EU-Wahl Martin Schulz - Der Kämpfer

Der Sozialdemokrat kennt die Höhen und die Tiefen privat und politisch - Jetzt will der gelernte Buchhändler aus Würselen bei Aachen das höchte politische Am in Europa

 

Brüssel – "Viel Feind , viel Ehr" eine typische Martin-Schulz -Reaktion war das, als die CSU ihn als "Geschäftsführer der Schlepper-Banden" diffamierte.Der Sozialdemokrat ist es gewohnt, beleidigt zu werden. Legendär ist sein Scharmützel mit Silvio Berlusconi. Aber Schulz kann kämpfen. Kann er auch gewinnen?

Martin Schulz (58) ist ein Europabegeisterter. Für den gelernten Buchhändler aus Würselen im Dreiländereck bei Aachen lagen die Grenzen immer direkt vor der Haustür – für ihn ist das grenzenlose Europa von heute nicht Selbstverständlichkeit, sondern politische Arbeit.

Der Weg des Martin Schuilz war nie einfach. Er wollte mal Profi-Fußballer werden. Sein Knie spielte nicht mit, seine Verletzungspech bekämpfte er mit Alkohol. Es  folgte der totale Absturz, Job-Verlust.  Zwangsräumung der Wohnung drohte, als er 1980 seinen Bruder anrief. Der war Krankenhausarzt und hatte gesagt: "Melde dich nur, wenn du bereit bist, mit dem Trinken aufzuhören".  Das tat Schulz. Bis heute rührt er keinen Tropfen an, und machte Karriere.

Seit 1994 gehört er dem Europaparlament an. Über die Jahre hinweg hat der Sozialdemokrat sich einen Ruf als wortgewaltiger Lautsprecher erworben – schnell im Denken, schneidend im Reden, gelegentlich verletzend in Mimik und Gestik.

Berühmtestes Opfer war 2003 Silvio Berlusconi. Dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten hatte Schulz 2003 dessen Demokratieverständnis vorgehalten. Und die Ansicht von Berlusconis Koalitionspartner von der Lega Nord, man müsse mit Kanonen auf Flüchtlingsschiffe schießen, hatte Schulz als "mit den Grundwerten Europas  nicht vereinbar" bezeichnet. Berlusconi platzte darauf der Kragen: "In Italien wird gerade ein Film über Konzentrationslager gedreht, ich schlage Sie für die Rolle des Capo vor". Es war einer der größten Eklats in der Geschichte des Parlaments, und Schulz war mit einem Mal berühmt.

 Er rangiert rhetorisch in einer Liga mit dem deutsch-französischen Grünen Daniel Cohn-Bendit, dem Wortführer der Pariser Revolte von 1968. Seit er Anfang 2012 Präsident des Europaparlaments wurde, häutete sich Schulz zum Staatsmann – oft überparteilich agierend. Dass er als amtierender EU-Parlamentspräsident den Wahlkampf bestreiten kann, verdankt er den Christdemokraten, die nichts dabei fanden, als er eine Änderung des turnusmäßigen Wechsels im Präsidentenamt vorschlug.

Taktieren und finassieren lernte er im Parlament, das Aushandeln von Kompromissen ohnehin. Schon kurz nach seiner Wahl zum Parlamentspräsidenten traten er und Kommissionspräsident José Manuel Barroso, den er zuvor im Parlament recht eindeutig als überfordert verhöhnt hatte, wie ziemlich beste Freunde vor die verblüfften Journalisten. Auch seine TV-Runde mit Jean-Claude Juncker, seinem konservativen Gegenpart, war kaum Duell zu nennen. Ob Ukraine ob Freihandel, ob Bankenkrise: die Unterschiede zwischen den Kandidaten sind marginal.

Selbst  zu EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, mit dem ihn außer der Liebe zu Büchern sonst nicht viel verbindet, stellte der Pragmatiker gute Arbeitsbeziehungen her. Die sozialdemokratischen Überzeugungen sind dennoch geblieben. Schulz tritt als vielsprachiger Kämpfer gegen Mauschelei der Mächtigen und Regierenden an, als Kämpfer für mehr Arbeitsplätze und mehr Wohlstand - vor allem bei den ärmeren EU-Bürgern. Kleinere und mittlere Unternehmen müssten besseren Zugang zu Krediten bekommen, um wieder investieren zu können. Die Spekulanten und das Bankensystem, verantwortlich für die Finanzkrise, müssten nun auch für deren Folgen zahlen. Die EU müsse ihre Standards – was Produkte angehe, aber auch hinsichtlich des Datenschutzes – gegenüber den USA verteidigen: „Wir dürfen vor den Amerikanern nicht auf den Knien liegen.“

 

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