Exklusives AZ-Interview Daniel Bierofka: "Abschied vom TSV 1860? Ich muss das alles aufarbeiten"

Trainer des TSV 1860: Daniel Bierofka Foto: sampics/Augenklick

Daniel Bierofka spricht exklusiv in der AZ über seine Gefühlslage nach dem verordneten Sparkurs und seine Zukunft beim TSV 1860. "Ich muss das Gefühl haben, dass wir hier - zusammen - etwas erreichen können", sagt er.

 

München - Daniel Bierofka spielte von 2000 bis 2002 und von 2007 bis 2014 für den TSV 1860. Seit 2017 ist der ehemalige Nationalspieler Cheftrainer der Profis.

AZ: Herr Bierofka, Hand aufs Löwenherz, wie viele Stunden seit Saisonende haben Sie sich nicht mit 1860 beschäftigt?
DANIEL BIEROFKA: Vier, fünf Stunden Sechzig am Tag kommen trotz Urlaub schon immer zusammen. Ich versuche aber, in Ruhe zu reflektieren: Was war gut? Was schlecht? Wie war die Transferpolitik? Wie ist der Status Quo? Ich muss mich auch um meine Familie kümmern. Ich bin 15 Jahre mit meiner Frau verheiratet. Das letzte Jahr haben wir gestrichen, weil ich fast nie da war – eigentlich sind es nur 14. Ein paar mehr wären nicht schlecht. (lacht)

Was bleibt hängen von der Saison, in der Sie die Doppelbelastung Trainer und Fußballlehrer-Ausbildung stemmen mussten – mit dem Resultat Platz zwölf und Note 1,3?
Es war für mich und meine Familie eine extreme Zeit. Ich war so oft im Hotel und in Hennef. Und zu den Löwen: Ich gehe immer von Zielen aus. Als ich die Mannschaft das erste Mal übernommen habe (2015/16, d. Red.), war das Ziel der Klassenerhalt. Das haben wir erreicht. Nach dem Totalzusammenbruch ein Jahr später wollten wir 1860 in zwei Jahren in die Dritte Liga führen.

Daniel Bierofka zum Einbruch: "Die Jungs wollten, aber..."

Das war in einem Jahr geschafft.
Jetzt war das Ziel, uns zu stabilisieren, nebenbei den Trainerschein zu schaffen. Ich hätte den Klassenerhalt gerne früher fixiert. Leider kam dann dieser Einbruch.

War die Unruhe im Verein da so groß, dass das Binnenverhältnis im Team gestört war?
Ich fange immer bei mir selbst an und werde reflektieren, warum das alles so kam. Aber die Tatsache, dass es für viele Spieler im Verein keine Zukunft gab, hat man gespürt. Das Wichtigste war für mich, den Jungs nichts vom Pferd zu erzählen. Es war ein Risiko, aber ich wollte ihnen in die Augen schauen können. Die Jungs wollten, aber unterbewusst fehlen dann diese vier, fünf Prozent. Ich habe versucht, von außen einzuwirken, aber ein Spieler braucht immer seine eigene, intrinsische Motivation. Manchmal habe ich mit dem Mannschaftsrat gesprochen und einzelnen Spielern erklärt: "Ich weiß, es ist nicht leicht, aber noch habt ihr Vertrag, haut nochmal alles raus!"

Wie schlimm war es, Spieler wegschicken zu müssen?
Als Trainer weißt du, dass es immer Trennungen geben wird. Aber wenn du nicht einmal mehr die Entscheidungsgewalt darüber hast, wen du wegschicken musst, wird es schwierig. Wenn ich einen Christian Köppel, Nono Koussou oder viele andere sehe, wie die das zu Ende geführt haben: Das war absolut respektabel. Köppi war viereinhalb Jahre mein Spieler. Er hat es kürzlich ganz nett ausgedrückt: Er musste mich viereinhalb Jahre lang ertragen. Dann habe ich gesagt: "Ich ihn auch." Wenn man all diese Jungs ein letztes Mal umarmt, tut das sehr weh.

Bierofka über 1860: "Das Virus wird mich nie loslassen"

Letzte Woche haben Sie erklärt, selbst über einen Abschied nachzudenken.
Ich will mir jetzt die Zeit nehmen, um alles analytisch und ohne Emotionen aufzuarbeiten. Dafür brauchst du ein, zwei Wochen. Du musst zur Ruhe kommen. Unter der Saison hast du Dauerstress. Jetzt kann ich mir überlegen: Was hast du für Möglichkeiten? Welche Perspektive hast du hier? Ich brauche Zeit, das Ganze sacken zu lassen.

Den Spruch "Einmal Löwe, immer Löwe" würden Sie momentan nicht unterschreiben?
Ich unterschreibe ihn dahingehend, dass ich im Herzen immer ein Löwe bleiben werde. Mein Opa war hier Mitglied. Mein Vater hat seine Fußspuren hier hinterlassen. Ich bin schon lange dabei. Nächstes Jahr wären es 15 Jahre. Meine Kleine rennt dauernd mit dem Sechzger-Trikot durch das Haus.

"Immer Löwe" gilt aber nicht unbedingt aus Ihrer Warte für den Trainerjob?
Dasselbe könnte man den Verein ja auch fragen. Ich habe es schon öfter gesagt: Ich sehe mich als temporäre Person, die hier versucht, mit maximaler Energie das Bestmögliche für den Verein herauszuholen. Werner Lorant hat das in seiner Zeit geschafft, aber der ist nach zehn Jahren auch entlassen worden. Ich gehe mal davon aus, dass ich in 20 Jahren nicht mehr hier sitzen werde. Trotzdem wird mich das Virus nie loslassen. Einfach wegen dem, was Sechzig auszeichnet. Wenn man sieht, was in der Regionalliga los war. Andere Vereine wären tot gewesen. Sechzig ist wieder aufgestanden.

Bierofka über seine Zukunft: "Dann muss ich mir Gedanken machen"

Angenommen, Sie wären "nur" ein Trainer ohne diese immense Verbundenheit – wären Sie längst weg?
Schwierige Frage, denn ich bin ja am Kämpfen. Ich kämpfe jeden Tag dafür, dass man vielleicht noch die Weichen stellen kann. Mit Günther Gorenzel und Michael Scharold zusammen. Wir kämpfen jeden Tag, dass wir nächstes Jahr einen Kader auf die Beine stellen können, mit dem wir eine gute Wahrscheinlichkeit haben, in der Liga bleiben zu können. Darum geht es nächstes Jahr. Ob sich das ein anderer Trainer antun würde, kann ich nicht beantworten.

Betrachtet man die Machtkämpfe zwischen dem e.V. und Hasan Ismaik: Fühlt sich an wie zwischen Hammer und Amboss gefangen, oder?
Das gehört bei Sechzig dazu. Ich möchte betonen: Ich bin absolut neutral. Es wird immer versucht, mich in eine Ecke zu drängen. Dadurch, dass ich so verwurzelt bin und momentan ein etwas anderes Standing habe als ein externer Trainer, versuche ich, meinen Einfluss in die Waagschale zu schmeißen. Nicht in den Urlaub zu fahren und zu sagen: Schaun ma mal, was die Leute aufs Parkett zaubern. Vor zwei Jahren habe ich die Verantwortung übernommen, jetzt sehe ich mich in der Pflicht.

Was sagen Sie zur Verschärfung des Lagerdenkens? Da wird auch an teils unsachlicher Kritik an Ihnen nicht gespart.
Am ersten Tag, an dem ich hier angefangen habe, habe ich gesagt: Entscheidend ist, dass man die Vergangenheit ruhen lässt. Mein Appell, dass alle aufwachen müssen, war nicht nur an den e. V. oder das Präsidium gerichtet – das war an alle gerichtet! Es ist eine Situation eingetreten, in der ich das Gefühl hatte: Jetzt musst du was sagen. Dass das von manchen Leuten in die eine oder andere Richtung ausgelegt wird, kann ich nicht verhindern. Ich lasse mich kritisieren, alles okay. Wenn es ins Persönliche geht, wird es schwierig.

Das Verhältnis zwischen Ihnen und Präsident Reisinger gilt als angespannt.
Es geht nicht um Reisinger und mich. Ich gehe immer vom Guten im Menschen aus und denke mir: Er versucht, aus seiner Sicht das Beste für 1860 zu tun. Ich versuche dasselbe. Dass man ab und zu anderer Meinung ist, das ist das Normalste auf der Welt. Für mich geht es darum, Lösungen zu finden, mit denen Sechzig perspektivisch in die Zukunft gehen kann. Wenn ich das Gefühl habe, es ist nicht mehr gewollt, dass ich kämpfe, oder es selbst als sinnlos erachte, muss ich mir meine Gedanken machen.

Bierofka "will niemandem vorschreiben, wie der Verein zu führen ist"

Die Front zwischen Vereinsbossen und Ismaik ist extrem verhärtet. Wäre nicht mal eine "Mannschaftssitzung" aller Beteiligter angebracht?
Wäre definitiv eine Möglichkeit, das ins Auge zu fassen. So, wie ich es bei meiner Mannschaft mache: Ihnen die Wahrheit sagen, dann geht man auch mal auf Konfrontation. So gibt es Reibung, die erzeugt Energie – vielleicht kommt etwas dabei heraus. Ich will aber niemandem vorschreiben, wie der Verein zu führen ist und gehe davon aus, dass die Gesellschafter im Austausch sind.

Aufsichtsrats-Boss Saki Stimoniaris, der Sechzigs Leistungsträgern quasi eine Jobgarantie ausgesprochen hat, soll sich mit der Sportlichen Leitung getroffen haben.
Das ist intern. Aber es gibt mehrere Anhaltspunkte, wo man an der ein oder anderen Schraube drehen kann. Ob das zustande kommt, wird man sehen. Ich habe gemerkt, dass viele Leute versuchen, noch etwas Gutes zu arrangieren für den Verein. Darauf hoffe ich noch.

Stadionsprecher Stefan Schneider hat gesagt: "Andere gehen zur Domina, ich gehe zu Sechzig." A bisserl fühlt es sich für Sie so an, oder?
Ja, aber das macht die Arbeit hier so interessant: Ich habe mal zum Spaß zu meinen Co-Trainern Oli Beer und Franz Hübl gesagt: "Wenn wir mal woanders arbeiten, da wäre es ja langweilig, da passiert ja nichts." Bei Sechzig ist immer was los – mal positiv, mal in die andere Richtung. Trotzdem: Ich gehe jeden Tag gerne her. Naja, ein, zwei Mal vielleicht nicht. (lacht)

Bierofka: "Man kann den Spielern nicht die Pistole an den Kopf halten"

Stichwort Ambitionen: Die müssen Sie herunterschrauben – von Aufstiegshoffnungen zum Klassenerhalt.
Alles war auf ein anderes Budget ausgelegt. Der Plan war: Wir wollten die Spieler, die sich in der Regionalliga lang den Arsch aufgerissen haben, nicht mit einem "Dankeschön und auf Wiedersehen" wegschicken. Wir wollten sehen, wer das Zeug dazu hat, Dritte Liga zu spielen. Danach wollten wir den Kader reduzieren, qualitativ verstärken. Den Kurs jetzt zu ändern, ist extrem schwer. Man kann den Spielern nicht die Pistole an den Kopf halten.

Was braucht Bierofka, um längerfristig bei Sechzig wirken zu können?
Ich muss Spaß an der Arbeit haben und sagen: "Okay, hier kann ich etwas bewegen." Ich will den Verein dahin führen, wo er hingehört. Ich mache auch Fehler, klar. Aber ich muss das Gefühl haben, dass wir hier – zusammen – etwas erreichen können.

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