all das, was man nicht sieht, wenn man nicht Torwart ist. Er ist der einzige Torwart der Welt, der mit einem Lächeln Angst machen kann. Und er ist so sympathisch, dass man es erst einmal übers Herz bringen muss, gegen ihn ein Tor zu machen.

Nach Handkes „Angst des Torwarts vorm Elfmeter“ nun also Ostermaiers „Liebe des Torwarts zum Elfmeter“. Sie sind ja selbst auch Torwart der Autorennationalmannschaft. Spüren Sie diese Leidenschaft, den entscheidenden Elfmeter zu parieren? Empfinden Sie selbst dafür Liebe (und nicht Versagensangst), wie spüren Sie dies bei Neuer?

Ich liebe nichts als Torwart so sehr wie Elfmeterschießen. Das ist die einzige Chance, als Torwart der Held zu werden, wenn er hält, gerade dort, wo er eigentlich keine Chance hat. Das Elfmeterschießen gegen Madrid war wie ein Western von John Ford, Mann gegen Mann. Und dann preisen sie alle bei der EM den gechippten Elfer von Pirlo. Ich finde das nichts als feige und verachtungswürdig, zutiefst unsportlich. Die einzige Chance des Torwarts ist es, eine Ecke auszuwählen. Er kann versuchen, den Schützen zu manipulieren, ihn aus der Konzentration zu bringen, ihn zu verunsichern, ihm eine Ecke unterzujubeln durch eine beiläufige Bewegung. Aber wenn der Schütze präzise und halbhoch schießt, gibt es bei aller Kunst nichts zu halten. Wenn einer dann in die Mitte schießt, ist er für mich nicht cool, sondern charakterlos. Und wenn einer wie Robben bei dieser Ausgangslage ohne den Torwart anzuschauen, und noch bevor er gesprungen ist, in eine Ecke schiebt statt schießt, dann ist das nicht tragisch, sondern die pure Überheblichkeit oder Arroganz.

Zuletzt eine Frage nach denen, die Ihnen keine Ode wert waren. Nehmen wir Ribéry, den verwegenen Künstler. Oder Robben, die des Egoismus bezichtigte Reizfigur. Oder Tymoshchuk, der beim Elfmeter-Drama gegen Chelsea davongelaufen ist. Was fehlt diesen Dreien zur Ode?

Mancher hätte keine Ode, sondern ein Spottgedicht verdient. Bei Kroos müsste man selbst das nicht extra schreiben, sondern nur die Zeilen seiner unfassbaren Interviews umbrechen. Ribéry bin ich noch eine Ode schuldig, auf jeden Fall. Von Tymoshchuk, den ich immer verteidigt habe gegen alle, bin ich so enttäuscht, dass mir nicht einmal ein Trauergedicht einfallen würde. Zu Robben würde mehr als eine Ode ein Stabreim passen, jede Zeile müsste mit ,ich’ beginnen und mit ,ich’ enden. Aber die letzte Zeile würde sinngemäß heißen: Ich habe spektakuläre Tore zum Champions-League-Sieg 2013 geschossen, wer, ihr eitlen Spötter, hätte das gekonnt, wenn nicht ich?

Die neuen FC Bayern -Oden von Ostermeier an: Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller und Manuel Neuer

 

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