Ex-Torhüter im AZ-Interview Jens Lehmann: „Neuer wird Kapitän, wenn...“

„Er war der mit Abstand beste Torwart der WM“, sagt Lehmann über Bayern-Keeper Manuel Neuer. Foto: Rauchensteiner/Augenklick

Im AZ-Interview spricht Jens Lehmann über die Nachfolge von Philipp Lahm in der Nationalelf, das Duell des FC Bayern gegen Schalke und die Chancen des Guardiola-Teams in der Champions League.

 

AZ: Herr Lehmann, am Samstag empfängt Schalke den FC Bayern. Hat Ihr Ex-Verein wirklich eine Chance?

JENS LEHMANN: Zu Hause können sie die Bayern ärgern. Bei Schalke ist es immer schwierig einzuschätzen: Wenn man denkt, sie werden kommen, dann enttäuschen sie. Wenn man denkt, sie sind weg vom Fenster, kommen sie wie Phönix aus der Asche. Wolfsburg hat ja trotz der Niederlage die Erfahrung gemacht, dass es eigentlich ein guter Zeitpunkt ist, gegen Bayern zu spielen. Weil sie durch Verletzungen und die späte Rückkehr der WM-Spieler noch nicht so gefestigt sind. Jetzt hat man größere Chancen, sie zu schlagen als in drei Monaten.

Was muss passieren, dass Bayern nicht Meister wird?

Es führt kein Weg dran vorbei. Gibt’s was zu kritisieren bei Bayern? Nein, gibt’s nicht. Sie haben die besten Spieler, jetzt sogar Xabi Alonso. Selbst der Ersatztorwart ist ein Kracher.

Pep Guardiola wollte Pepe Reina als zweiten Torwart.

Ich habe Pepe vor drei Wochen getroffen. Er war bei Liverpool unter Vertrag, an Neapel ausgeliehen. Dass er nun bei Bayern aufkreuzt, hätte ich nicht gedacht. Er saß zwischen allen Stühlen und hat sich mit Bayern den ausgesucht, der für ihn am besten war.

Kann Reina das zufriedenstellen: Ersatztorwart hinter dem besten Keeper der Welt?

Pepe hat in der Premier League hervorragend gespielt. Er kann schon Druck auf Neuer machen. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Konkurrenz macht einen besser.
 

Guardiola strebt den Champions-League-Pott an.

Sie wollen diesen Titel mit aller Macht. Die Konkurrenz ist nicht besser geworden. Real Madrid hat nicht so gut eingekauft.
 

Wie bitte? Die haben doch immerhin Toni Kroos und James Rodriguez geholt.

Kroos ist gut, aber sie haben seit letztem Jahr keinen Özil mehr, keinen Alonso, auch Di María ist nun weg. Ich weiß nicht, ob Kroos den Unterschied ausmachen kann. Bayern hat eine Riesen-Chance, den Titel zu gewinnen.


Cristiano Ronaldo wurde als Europas Fußballer des Jahres ausgezeichnet. Hätte es nicht Bayern-Torhüter Manuel Neuer viel eher verdient gehabt?

Manuel ist mit Abstand der beste Torwart der WM gewesen. Und er hätte die Auszeichnung wohl auch gewonnen, wenn er im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Real Madrid ein Wahnsinnsspiel gemacht hätte. So aber kam Bayern nicht ins Endspiel, kassierte in zwei Partien fünf Tore. Wenn man die WM in die Bewertung miteinfließen lässt, hätte man auch Müller oder Schweinsteiger zum Fußballer Europas wählen können.


Sie sind ab September, wenn RTL die EM-Qualifikationsspiele überträgt, Experte. Wer sollte nach dem Rücktritt von Lahm DFB-Kapitän werden?

Ihn langfristig zu ersetzen, wird schwierig. Für einen Kapitän hat er als defensiver Mittelfeldspieler auch auf der idealen Position gespielt. Eigentlich muss man ihm sagen: Der Rücktritt kam zu früh. Das hat mich auch überrascht.

Bleiben also Khedira und Schweinsteiger als Nachfolger.

Es ist nicht optimal, dass Schweinsteiger so oft verletzt ist. Bei Khedira nicht, dass man nicht weiß, wo er künftig wie häufig spielt. Hummels war verlässlich, Neuer spielt fast immer. Aber ein Torhüter sollte nur Kapitän sein, wenn es keinen anderen gibt. Aufgrund der Position ist der Einfluss auf dem Platz nicht so groß.

Wie beurteilen Sie Mehmet Scholl und Oliver Kahn, die TV-Experten von ARD und ZDF?

Die Menschen ändern sich nicht, jeder behält seine Art. Oliver hat keinen Spieler persönlich angegangen, Mehmet ist da vorsichtiger geworden.
 

2012 bei der EM hat er über noch Mario Gomez gesagt, der habe sich „wund gelegen“.

Das wäre schlecht, wenn mir so etwas passieren sollte. In so einem Fall hätte ich wohl danach schnell zum Telefon gegriffen. Ich versuche, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, aber man sollte nie persönlich werden. Polemik braucht niemand. Ich muss mich nicht auf Kosten anderer profilieren.
 

 

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