Einstimmung auf die Wiesn Oktoberfest? Septemberliebe!

Herzerl, Bier und hoffentlich so oft wie möglich ein weiß-blauer Himmel: Von diesem Samstag an geht es wieder rund. Es dreht sich das Riesenrad, vielleicht beim ein oder anderen Wiesn-Besucher auch gleich noch mehr. 18 Tage Wiesn-Wahnsinn, das 184. Oktoberfest. Die ehemalige Wiesn-Chefin der Stadt München stimmt ein auf das Oktoberfest 2017. Foto: dpa

Jahrzehntelang war sie bei der Stadt für das Fest verantwortlich. In der AZ schreibt Gabriele Weishäupl über ihr ganz persönliches Wiesn-Gefühl

 

Wenn zwölf Böllerschüsse verkünden, dass das Spiel beginnt, dann ergreift mich das Wiesnfieber, so als könne es keinen September in meinem Leben ohne dieses Fest geben, auch wenn ich nicht mehr in Verantwortung bin.

Kein Thema meines Berufslebens hat mich so gefangen genommen wie die Wiesn. Der frühe Herbst wird für mich wohl immer das Land meiner Wiesn-Erinnerungen sein. Ich räume meine Dirndl aus dem Keller, bügle die Schürzen, dass die Bänder fliegen und singe leise das Lied "September Love".

Ich memoriere die Wiesndaten, denn manchmal brauche ich sie noch für meine Ehrenämter mit Wiesnbezug. Tatsächlich regiert in mir immer noch der alte Rhythmus eines langen Wiesnlebens in Amt und Pflicht. Ich kenne die Parallelwelt der Organisatoren und ihre Termine, fühle mich immer zugehörig, mein Herzschlag beschleunigt sich, wenn ich mich dem Festplatz nähere.

"Mein Herzschlag beschleunigt sich, wenn ich näher komme"

Nein, ich bin keine "normale" Wiesngängerin. Mein Blick ist schärfer, meine Gefühle sind ambivalenter und meine Gedanken ungewöhnlicher.

Jedes Jahr erfüllt mich der Anblick des Festes mit Freude und Stolz.

Ich empfinde Freude an der Ästethik der Aufplanung und an der Schönheit der Volksfestarchitektur. Allein die Dimension ist atemberaubend, und der Blick von Nord nach Süd über die gesamte Länge der Wirtsbuden- und der Schaustellerstraße zeigt die Pracht der Fassaden und die Einmaligkeit des großen Festes, das mitten in der Stadt liegt.

Und am südlichen Ende wartet ein Sehnsuchtsort, die Oide Wiesn. 20 000 Unterschriften überreichten die Münchner dem OB und mir am letzten Tag der Jubiläumswiesn 2010, damit dieses Fleckerl "wie damals" auch zukünftig dableiben kann. Nun bleibt es und sendet sein liebenswertes Signal aus.


Gabriele Weishäupl und die Wiesn: Dasgehörte viele Jahre einfach zusammen. Unser Bild zeigt sie beim Dirigieren im Jahr 2010. Foto: dpa

Von der Wiesn insgesamt ging auch ein anderes Signal aus: Der Siegeszug der Tracht in allen Variationen in den 90er Jahren, der auch andere Volksfeste ergriff.

Das Haus der Bayerischen Geschichte ortete mich als eine der Begründerinnen des Trachten-Hypes wegen hoher medialer Präsenz im Dirndl und Pionierin in den 80er, 90er und 2000er Jahren.

Nun wird eines meiner schwarz-gelben Präsentationsdirndl im Museum der Bayerischen Geschichte ausgestellt werden (auch der ausrangierte brüllende Löwe vom Löwenbräuzelt wird dort seinen Austrag haben.) Wenn ich über den Festplatz gehe und die vielen feschen Dirndlträgerinnen sehe, kritisiere ich übrigens nicht geschmäcklerisch herum, sondern freue mich über die Tatsache, dass sie Teil unseres Festes sein wollen. Und das so oder so zeigen.

Wenn ich über die Wiesn gehe erfüllt es mich auch mit Freude und Stolz, dass ich mit einem großartigen Team viele Jahre für dieses herausragende Ereignis verantwortlich sein durfte. Und ich denke gerne an den Teamgeist, der die "Wiesnfamilie" trotz gelegentlicher Hauskräche verband.

Das Wiesnfieber treibt mich über den Festplatz, wobei die alte Chefposition noch irgendwo in mir lauert. Wer steht heuer wo? Was ist neu oder anders?

Ich schätze die Besucherzahlen, suche nach Ordnungswidrigkeiten oder Verstößen gegen die Oktoberfestverordnung, hebe Flaschen auf und spüre der aktuellen Stimmung nach. Nein, ich bin keine normale Wiesngängerin, da muss noch viel Wasser die Isar runterlaufen, bis ich entspannt und wurschtig die Theresienwiese begehe.

Begierig forsche ich, ob noch Spuren meiner "Herzensangelegenheiten" da sind. "Gibt es einen speziell weiblichen Blick auf das Fest?", wurde ich oft als erste Frau in der Festleitung gefragt. Tatächlich gibt es deutliche Spuren seit den 80er Jahren in Richtung "sanfte Wiesn" und Achtsamkeit im Umgang mit Menschen, von der damals eingeführten Pressebetreuung über Ansprache der Familien, Frauen, Kinder, altgedienten Mitarbeiter, Menschen hinter den Kulissen oder Besucher mit Handicap bis zur Lautstärkenregelung in den Zelten.

"Die Wiesn hinter Gittern? Macht mich zornig und traurig"

Heuer bin ich übrigens Gast beim Seniorenstammtisch der Schausteller, den ich selbst ins Leben gerufen habe, quasi bin ich Altschaustellerin.

Natürlich hat die Wiesn nicht nur Freude gemacht. Wie im richtigen Leben gab es Intrigen, PR-Neid, Häme, Machtkämpfe, herzliche Feindschaften und heftige Attacken – auch gegen mich persönlich.

Bedrückend waren die dunklen Seiten des Festes mit Schlägereien, Gewalt und Exzessen aller Art und der Missbrauch der Wiesn als Vermarktungsplattform. Das Oktoberfest war immer ein Spiegelbild der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Lande.

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Monarchie, Diktatur, Demokratie, Wirtschaftswunder, Kapitalismus, Grenzen des Wachstums, Ökologie, Nachhaltigkeit: Für vieles war das Fest Indikator.

24 Mal ist es ausgefallen wegen Kriegen, Revolution, Cholera, Notzeiten. Auch wenn es nicht stattfinden konnte, gab es Signale über die Zeitläufte und ihre Schrecken.

Auch jetzt gibt es ein Signal mit dem höchsten Sicherheitsstandard aller Zeiten. Ich empfinde Trauer und Zorn, wenn ich das Fest der Lebensfreude hinter Gittern sehe.

Das eingezäunte Fest, schwerstbewacht im mehrfachen Sicherheitsgürtel, zeigt deutlich die Gefahr, die von einem mörderischen Fanatismus drohen kann. Es zeigt aber auch, dass das große Volksfest sich wappnet und bereit ist, seine Werte zu verteidigen: Freiheit, Völkerverständigung, Tradition und offene Gesellschaft.

In vielen Jahren als Festleiterin war mir die abstrakte Gefahrenlage des Oktoberfestes immer bewusst. So betrachte ich jetzt die hochgerüstete, wehrhafte Wiesn als Symbol mit Zuversicht und Dankbarkeit für die Sicherheitsdienste, die sich um das Fest kümmern.

Das Mögliche wird getan.

Lassen wir uns von unserem traditionellen Wiesnbesuch, der zu unserer Lebensart gehört, nicht abhalten.

"Die Wiesn ist für mich ohne Zweifel das Fest meines Lebens"

Liebe Wiesn, sei beschützt, heiße die Welt willkommen und bleib Heimat für München!

Und so sind meine Gedanken und Gefühle anders als die einer unbefangenen Wiesngängerin. Meist wird diese auch nicht von einem Film-Team begleitet wie ich heuer.

Für die Sendung "Lebenslinien" folgt mir ein Kamerateam zum Anstich und zu weiteren Begegnungen auf der Wiesn.

Denn ohne Zweifel landet eine meiner wichtigen Lebenslinien auf der Theresienwiese beim Fest meines Lebens, meiner Septemberliebe.


Gabriele Weishäupl war von 1985 bis 2012 Wiesn- und Tourismus-Chefin der Stadt München.

Lesen Sie hier: Kampf dem Hähnchen - Auf der Wiesn gibt's Giggerl

 

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