Erinnerung an Umweltschutz Langer Kampf: Wie Münchner ihre Isar retteten

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Flusslauf der Isar in der Innenstadt schon nichts mehr mit dem natürlichen Verlauf zu tun: eine Postkarte der Lukaskirche von 1910. Foto: Stadtarchiv

AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz wohnt seit 1941 am Ufer. Hier erinnert er an den langen Kampf der Münchner um ihren Fluss – der immer wieder nötig wurde.

 

München - Wenn die Isar heute – nicht nur in der Touristikwerbung – als einer der schönsten Flüsse Europas gerühmt wird, dann ist das, historisch gesehen, einer Gruppe von Stadtbürgern zu verdanken, die im Februar 1902 im Künstlerhaus den "Isartalverein" gegründet haben.

Die erste große Umweltschutzbewegung Bayerns kam zur rechten Zeit. Seit Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr das Landschaftsbild starke Veränderung durch Wasserkraftanlagen, Stauwehre und Werkskanäle. Obendrein überwucherten hochherrschaftliche Villen immer mehr Ufergrundstücke.

Münchner kaufen Flussgrundstücke – um sie nicht zu bebauen

Dem schönen Bett der vielbesungenen "Alpenkönigin" drohte Gefahr. An dem damaligen Bauboom maßgeblich beteiligt war der Stararchitekt Gabriel von Seidl. Ausgerechnet dieser vielbeschäftigte Landhausbauer – in München entstand in Isarnähe gerade das von ihm entworfene Altersheim Vincentinum – war der eifrigste Initiator einer Schutztruppe, die Grundstücke ankaufte, um sie vor der Bebauung zu retten. Heute besitzt der Isartalverein etwa hundert Hektar wertvollen Bodens zwischen Landeshauptstadt und Landesgrenze.

Ein aktuelles Anliegen ist ihm die Sorge um eine naturschonende Naherholung, die auch das freie Baden in der Isar betrifft. Die Mitglieder (Jahresbeitrag nur sechs Euro) und die Sponsoren betreuen heute Spazier- und Wanderwege mit einer Länge von 300 Kilometern und mit über 400 Schildern.

1953: "Volksaufstand im Isartal"

Sie veranstalten Führungen auf Lehr- und Erlebnispfaden oder zu bestimmten Projekten, sie kümmern sich um Pflanzen und Tiere, um Wälder und Weiden, sie stellen Ruhebänke auf und schneiden Aussichtspunkte frei. Ein "virtuelles Isar-Museum" bietet eine Zeitreise in die Isarlandschaft. 2020 soll ein Wanderführer übers Gebiet von Wolfratshausen bis zum Sylvensteinsee erscheinen.

In der Zeit des Wirtschaftswunders fraßen sich auch noch Industrien, Autobahnen, Erholungszentren für Manager, Villen und Hochhäuser in die Flussauen. Irgendwann kam es soweit, dass jede fünfte Wohnung in den Anliegergemeinden als Zweitwohnsitz ausgewiesen war. Schon sehr früh, im Januar 1953, gab es einen regelrechten "Volksaufstand im Isartal". Unter diesem Titel schrieb ich einen Zeitungsbericht.

"Dieter Borsche möchte seine Villa am liebsten zu einer Trutzburg gegen die Münchner Straßenbauer machen", hieß es darin. "Hände weg vom Isartal!" – mit dieser Forderung ist sich der Filmstar mit den Bauern, Grundbesitzern und anderen Interessenten im südlichen Vorland von München einig.

1974 bildet sich die "Notgemeinschaft rettet die Isar jetzt"

Rings um Wolfratshausen flammt der Protest auf gegen die staatlichen Autobahn-Pläne. Sie sind vor allem als Entlastung der sogenannten Olympiastraße zwischen München und Garmisch-Partenkirchen und zugleich als Ausgangspunkt einer neuen Autobahn nach Lindau gedacht. Es wurde bekannt, dass für dieses Projekt private Grundstücke abgeholzt und Äcker planiert werden sollen, während der Freistaat offenbar nicht bereit ist, eigenen Wald für das breite Betonband zur Verfügung zu stellen.

Im vorolympischen Jahr 1971 ging der SPD-Landtagsabgeordnete Georg Kronawitter auf die Barrikaden: "Findige Makler, finanzstarke Einzelinteressenten und mächtige Finanzgesellschaften reißen sich gierig Stück für Stück unter den Nagel." Im Juli 1974 – Kronawitter war inzwischen zum Münchner Oberbürgermeister gewählt – schienen all die Alarmrufe, Gutachten und Pläne endlich greifbare Früchte zu bringen. Im gleichen Jahr 1974 bildet sich eine "Notgemeinschaft rettet die Isar jetzt". Sie will, dass die früheren Ableitungen von Gewässern aus der oberen Isar dauerhaft auf ein ökologisch verträgliches Maß reduziert werden. Außerdem klärt ein Verein "Deine Isar" die Badenden durch Postkarten über naturverträgliches Verhalten am Kiesstrand auf und führt Schulklassen zu problematischen Uferzonen.

Zehntausende demonstrieren für eine "freie Isar"

Um die "sterbende Flusslandschaft"– so der Bund Naturschutz – zu retten und sie dem wachsenden Erholungsbedarf zu öffnen, hatte eine Gruppe von Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit Stadt, Staat und Isartalverein ein Projekt entwickelt, das eine breite natürliche Parkzone zwischen Bad Tölz und dem Münchner Vorort Grünwald vorsieht. Darin könnten 30.000 Menschen zugleich Erholung finden, ohne dass die Umwelt gestört würde, hieß es damals. In dieser "bayerischen Serengeti" sollen touristische Strukturen behutsam aufgebaut werden: Campingplätze, Badeseen, Kiesstrände, Spiel- und Sportplätze, Gaststätten, Begegnungszentren, Wanderwege, Naturlehrpfade, Liegewiesen und ein Platz für Nudisten, dazu Großparkplätze nahe der ausgewiesenen Gemeinden.

Auch im städtischen Bereich sollte "die Reißende" nach Worten des Umweltbeauftragten Theo Fischer "aus ihrer Zwangsjacke befreit" werden. Zehntausende demonstrierten an Wochenenden für eine "freie Isar".

Im Juni 1989 erschien eine Machbarkeitsstudie, auf die sich ein Bündnis von Stadt- und Landesregierung stützen konnte. So geschah es, dass Mauern und Befestigungen fielen. Künstliche Strände wurden aufgeschüttet, Uferstreifen begrünt und durch Wanderpfade vernetzt.

Einzigartiger Freizeit- und Erlebnisraum mitten in München

Zeitweise erwog man sogar, die innerstädtischen Wehre und Kleinkraftwerke in Biergärten oder Kaffeeterrassen zu verwandeln. Doch auch die jüngsten Bemühungen einer Großbrauerei, ein altes Kraftwerk in den Maximiliansanlagen gastronomisch aufzuhübschen, scheinen an anhaltendem Widerstand der Münchner zu scheitern. Nicht zum Tragen gekommen war schon der Plan, die Kaskaden an der Maximiliansbrücke als Kanu-Slalom-Strecke für die Olympischen Spiele 1972 auszubauen.

Im Februar 2000 beschloss der Stadtrat den ganz großen "Isarplan", der inzwischen bis zum Deutschen Museum hin realisiert wurde. Eine wichtige Voraussetzung war die Öffnung der Schleuse von Großhesselohe, wodurch die Mindestwassermenge der Isar deutlich erhöht und dadurch eine gewisse, unverzichtbare Energiegewinnung gesichert wurde. Seit Bau des Sylvenstein-Stausees war nämlich der Gebirgsfluss oft und vielerorts nur noch ein Rinnsal. Inzwischen ist mitten in der Millionenstadt ein neuer, in Europa einzigartiger Freizeit- und Erlebnisraum entstanden.

Der Plan: Acht Spuren Autobahn an der Isar – mitten in der Stadt

Mitten in München war der Fluss aber noch ganz anderen Bedrohungen ausgesetzt. Eine Stadtautobahn namens "Isar-Parallele" sollte von der Wittelsbacherbrücke bis zur Kennedybrücke trassiert werden, fünf Kilometer lang und bis zu 40 Meter breit, kreuzungsfrei und sechs- bis achtspurig. Geplant waren zudem gewaltige Tunnelrampen an allen Brücken sowie der brutale Abriss alter Bau- und Baumsubstanz, womit an der Ifflandstraße, dem nördlichen Teil der Asphaltbahn, auch begonnen wurde. Von Lärmschutz in den noch nicht ausgebauten Uferstraßen war keine Rede, von Kosten nur vage. Oberbürgermeister Erich Kiesl (CSU) und sein Stadtbaurat Uli Zech (SPD) standen voll hinter diesem "alternativlosen Muster für fließenden Verkehr".

Schnell bildete sich eine Notgemeinschaft gegen die Schnellstraße. Wir Bürger, die ihr "Lechl" als Wohngebiet insgesamt bedroht sahen, gingen auf die noch unverbaute Straße; Flugblätter, Plakate und Zeitungen schlugen Alarm. Das "Münchner Forum", einzelne Stadträte beider Großparteien und an vorderster Front der Architekt Karl Klühspies, ohne dessen Einspruch diese Stadt heute anders aussähe, erkämpften einen Teilsieg nach dem anderen, bis Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD) endlich, nach 30 Jahren, das Wahnsinnsprojekt zur Gänze aufgab.

Heute fließt vor meinem Fenster zwar immer noch der (erträgliche) Verkehr, gleich daneben aber strömt weiter, wie in ewigen Zeiten, die schöne, grüne Isar.


Isarführungen bieten unter anderem an: der Flößerverein jeden Samstag (über das älteste Isargewerbe), der Isartalverein am 29. Juni (mit dem Radl in die Pupplinger Au). Das Scheitern der "Isarparallele" schildert der Architekt Karl Klühspies im Buch "München – nicht wie geplant".

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